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Herz-Lungen-Maschine: Mobile Lebensrettung

Herz-Lungen-Maschine: Mobile LebensrettungBei einem Herzstillstand entscheidet jede Minute über Leben oder Tod. Neben den herkömmlichen Reanimationsverfahren könnten künftig verstärkt mobile Herz-Lungen-Maschinen Leben retten.

Herkömmliche Herz-Lungen-Maschinen (HLM) werden normalerweise im Operationssaal und der Intensivmedizin verwendet. Sie kommen vor allem bei Operationen am offenen Herzen zum Einsatz. Dabei ist es nötig, dass Herz und Lunge für die Dauer des Eingriffes still gelegt werden. Herz-Lungen-Maschinen halten während der OP den Blutfluss der Patienten aufrecht und sorgen dafür, dass das Gehirn mit Sauerstoff versorgt wird.
An der Universitätsklinik für Notfallmedizin am AKH Wien wird diese Technologie auch in der Notfallmedizin angewandt, um Menschen zu retten, bei denen andere Wiederbelebungsmaßnahmen erfolglos verliefen.

Einzige Notaufnahme mit Herz-Lungen-Maschine

In Österreich ist die Universitätsklinik für Notfallmedizin am AKH Wien das einzige Zentrum, an dem klinisch tote Notfallpatienten mit Herz-Lungen-Maschinen in der Notaufnahme reanimiert werden. Bei jedem dieser Einsätze ist Teamarbeit von Experten aus den unterschiedlichsten Disziplinen gefragt. Herzchirurgen und Kardiotechniker werden bei einem Notfall durch die Internisten der Notaufnahme alarmiert und müssen binnen Minuten vor Ort in der Aufnahme eintreffen. Die Zusammenarbeit muss geprobt und perfektioniert werden, damit alles wie gewünscht verläuft. Eine der Herausforderungen für die Herzchirurgen ist es, während der Wiederbelebungsversuche große Blutgefäße über Katheter mit der Maschine zu verbinden.

Mobil und kompakt

Hierbei kommt eine kompakte, bewegliche Herz-Lungen-Maschine zum Einsatz. Sie ist – im Gegensatz zu den herkömmlichen HLM, die schwer und sperrig sind – kompakt und klein, etwa so groß wie ein alter PC-Schirm auf Rollen.

Erste Minuten entscheidend

In der Notaufnahme werden Patienten mit Herz-Kreislauf-Stillstand entweder konservativ reanimiert oder die mobile HLM kommt zum Einsatz. Letzteres ist nur möglich, wenn ein Patient zuvor durchgehend reanimiert wurde. „Entscheidend sind immer die ersten Minuten. Das Gehirn kann drei Minuten ohne Sauerstoff auskommen. Bricht jemand auf der Straße zusammen und bekommt er nicht sofort Hilfe in Form einer Herzdruckmassage, ist das eine Tragödie“, so Dr. Christian Wallmüller von der Universitätsklinik für Notfallmedizin an der Medizinischen Universität Wien.

In der Notaufnahme

Die mobile Herz-Lungen-Maschine soll – ebenso wie die herkömmliche große Ausführung einer HLM – die Funktion des Herzens übernehmen und das Blut mit Sauerstoff sättigen. Eine Behandlung mit der mobilen HLM wird somit in der Notaufnahme initiiert und dient zur Stabilisierung im Akutfall. Gelingt das, wird der Patient mit der mobilen HLM an eine Intensivstation weitertransferiert. Die Aufenthaltsdauer von reanimierten Patienten in der Notaufnahme beträgt etwa zwölf bis 24 Stunden.
„Pro Jahr reanimieren wir rund 200 Patienten mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand. Aus Analysen wissen wir, dass wir mit der mobilen Maschine 15 Prozent der Betroffenen wieder erfolgreich ins Leben zurückholen. 15 Prozent wären also ohne die mobile HLM gestorben. Und das wirklich Unglaubliche ist, dass keiner der Geretteten schwere neurologische Defizite davongetragen hat. Es gab keine oder nur leichte Gehirnschädigungen, wie etwa leichte Sprachstörungen. Zum Teil sind diese Menschen heute wieder arbeitsfähig“, freut sich Dr. Wallmüller. Der Notfallmediziner über die Notwendigkeit, fehlgeschlagene Reanimationsversuche beenden zu müssen: „Schlägt die Behandlung mit der Maschine an und der Patient hat wieder einen Kreislauf, werden seine Organe mit Blut versorgt und die weitere Behandlung wird vorbereitet. Passiert das nicht, steht man vor der Entscheidung, ob und wann man das Gerät wieder ausschaltet. Die entscheidende Richtlinie für diese schwierige Entscheidung ist das Wohl des Patienten. Messwerte und Daten geben uns im konkreten Fall die Anhaltspunkte um wissen zu können, ob eine weitere Reanimation für den Patienten sinnvoll ist oder nicht.“

