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Rückenschmerzen: Bewegen statt schonen

Rückenschmerzen: Bewegen statt schonenLärm, Stress, Ärger oder Angst: Bei negativen Umweltreizen oder Emotionen verspannen sich die Rückenmuskeln ebenso wie bei zu langem oder falschem Sitzen am Arbeitsplatz. Kommt es über einen längeren Zeitraum wiederholt zu schmerzhaften Verspannungen und werden weder deren Ursachen behoben noch rechtzeitig Maßnahmen zur Schmerzbehebung in die Wege geleitet, drohen die Schmerzen chronisch zu werden.

Eine chronische Schmerzerkrankung ist oft nur schwer behandelbar, man sollte daher möglichst frühzeitig die Ursachen der Schmerzen lokalisieren und darauf reagieren.

Spezifische Ursachen ausschließen

Schmerzt der Rücken, sollte man zunächst herausfinden, ob es sich „nur“ um Verspannungen der Muskulatur handelt oder ob spezifische Rückenschmerzen vorliegen. Letztere resultieren etwa aus Bandscheibenvorfälle, Wirbelgleiten, Spinalkanalverengungen, Wirbelkörperbrüche, Infektionen oder entzündliche Erkrankungen. Nichtspezifische Rückenschmerzen haben dagegen keine physiologisch erklärbare Ursache. Nur 15 Prozent aller Rückenschmerzpatienten haben laut Forum Schmerz spezifische Schmerzen, bei 85 Prozent dagegen ist die Ursache ungeklärt.

Symptom Rückenschmerzen

Rückenschmerzen sind in der überwiegenden Zahl der Fälle keine Krankheit, sondern ein Symptom. Sie sind Ausdruck eines gestörten Zusammenspiels von Muskeln, Sehnen, Bändern, Gelenken, Wirbeln und Bandscheiben. Die Beschwerden können körperlich und/oder seelisch bedingt sein. „Liegen ständig Verspannungen vor, befindet sich der Rücken in einer Dysbalance, er ist aus dem Gleichgewicht“, sagt Primar Dr. Peter Pauly MSc, Leiter des Instituts für Physikalische Medizin und Rehabilitation am LKH Vöcklabruck.

Tango statt Fango

Schmerzpatienten neigen zur Schonhaltung. Man versucht, den Schmerzen zu entkommen, indem man sich möglichst wenig bewegt oder bestimmte Bewegungen vermeidet. „Bei einem akuten Hexenschuss etwa kann das kurzzeitig sinnvoll sein, nicht dagegen bei chronischen Schmerzen“, so Pauly.
Bei der Beurteilung der Frage, ob man sich bei Schmerzen schonen oder bewegen soll, hat sich in den letzten Jahren eine grundlegende Anderung ergeben. Früher verordneten Ärzte häufig Schonung, Bettruhe und passive Behandlungen wie z.B. Massagen. Heute weiß man, dass sich vor allem bei verspannungsbedingten und chronischen Schmerzen Bewegung bewährt. „Tango statt Fango“ empfiehlt Prof. Dr. med. Walter Zieglgänsberger, einer der führenden Schmerzforscher in Deutschland. Er rät, sich möglichst viel und mit Freude zu bewegen, aktiv statt passiv zu leben.
Es gilt, keine Angst vor Bewegung zu haben oder diese Angst wieder abzuschütteln. Das gelingt am besten, indem man wieder beginnt, Bewegungen auszuführen, die Spaß machen. Man sollte Bewegung zu einem fixen Bestandteil seines Tagesablaufes machen und die Dosis langsam erhöhen. Selbst ein Spaziergang kann ein guter Einstieg sein, um etwa nach einiger Zeit mit Nordic Walken fortzufahren.

Bewegung für Körper und Psyche

Bewegung beeinflusst sowohl Körper als auch Psyche und lindert dadurch Schmerzen. Körperlich gesehen, drücken Verspannungen dauerhaft auf die Schmerz-Sensoren im Muskelgewebe. Bewegung und Dehnen der Muskeln wirken dem entgegen. Verhärtungen lösen sich, die Verkrampfungen gehen zurück, die schmerzenden Stellen lockern sich.
Psychisch gesehen, gelingt es bei Bewegung besser, seine Schmerzen auch mental loszulassen. Man entspannt sich und baut Ängste ab, die die Schmerzen oft mit verursachen oder verstärken. Außerdem baut man durch Bewegung Stress ab, man wird müde und entspannt. All das baut Schmerzen ab.

Bewegung beugt vor

Chronische Rückenschmerzen rühren meist daher, dass Muskeln, Sehnen und Gelenke nicht richtig zusammenarbeiten. Wer sich in dieser Situation übermäßig schont, verschärft seine Probleme eher noch. „Das Leben als Couch-Potato ist falsch, vor allem bei Rückenschmerzen“, sagt Pauly. Wichtig sei ein aktiver Lebensstil und regelmäßige Bewegung.
Geeignet dafür ist etwa Nordic Walken, Rückenschwimmen, Langlaufen, Aquatraining und Rückengymnastik. „Wenn man sich viel und richtig bewegt, kommt es oft gar nicht zur befürchteten Chronifizierung der Schmerzen. Bewegung ist der beste Schutz vor bleibenden Schäden“, sagt Pauly.
Bewegung als Therapie gilt wohlgemerkt nur für verspannungsbedingte Rückenschmerzen und Schmerzen, die ohne erkennbare Ursachen auftreten. Bei Entzündungen, Bandscheibenvorfällen, Wirbelgleiten und anderen spezifischen Problemen bedarf es, nach entsprechender Abklärung, anderer Maßnahmen, über die der Spezialist entscheidet.

Dosierter Muskelaufbau sinnvoll

Auch ein gezielter, sanfter Aufbau von Rücken- und Bauchmuskulatur kann sinnvoll sein. Diese Muskeln schützen und stützen die Wirbelsäule. Eine kräftige Muskulatur hilft auch, Fehlhaltungen zu verhindern. „Besonders wichtig ist es auch, das man die Muskeln genauso gewissenhaft dehnt wie man sie trainiert“, so der Primar.
Zu achten ist auf die richtige Ausführung und Dosierung des Trainings. „Wer ein Fitnessstudio besucht und dort ohne qualifizierte Betreuung falsch oder zuviel trainiert, kann sich oft mehr schaden als nützen. Ein Zuviel an Trainingsgewichten und falsche Technik hat schon viele Bandscheiben ruiniert“, sagt Pauly. Man sollte daher bei der Auswahl eines Studios auf die Ausbildung des Personals und die Qualität der Trainingsgeräte großen Wert legen.

Dr. Thomas Hartl
August 2009


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020