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Herzrhythmusstörungen: Herz aus dem Takt

Herzrhythmusstörungen: Herz aus dem TaktHerzrhythmusstörungen sind beängstigend und keineswegs immer harmlos. Kaum jemand achtet auf den Puls, solange dieser in gewohntem Tempo schlägt. Regelmäßig wie ein Metronom arbeitet das Herz beim gesunden Menschen mit 60 bis 80 Pulsschlägen pro Minute im Ruhezustand und bei leichter körperlicher Tätigkeit. Anstrengungen und seelische Anspannung steigern den Sauerstoffbedarf des Herzmuskels. Dann erhöht das Herz durch raschere Pulsfrequenz seine Pumpleistung. Rhythmusstörungen sind Abweichungen von dieser Normalität mit vielfältigen Ursachen.

Die verlässlichste Pumpe der Welt besteht praktisch nur aus Muskeln. 98 Prozent davon leisten die Pumparbeit, die mit jedem Pulsschlag das Blut in jede einzelne Körperzelle presst. Die beiden Vorhöfe und die beiden Herzkammern ziehen sich dabei abwechselnd zusammen und halten so den Blutkreislauf in Gang. Zwei Prozent der Muskelmasse sind zuständig für die Erzeugung und Weiterleitung jener elektrischen Energie, die das Herz auf Touren hält.

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Sinusknoten als Taktgeber

Der Sinusknoten, ein spezielles Muskel-Nervengeflecht in der rechten Vorhofwand, erzeugt den elektrischen Reiz, der das Herz zum Schlagen bringt. Das so genannte Reizleitungssystem überträgt dieses Signal in jede einzelne Herzmuskelzelle. Bei einer Störung in diesem „Kabelsystem“ oder im Sinusknoten selbst wird der Impuls beschleunigt, verlangsamt oder sogar ganz blockiert. Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen und Mittel gegen Herzschwäche, wie z.B. Digitalis, können ihrerseits Arrhythmien provozieren. Wenn Entwässerungsmittel zu viel Kalium aus dem Organismus ausschwemmen, entsteht im Muskel ein Elektrolytmangel, der Funktionsstörungen und damit ebenfalls Arrhythmien auslösen kann. Eine Arteriosklerose kann zu Rhythmusstörungen führen, wenn die verkalkten Gefäße das Reizleitungssystem nicht mehr ausreichend versorgen.

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Notbetrieb auf Sparflamme

Als Bradykardie bezeichnen die Ärzte die extrem verlangsamte Pulsfrequenz. Sie entsteht bei Ausfall des normalen elektrischen Impulses. Dann bemühen sich die Herzkammern selbst um die Aufrechterhaltung eines Notbetriebs mit 35 Pulsschlägen pro Minute und darunter – viel zu wenig jedoch für Leistungskraft und Wohlbefinden. Die Patienten leiden an Schwäche und Schwindel und werden gelegentlich auch bewusstlos. Ein Schrittmacher ist das Mittel der Wahl, um die normale Pulstätigkeit wieder anzukurbeln.

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Tödliches Flimmern

Die gefährlichste Form der Rhythmusstörung ist das Kammerflimmern. Bei 300 bis 350 unregelmäßigen elektrischen Wellen pro Minute ist eine Pumpleistung unmöglich, daher kein Puls mehr spürbar. Das bedeutet Kreislaufstillstand und führt unbehandelt rasch zum Tod. Dieser Sekundenherztod ist wahrscheinlich die häufigste eigentliche Todesursache bei Herzinfarkt. Nur sofort einsetzende Wiederbelebungsmaßnahmen in den ersten Minuten können lebensrettend sein. Der Laie kann entscheidende Erste Hilfe leisten. Der Notarzt kann durch dosierte Elektroschocks mit dem so genannten Defibrillator oft das Kammerflimmern unterbrechen und so das Herz wieder zum Schlagen bringen.

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Gefährliches Rasen

Beim Vorhofflimmern pocht das Herz rasend schnell mit bis zu 200 Schlägen pro Minute. Bei dieser so genannten Tachykardie bleibt die Pumpfunktion in der Herzkammer zwar erhalten, im Vorhof jedoch wird nicht mehr aktiv gepumpt. Durch den trägen Blutfluss in diesem Hohlraum besteht die Gefahr der Bildung von Blutgerinnseln an der Vorhofwand. Werden sie in das Gefäßsystem des Körpers abgeschwemmt, droht ein Schlaganfall.

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Besser handeln als warten

Auf Dauer belasten schwere, unbehandelte Rhythmusstörungen den Energiestoffwechsel des Herzens und schädigen den „Lebensmotor“. Mit modernen Therapieverfahren können bestimmte Rhythmusstörungen geheilt werden. Dafür stehen wirksame Medikamente und minimal invasive Eingriffe zur Verfügung. So kann etwa per Herzkatheter mit Elektrosonde ein krankes Reizleitungsbündel gezielt abgetragen und damit unschädlich gemacht werden. Oft versuchen Patienten mit Pressatmung, eiskaltem Mineralwasser und bestimmte Massagen der Rhythmusstörung Herr zu werden. Das ist gelegentlich zu empfehlen, wenn der Arzt die Wirksamkeit dieser Manöver überprüft hat. Eine Selbstbehandlung ohne ärztliche Anweisung kann allerdings riskant sein. Nur durch gründliche Untersuchung können Art und Ursache der Rhythmusstörung entdeckt und die richtige Therapie rechtzeitig gestartet werden – solange die Pumpe nur stottert und noch nicht stockt.


Klaus Stecher
Oktober 2010


Foto: Bilderbox, privat

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Kommentar:

Kommentarbild von Prim. Prof. Dr. Peter Kühn zum Printartikel „Beim erstmaligen Auftreten von Rhythmusstörungen sollte unbedingt rasch ärztlicher Rat eingeholt werden. Aus dem EKG kann der Arzt auf die Art der Rhythmusstörung schließen und falls nötig die geeignete Therapie einleiten. Unter Umständen empfiehlt sich auch die Beobachtung mit einem 24 Stunden-Langzeit – EKG“.
Prim. Prof. Dr. Peter Kühn
Kardiologe, Vorstand der 2. Internen Abteilung am KH der Barmherzigen Schwestern, Linz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020