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Temperatur statt Tabletten

Temperatur statt Tabletten_schlafende FrauWärme und Kälte werden zur Schmerzbekämpfung eingesetzt.. Die positive Wirkung von Wärme und Kälte ist in der Medizin seit Jahrhunderten bekannt und wird heute bei Therapien gezielt verwendet. Wer Temperatur richtig einsetzt, der kann auch selbst zu Hause so manchen Heilungsprozess beschleunigen.

Auch jemand, der die Wirkung von Wärme und Kälte nicht kennt, hat verschiedene Temperaturen sicher schon einmal instinktiv eingesetzt: Schneidet man sich in den Finger, hält man die blutende Wunde unter fließendes, kaltes Wasser. Wer hingegen verspannt und abgeschlagen ist, zieht sich in die heiße Badewanne oder unter die wärmende Bettdecke zurück.


Einer Intuition folgend, macht man sich dabei die wichtigsten beiden Grundsätze bei Wärme- und Kältebehandlungen zu eigen. Wärme weitet die Blutgefäße des Menschen. Das fördert die Durchblutung, entspannt die Muskeln und mindert den Druck in den schmerzleitenden Nervenbahnen. Bei Kälte hingegen passiert das Gegenteil: Blutgefäße ziehen sich zusammen und die Muskeln spannen sich für eine kurze Zeit an. Die Schmerzen lassen nach, weil die Nerven sozusagen das Gehirn austricksen: Der Kältereiz kommt dort schneller an als der Schmerz. Grundsätzlich gilt als Faustregel: Ein akut entzündetes Gelenk mag Kälte, eines, das chronisch schmerzt, hingegen Wärme.

 

Vor allem Wärme wurde in der Medizin schon vor Jahrtausenden eingesetzt. Die alten Ägypter wussten bereits die schmerzlindernde Wohltat eines heißen Sandbades zu schätzen. Später dann, bei den Griechen und Römern, waren Thermalbäder beliebt. In der Antike erkannte man auch die schmerzstillende und entzündungshemmende Wirkung von Kälte. So empfahlen Hippokrates (400 vor Christus) und Celsus (25 vor bis 50 nach Christus) Kälteanwendungen zur Blutstillung. Kälte brachte auch der bayerische Pfarrer Sebastian Kneipp ins Spiel, als er im 19. Jahrhundert mit seinen kalten Güssen und dem Wassertreten experimentierte.

 

„Auch heute zeigt sich, dass Wärme und Kälte, wenn sie richtig eingesetzt werden, manchen Schmerzmitteln durchaus Paroli bieten können“, sagt Primar Dr. Rüdiger Kisling, Leiter des Instituts für Physikalische Medizin und Rehabilitation am AKH Linz. Dass sogar die beliebte Wärmflasche bei Bauch- oder Unterleibsschmerzen mehr als nur Wohlbefinden spendet, haben vor kurzem britische Wissenschafter nachgewiesen. Wird ein Kanal in der Zellmembran durch Wärme aktiviert, so wirkt dieser betäubend auf einen ebenfalls in der Zellmembran befindlichen Schmerzrezeptor. „Die Wärme bewirkt nicht einfach nur ein Wohlgefühl oder einen Placeboeffekt, sie schaltet den Schmerz tatsächlich auf der Molekülebene, ähnlich schmerzstillenden Medikamenten, aus“, fand Brian King vom University College in London heraus. 

Infrarot und Ultraschall

Doch während unsere Vorfahren noch auf Wärme und Kälte „pur“ angewiesen waren, können diese heute auch künstlich hergestellt werden. So erzeugen Infrarot- und Rotlicht Wärme, ohne dass die Wärmequelle einen direkten Kontakt mit dem Körper hat. Von den oberen Hautschichten kann diese Wärme dann in die unteren Schichten vordringen. Eine Verbesserung der Durchblutung und der Muskelentspannung erreicht man auch durch Ultraschall. Zur Behandlung von Nerven- und Muskelschäden wird die Elektrotherapie eingesetzt. Dazu bringt man Elektroden auf der Haut an und durch diese wird der Strom durch den Körper geleitet. Angewandt wird die Elektrotherapie bei Rheuma, Ischias-Schmerzen oder Muskelverspannungen.

 

Diese Anwendungen erfordern allerdings Fachkenntnisse und Gleiches gilt für verschiedene Arten der Kältetherapie. Als Kryo-, Gefrier- oder Kältechirurgie (kryo = griechisch für Kälte) bezeichnet man die operative Gewebsdurchtrennung oder gezielte Zerstörung von Gewebe durch Kälte, meist Stickstoff, bis zu minus 196 Grad Celsius. Tumore an Haut, Leber oder Prostata werden dabei nicht herausgeschnitten, sondern schockgefroren. Da Kälte ohnehin schmerzstillend wirkt, kann dabei in manchen Fällen auch auf Narkose verzichtet werden.


Auch in der Dermatologie wird diese Methode angewandt. Kontrolliertes Vereisen bringt Zellen gezielt zum Absterben. Da das neue Gewebe narbenfrei nachwächst, hat sich die Kälteanwendung bei der Beseitigung von Warzen, Narben oder Altersflecken bewährt.

 

Am ganzen Körper kann extreme Kälte ebenfalls zum Einsatz kommen — in der Kältekammer. In diesem kleinen Raum herrscht eine Minustemperatur von 110 Grad Celsius. Patienten bleiben dieser extremen Kälte nur zwei bis fünf Minuten ausgesetzt. Dabei bleibt die Körpertemperatur gleich, die Temperatur der Haut kühlt aber um zwei Grad ab. Auf eine solche Kältebehandlung sprechen Patienten mit rheumatischen Beschwerden, Morbus Bechterew, Fibromyalgie, Neurodermitis oder Schuppenflechte

an.

 

Birgit Baumann

August 2008


Foto: Bilderbox, privat

Kommentar

Kommentarbild von Prim. Dr. Rüdiger Kisling zum Printartikel „Wärme und Kälte kann jeder bei sich zu Hause einsetzen, um Schmerzen zu lindern. Wichtig ist, dass Infrarot-Licht nicht in die Augen gelangt. Auch sollte man immer darauf achten, die Haut nicht mit heißen Umschlägen zu verletzen.“
Prim. Dr. Rüdiger Kisling

Leiter des Instituts für Physikalische Medizin und Rehabilitation, AKH Linz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020