Die Zukunft: Intensivmedizin am Unfallort

Mobile Herz-Lungen-Maschinen könnten in Österreich in einigen Jahren nicht nur in der Notaufnahme eines Spitals, sondern auch direkt am Unfallort zum Einsatz kommen. Mobile Geräte könnten mit der Rettung oder auch in einem Hubschrauber transportiert werden und damit Patienten direkt vor Ort akut versorgen. In Deutschland und Frankreich gibt es bereits erste Ansätze, wo dies in einigen Städten erprobt wird. Der Vorteil: Das Risiko, dass es während des Transports zum Spital zu Reanimationsunterbrechungen kommt, in denen Herz und Hirn geschädigt werden, fällt weg.
„Momentan erforschen wir in einer Studie die Einsatzmöglichkeit der mobilen HLM. Es geht darum, ob die mobile HLM gegenüber der konventionellen Methode Vorteile bringt“, sagt Wallmüller. Er betont, dass der Transport dieser Maschinen in Rettungswägen in Österreich derzeit aber erst „Zukunftsmusik“ sei, vermutet aber, dass sie in einigen Jahren durchaus tatsächlich zum Einsatz kommen werden. „Die bis vor wenigen Jahren unvorstellbare Idee, einen Eingriff, der normalerweise im Operationssaal geschieht, am Ort des Notfalls durchzuführen, könnte Wirklichkeit werden“, so der Notfallmediziner.

Lebensrettend

Nachteile gebe es durch den Einsatz der mobilen HLM keine. „Ich kann den Patienten nur retten und nichts schlimmer machen. Wenn der Patient zu uns kommt, ist er ja quasi tot. Glückt ein Einsatz, retten wir sein Leben“, so Dr. Wallmüller.
Der Einsatz einer mobilen Herz-Lungen-Maschine ist in jedem Fall ein schwieriger, aber auch ein relativ sicheres Unterfangen mit nur wenigen Komplikationen. Da bei einem Herz-Kreislaufstillstand ein Patient zwischen Leben und Tod schwebt, ist sein Körper extrem belastet. Aus diesem Grund hat auch das Alter des Patienten Einfluss darauf, ob die mobile HLM zum Einsatz kommt oder nicht.
„Wir wenden das Verfahren gezielt an, also nicht bei jedem Patienten. Meist bei jüngeren Patienten mit einem Altersschnitt von 35 Jahren, weil Jüngere bessere Chancen haben, nach dem Herz-Kreislauf-Stillstand wieder zu genesen. Bei einem 80-Jährigen dagegen stehen die Überlebenschancen schlecht, weil er meist wenige Reserven hat und sich kaum erholen kann. Oft haben sehr alte Menschen auch viele Begleiterkrankungen, die die Prognose verschlechtern. Unbedingt möchte ich jedoch noch einmal auf die Wichtigkeit der Ersten Hilfe kommen. Passiert in den ersten Minuten eines Herzkreislaufstillstands keine Laien-Reanimation, so kann der Patient von den tollsten und innovativsten Behandlungsmöglichkeiten nicht profitieren, da es bereits zu einem Hirnschaden gekommen ist und den kann man leider nicht mehr beheben“, so der Notfallmediziner.

Dr. Thomas Hartl
März 2013


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020