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Onkologische Reha: Leben nach dem Krebs

Onkologische Reha - Leben nach dem KrebsDer Tumor ist entfernt, die Chemotherapie überstanden. Was nun? Krebspatienten haben seit kurzem auch in Österreich die Möglichkeit einer Rehabilitation. Hier lernen sie, mit der Erkrankung umzugehen und zuversichtlich in die Zukunft zu sehen.

Pro Jahr werden in Österreich rund 19.000 Männer und 17.000 Frauen mit einer Krebsdiagnose konfrontiert. Jede Diagnose erschüttert den betroffenen Menschen in seinen Grundfesten. Eine Krebsdiagnose ist jedoch keineswegs zwingend ein Todesurteil. Dank immer besserer Vorsorge- und Diagnosemöglichkeiten kann Krebs in vielen Fällen frühzeitig erkannt und behandelt werden. Ganz entscheidend im Genesungsprozess ist die Nachsorge.

Rehabilitation für Körper und Psyche

„Durch Kombination von körperlichen, psychischen und sozialen Rehabilitationsmaßnahmen kann bereits nach drei Wochen eine signifikante und anhaltende Verbesserung der Lebensqualität erzielt werden“, sagt Univ.-Prof. Dr. Dietmar Geissler, Ärztlicher Leiter des Rehabilitationszentrums Althofen und Vorstand der 1. Medizinischen Abteilung, Klinikum Klagenfurt. Er verweist auf ein 4-Säulen-Konzept, das auf eine Verbesserung von körperlichen und psychischen Problemen abzielt, zudem die soziale Situation berücksichtigt und Wege vermitteln soll, wie das Rezidivrisiko günstig beeinflusst werden kann.

Krebs löst massive Ängste aus

Die größte Angst der meisten (ehemaligen) Krebspatienten ist die Angst vor einem Rezidiv, also vor der Rückkehr der Erkrankung. „Die Angst ist deshalb so eindringlich, weil der Körper gezeigt hat, dass Krebs einem selbst passieren kann. Was so Angst macht, ist die Bedrohung aus dem Inneren, die Gefahr lauert in einem selbst. Wer einmal Krebs hatte, muss prinzipiell mit einem Wiederauftreten rechnen und das belastet natürlich die Psyche“, erklärt Geissler.

In einer onkologischen Rehabilitation lernt der Patient mit seinen Ängsten umzugehen. Einerseits durch psychologische oder psychotherapeutische Unterstützung, anderseits durch das Erlernen eines Lebensstils, der die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls verringert. Man kennt zwar in den meisten Fällen die Ursache der Erkrankung nicht, allerdings gilt bei vielen Krebsarten wissenschaftlich gesichert, dass der Lebensstil auf die Entstehung und das Widerauftreten der Erkrankung Einfluss nimmt.

Meist vermindern sich die Ängste während der Reha deutlich. Es zeigt sich, dass ein halbes Jahr nach Abschluss der Maßnahme die Patienten deutlich optimistisch sind und sich ihr seelischer Zustand stabilisiert hat. „Allerdings zeigt sich auch, dass etwa ein Jahr nach der Reha die Angst oft zurückkehrt. In dringlichen Fällen ist daher eine Wiederholung der Reha möglich“, so Geissler.

Lebensstil hat Einfluss

Immer noch gibt es Ärzte und selbst Onkologen, die ihren Patienten mitteilen, dass diese selbst nichts dazu beitragen könnten, um auf ihre Erkrankung und deren Rezidivrisiko Einfluss zu nehmen. Das ist jedoch falsch. Der Patient kann zwar sein Rezidiv-Risiko nicht völlig ausschalten, er kann aber sehr wohl dazu beitragen, dass das Risiko sinkt. „Der Patient kann etwas tun und er soll etwas tun. Es gibt genügend Daten, die belegen, dass der Lebensstil Einfluss hat. Was der Patient selbst tun kann, das lernt er in der Reha“, sagt Geissler.

Sehr verkürzt dargestellt, sind folgende Punkte von Bedeutung:

  • Bewegung und Sport: Mindestens fünf Mal pro Woche eine halbe Stunde aerobes Training
  • Die Ernährung optimieren (Reduktion von Zucker und anderen „schnellen“ Kohlenhydraten etc.)
  • Raucherentwöhnung: Wer immer noch raucht, dem wird geholfen, sich von dieser Sucht zu befreien
Viel Bewegung und gesunde Ernährung vermindern das Rezidivrisiko. Viele internationale Studien stützen diese Annahme. Geissler: „Man kann mit medizinischer Sicherheit davon ausgehen, dass Bewegung und gesunde Ernährung positiv wirken.“ Von einer Ernährungsumstellung profitieren laut Studien am deutlichsten Menschen mit Dickdarm-, Brust- und Prostatakrebs.

