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Schädel-Hirn-Trauma: Erschüttert

Erschüttert Schädel Hirn TraumaBeim Schädel-Hirn-Trauma zählt oft jede Skunde. Das Gehirn ist das einzige Organ, das zum Schutz ganz von einem Knochenpanzer umgeben ist. Genau das kann im Fall eines Schädel-Hirn-Traumas dem Patienten zum Verhängnis werden. Etwa, wenn eine Blutung lebensgefährlichen Druck auf das Gehirn ausübt. Solche Blutungen können die Folge von relativ harmlos erscheinenden Erschütterungen des Gehirns sein.

Auslöser eines Schädel-Hirn-Traumas ist immer ein punktuelles Ereignis: ein Unfall, Sturz oder Schlag, der massiv auf das Gehirn einwirken kann. „Was dann passiert, ist ein sehr komplexer und dynamischer Prozess, der von vielen Faktoren abhängig ist. Es wird eine Kaskade von Ereignissen ausgelöst, für deren richtige Bewertung einiges an Erfahrung nötig ist“, weiß Priv.-Doz. Dr. Gabriele Wurm, Neurochirurgin am Wagner-Jauregg-Krankenhaus in Linz. Die Kräfte, die auf das Gehirn wirken, können Blutungen und Schwellungen auslösen. Die fatale Folge kann daher sein: Dem Gehirn wird Raum in der knöchernen Schädelkapsel genommen. Unbehandelter Druck auf das Hirngewebe kann tödlich sein oder zu dauernder Invalidität führen. 

Gefährliche Blutungen

Um das zu verhindern, muss die Neurochirurgie alles versuchen, um dem Gehirn wieder seinen nötigen Platz zu verschaffen. Was einfach klingt, führt in der Realität zu komplizierten und aufwändigen Operationen am Schädel. Hat sich etwa zwischen dem Schädelknochen und der harten Hirnhaut eine Blutung („Epiduralhämatom“) gebildet, die auf das Gehirn drückt, wird die Schädeldecke eröffnet und das Blut entfernt. Gefährliche Blutungen können auch unter der Hirnhaut oder mitten im Hirn entstehen. Falls eine Gehirnschwellung das Leben des Patienten bedroht, kann es beispielsweise auch notwendig sein, große Teile der Schädeldecke abzunehmen, um den Druck zu mindern. Neurochirurgin Wurm: „In den meisten Fällen ist es möglich, den Knochendeckel einzufrieren und wieder einzusetzen, wenn die Schwellungen abgeklungen sind.“ Das kann übrigens Wochen bis Monate dauern. Neben der Entfernung von Fremdkörpern und der Schaffung und Sicherung von Raum für das Gehirn besteht eine Hauptaufgabe in der Versorgung von Schädel-Hirn-Traumata auch in der Verhinderung von Infektionen. Neurochirurgin Gabriele Wurm: „Das ist beispielsweise bei einem Bruch der vorderen Schädelbasis extrem wichtig. Wir müssen das unbedingt abdichten, weil sonst Keime aus der Nasennebenhöhle einwandern können.“ Die Medizin unterscheidet beim Schädel-Hirn-Trauma je nach dem Schweregrad der Gewalteinwirkung auf die grauen Zellen zwischen Gehirnerschütterung, Gehirnprellung und Gehirnquetschung.


Die wichtigere Frage ist jedoch, ab wann eine Behandlung nötig ist. Dr. Gabriele Wurm: „Bei jeder Bewußtseins-Änderung ist eine Beobachtung im Spital ratsam. Bei Patienten, die blutgerinnungshemmende Medikamente nehmen, sollte zur Sicherheit auch bei scheinbarem Bagatelltrauma eine Computertomographie gemacht werden. Das gilt auch dann, wenn es zu einer noch so kurzen Bewusstlosigkeit gekommen ist.“ Wie gefährlich es sein kann, eine Gehirnerschütterung zu bagatellisieren, weiß die erfahrene Neurochirurgin aus der Praxis. Ein Baby, das der Mutter beim Spielen ausgekommen und mit dem Hinterkopf auf die Glasplatte eines Couchtisches gefallen war, überlebte nur knapp. Die Mutter hatte das schreiende Baby beruhigt und zu Bett gebracht. Erst nach mehreren Stunden schöpfte sie Verdacht, weil das Kind auffällig tief schlief und kaum zu wecken war. Erst dann fuhr die Mutter mit ihrem Baby ins Spital. Dr. Gabriele Wurm: „Als das Baby zu uns kam, musste es bereits reanimiert werden. In einer Notoperation haben wir ein Epiduralhämatom entfernt – keine Minute zu früh. In diesem Fall hat das Kind die Sache ohne bleibende Folgen überstanden.“ Auch bei einer noch so harmlos erscheinenden Gehirnerschütterung sollte deshalb eine neurologische Untersuchung gemacht werden. Und beim geringsten Verdacht auf eine Blutung ist eine Computertomographie notwendig. Im Fall von festgestellten kleinsten Blutungen muss die Entwicklung mit wiederholten CT-Aufnahmen überwacht werden. Zusätzlich gibt es Möglichkeiten, den Druck im Kopf mittels kleiner Sonden zu messen, um nötigenfalls sofort Abhilfe zu schaffen. 

60.000 Opfer

In Österreich erleiden pro Jahr mehr als 60.000 Menschen ein Schädel-Hirn-Trauma, wobei zwei Gruppen überdurchschnittlich gefährdet sind. Dozentin Gabriele Wurm: „Am gefährdetsten sind junge Männer, gefolgt von Senioren.“ Während den jungen Männern vor allem ihr riskantes Verhalten im Straßenverkehr und beim Sport zum Verhängnis wird, sind Senioren immer öfter Opfer von Stürzen oder Haushaltsunfällen. Trotz moderner Medizin enden noch immer bis zu 20 Prozent der Schädel-Hirn-Traumata tödlich, weitere 20 Prozent der Opfer bleiben ihr ganzes Leben schwer behindert.

Heinz Macher

September 2009

Foto: Wagner-Jauregg-Krankenhaus Linz, privat
 

Kommentar

Kommentarbild von Priv.-Doz. Dr. Gabriele Wurm zum Printartikel „Ein Schädel-Hirn-Trauma ist ein dynamischer Prozess. Je früher gezielt diagnostiziert und eventuell eingegriffen werden kann, desto besser ist die Prognose für den Patienten“
Priv.-Doz. Dr. Gabriele Wurm
Neurochirurgin am Wagner-Jauregg-Krankenhaus, Linz



Bilderklärung

In der Computertomographie zeigt sich ein Epiduralhämatom als heller Schatten. Die Blutung verdrängt das Gehirn. Ohne Eingriff kann das tödliche Folgen haben.

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020