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Stottern: Männerproblem

Stottern MännerproblemIn „Stotterfamilien” ist oft das positive Feedback gestört. Stottern ist für viele Betroffenen mit Angst, Resignation und Mutlosigkeit verbunden. Besonders häufig trifft es Männer.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten jahrzehntelang in Gesprächen alle Wörter mit den Anfangsbuchstaben E, P und B (oder auch andere Laute) meiden. Was auf den ersten Blick unmöglich scheint, ist für erwachsene Stotterer traurige Routine. Viele von ihnen sind Meister des Tarnens. Ihre Sprachbehinderung ist für die Umgebung oft gar nicht erkennbar. Belastend ist sie für die Betroffenen aber dennoch. Denn Stottern ist weit mehr als eine Einschränkung beim Sprechen. Es kann auf vielfältige Weise das innere Gleichgewicht und damit das Selbstwertgefühl beeinträchtigen. Männer sind von dieser Störung um bis zu zehn Mal häufiger betroffen als Frauen. Mediziner führen das auf eine genetisch bedingte größere Sprachkompetenz bei Mädchen und Frauen zurück.

Wurzeln liegen in der Kindheit

Der klinische Psychologe Dr. Rüdiger Opelt hat in seiner Salzburger Praxis immer wieder mit Männern zu tun, die unter ihrem Stottern leiden. Die Ursprünge des Problems liegen meist in der Kindheit: „Oft wollen Söhne ihren Vätern etwas sagen, fürchten sich aber aus Erfahrung vor negativen Reaktionen und Missachtung“, erklärt Opelt. „Als Reaktion darauf bleiben die Worte einfach stecken“. In Stotterfamilien sei sehr oft das positive Feedback gestört. Das „Papa schau her!“ des kleinen Jungen würde in diesen Fällen nicht Lob und Anerkennung, sondern eher ein „Halt endlich den Mund und lass mich in Ruhe!“ auslösen – eventuell „unterstützt“ durch ein paar handfeste Hiebe. Stottern ist einfach oft Angst vor Gewalt, sei sie nun verbaler (Sarkasmus, Spott und Hohn) oder körperlicher Art. Auch zu hohe Erwartungen von Seiten der Eltern oder Depressionen eines Elternteils können zu Stottern bis ins Erwachsenenalter führen. Der berühmte Grieche Demosthenes war einst ein Stotterer, verspottet und kontaktarm und wurde schließlich zu einem der größten Redner der Antike. Sein Beispiel zeigt wie das vieler anderer erwachsener Stotterer, dass es für eine Lösung dieses Sprachproblems nie zu spät ist.

Zwar ist eine Behandlung der Störung bereits im Kinderalter optimal. Hilfe gibt es aber auch für Erwachsene. Doch gerade bei der Frage nach der wirkungsvollsten Therapie scheiden sich die Geister. Während in psychotherapeutische Verfahren oft nach möglichen Auslösern in der Familiengeschichte des Patienten gesucht wird, beschäftigt sich die Medizin eher mit dem Vermitteln von Atem- und Sprechtechniken, um so das Problem in den Griff zu bekommen. Medizinischer Ansprechpartner für von Stottern Betroffene ist jedenfalls der Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten.

Dr. Regina Sailer
Juni 2010


Foto: Bilderbox, privat

Kommentar

Kommentarbild von Univ.-Prof. Dr. Gerhard Friedrich zum Printartikel „Stottern ist bei Männern wesentlich häufiger, da durch genetische Faktoren Mädchen und Frauen linguistisch leistungsfähiger sind. Chronifiziertes Stottern im Erwachsenenalter ist im strengen Sinn nicht heilbar. Eine logopädische Übungstherapie kann die Symptome jedoch in vielen Fällen so vermindern, dass der/die Betroffene die Störung sehr gut in den Griff bekommt.“
Univ.-Prof. Dr. Gerhard Friedrich
Leiter der Klinischen Abteilung für Phoniatrie der HNO-Universitätsklinik Graz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020