Wichtig ist die Reduktion des viszerales Fettgewebes (auch als „Bauchspeck“ bekannt.) „Dieses Gewebe ist hormonell hochaktiv. Dort werden nicht nur Östrogene und östrogenartige Hormone produziert, die das Wachstum von Krebszellen anregen können, sondern auch Insulin und insulinähnliche Wachstumsfaktoren, die für verschiedene Tumorgewebe einen Wachstumsstimulus darstellen. Die Reduktion des viszeralen Fetts spielt erwiesenermaßen vor allem bei Brust- und Dickdarmkrebs eine Rolle. Sie kann durch Ernährungsumstellung und aerobes Training gelingen, beide Faktoren sind Bestandteile des onkologischen Rehabilitationsprogramms“, so der Arzt.

Reha wirkt

„Eine onkologische Reha verbessert nicht nur die Lebensqualität, sie reduziert auch das Rezidivrisiko“, berichtet Geissler. Ein geringeres Rezidivrisiko bedeutet, dass Rückfälle seltener auftreten. „Eine Rehabilitation macht auch bei einem Kosten-Nutzen-Vergleich Sinn. Sie kostet nur den Bruchteil einer Chemotherapie, verringert die Spitalsaufenthalte und erhält in vielen Fällen die Arbeitskraft der Betroffenen. Jeder Euro ist gut investiert“, sagt der Spezialist. Auf den Patienten selbst entfallen keine Kosten.

Eine Reha dauert in der Regel drei Wochen und wird inhaltlich individuell den Bedürfnissen des Patienten angepasst. Sie kann von Patienten mit abgeschlossener Primärbehandlung oder von Patienten in stabilem Zustand beim Hausarzt oder beim behandelnden Arzt beantragt werden. Zuständiger Träger ist die PVA (Pensionsversicherungsanstalt).

Reha-Plätze im Steigen

Momentan gibt es zirka 340 Plätze in Österreich. Laufend werden mehr Plätze geschaffen. Man nähert sich Schritt für Schritt dem Bedarf an, der auf rund 700 Plätzen geschätzt wird. „Ein Drittel aller Krebspatienten braucht nach der Primärbehandlung professionelle Unterstützung, ansonsten drohen Depressionen und oft auch Suizide“, sagt Geissler. Das Problem: Schwer depressive Menschen beantragen kaum Rehabilitation, sie leiden alleine und sind ohne Unterstützung.

Die Anzahl der Tumorerkrankungen in Österreich nimmt stetig zu. Die Gründe dafür sind vielfältig. Weil die Menschen älter werden, steigt die Zahl der Erkrankungen und weil sie Tumore immer häufiger und länger überleben, steigt auch die Möglichkeit an Rezidiven. „In den letzten 20 Jahren ist die Zahl derer, die eine Krebserkrankung länger als fünf Jahre überlebt haben, von 42 auf 60 Prozent gestiegen“, so Geissler. Allein aus diesem Grund steigt die Zahl der möglichen Reha-Patienten von Jahr zu Jahr.

Leben in neuem Licht

Menschen mit schweren Erkrankungen geht oft das so genannte Kohärenzgefühl verloren. Damit ist das Urvertrauen gemeint, das Leben bewältigen zu können. Krankheiten wie Krebs erschüttern das bisherige Selbstverständnis, ein gesunder Mensch zu sein; sie vernichten das Vertrauen in den eigenen Körper und zeigen drastisch und überfallsartig die eigene Endlichkeit auf. Das Leben zeigt sich in völlig anderem Licht, Wertigkeiten verschieben sich, bisher (vermeintlich) Wichtiges wird unwichtig, Verdrängtes plötzlich dringlich.
„Es ist wichtig, aktiv auf Probleme zuzugehen und die Situation anzunehmen wie sie augenblicklich eben ist. Wir arbeiten mit den Patienten daran, aus der Opferrolle heraus zu kommen und wieder aktiv und selbstbestimmt ins Leben zu steigen“, so Geissler. Ebenso wird den Patienten die Erkrankung erklärt und diese nicht ihrer Phantasie überlassen. Es ist wichtig, dass man die Erkrankung auch intellektuell erfassen kann.

Wenn der erste Schock überwunden ist, die Krankheit stabilisiert wurde und die Primärbehandlungen abgeschlossen sind, ist es Zeit, sich neue und der Situation angepasste Ziele zu setzen. Es ist wichtig, sich mit der Erkrankung aktiv auseinandersetzen, diese nicht zu verdrängen, sondern zu bewältigen. Den Blick nach vorne zu richten, ist ein Meilenstein auf dem Weg zurück zur Gesundheit und zur verloren gegangen Normalität des Lebens.

Dr. Thomas Hartl
August 2013


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020