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Bandscheiben: Operation will gut überlegt sein

Bandscheiben: Operation will gut überlegt seinNur einer von zehn Bandscheibenvorfällen muss wirklich operiert werden. Die Gefahr einer Narbenwucherung ist groß, ein operativer Eingriff sollte daher nur wenn unbedingt nötig erfolgen.

Ein Bandscheibenvorfall kann Nerven bedrängen und große Schmerzen auslösen. In vielen Fällen bleibt er aber unbemerkt und verursacht keine Probleme. Bestehen Schmerzen, stehen verschiedene Therapiemöglichkeiten (wie Infiltration, Nervenwurzelblockaden, Akupunktur, Physiotherapie, Medikamente etc.) zur Auswahl.

Auch Operationen können hilfreich und nötig sein. Das gilt allerdings nicht für die Mehrzahl der Vorfälle. Operationen an den Bandscheiben werden in vielen Fällen immer noch vorschnell durchgeführt. „Nur einer von zehn Bandscheibenvorfällen muss wirklich operiert werden“, so Prof. Dr. Christian Lampl, Ärztlicher Direktor am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Linz und Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft.

Um das Risiko einer Operation zu vermeiden, sollte ein Eingriff nur in wirklich notwendigen Fällen erfolgen. Chancen und Risiken müssen sorgfältig abgewogen werden. Unbedingt abgeklärt werden muss im Vorfeld vor allem auch die Ursache der Schmerzen. Bestehen Zweifel über den Schmerzauslöser, sollte man primär keinesfalls eine Operation in Erwägung ziehen.

Ein Bandscheibenvorfall sollte nur in folgenden Fällen operiert werden:

  • Bei Störung der Harnblase: Ist dies der Fall, sollte schnellstmöglich operiert werden.
  • Bei Lähmungserscheinungen in einem Bein oder in beiden Beinen.
  • Bei unerträglichen, nicht beherrschbaren Schmerzen.

Dagegen ist die Lage und Größe eines Bandscheibenvorfalls heute kein Kriterium mehr für die Notwendigkeit einer Operation. „Nur weil es sich um einen großen Vorfall handelt, bedeutet das nicht, dass man gleich operieren muss. Wenn keine Lähmungserscheinungen vorliegen, kann und soll man zuwarten und konservativ behandeln. In vielen Fällen beruhigt sich die Lage, der Vorfall verkleinert sich und oft verschwindet der Schmerz ganz von allein“, so Dr. Lampl. Generell kann eine Operation einen erneuten Vorfall nicht verhindern.

Operationen im Überblick

Für Bandscheibenoperationen stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung:

Minimalinvasive Verfahren

Sie sind die kleinstmöglichen chirurgischen Eingriffe. Mit einem kleinen Schnitt wird unter Einsatz eines Mikroskops der Bandscheibenvorfall herausgeschnitten. Eingriffe können ambulant und in lokaler Anästhesie durchgeführt werden. Dieses Verfahren wird jedoch nur bei einfachen und relativ neuen Bandscheibenproblemen (vor allem im Bereich der Lendenwirbelsäule) durchgeführt und nicht im Fall einer Sequestrierung (Heraustreten von Bandscheibengewebe). Ein weiterer Ausschließungsgrund: Der Patient wurde bereits einmal an den Bandscheiben operiert.

Konventionelle Chirurgie

In schwerwiegenden Fällen muss ein offener und daher größerer Zugangsweg zum Operationsgebiet gewählt werden, der einen großflächigen Einblick auf die Bandscheibe und die betreffende Nervenwurzel ermöglicht. Der Bandscheibenvorfall kann durch den Eingriff ganz oder teilweise entfernt werden.

Bandscheibenprothese

Fallweise werden auch Prothesen eingesetzt. Sie sollen Bandscheiben ersetzen und vor Wirbelsäuleninstabilität schützen. Studien zur Wirksamkeit dieser Methode liegen noch nicht vor.

Ursachen und Symptome eines Bandscheibenvorfalls

Bei den meisten Menschen sind Bandscheibenvorfälle die Folge von altersbedingten Verschleißerscheinungen. Mit den Jahren nimmt die Elastizität der Bandscheiben ab. Sie verlieren Wasser, werden spröde und rissig. Auch ein Unfall oder eine massive Verletzung kann die Bandscheibe schädigen und zu einem Gewebevorfall führen.

Bandscheibenvorfälle im Bereich der Lendenwirbelsäule sind am häufigsten. Die Schmerzen strahlen in ein bestimmtes Areal (Dermatom) in eines der beiden Beine aus. Sie treten auf, wenn Bandscheibengewebe eine Nervenwurzel im Bereich der Lendenwirbelsäule reizt.

Narbenschmerzen nach Operationen

Nach einer Operation an der Bandscheibe verspüren manche Patienten nur kurzfristig Schmerzlinderung. Oft kehren die Schmerzen zurück, mitunter noch heftiger als vor dem Eingriff.

In vielen Fällen ist dafür Narbengewebe ursächlich. An der behandelten Stelle entsteht – wie nach jeder Operation – zwangsläufig ein Narbengewebe. Dessen Umfang ist individuell jedoch sehr verschieden.

Beginnt das Gewebe zu wuchern, kommen Patienten, die sich wegen ihrer Schmerzen einer Bandscheibenoperation unterzogen haben, vom Regen in die Traufe. „In 10 bis 15 Prozent aller Fälle bildet sich nach der Operation wucherndes Narbengewebe. Diese Wucherung drückt auf den bereits durch den Bandscheibenvorfall gereizten Nerv und verursacht ihrerseits oft enorme Schmerzen“, erklärt der Neurologe.

Für anhaltende Schmerzen im Operationsgebiet können auch folgende Gründe vorliegen:

  • Entzündungen im Bereich des Operationsgebietes,
  • der Operateur hat das vorgefallene Gewebe nur unzureichend entfernt,
  • der Eingriff erfolgte nicht im richtigen Segment der Wirbelsäule,
  • nach einem Eingriff kommt es häufig zu einer vermehrten Belastung für die angrenzenden Teile der Wirbelsäule. Deren Überlastung kann wiederum zu Schmerzen führen.

Narbengewebe kaum zu operieren

Entsteht nach einer Bandscheibenoperation Schmerz auslösendes Narbengewebe, könnte man versuchen, dieses Narbengewebe wiederum mittels Operation weg zu schneiden. „Das ist aber selten erfolgreich, weil das Narbengewebe meist wieder kommt, oft sogar verstärkt. Man kann es zwar einmal versuchen, aber keinesfalls öfter, denn sonst verschlimmert sich die Sache immer mehr“, weiß Primar Lampl.

Stufentherapie

Treten Narbenschmerzen auf, stehen folgende Therapie-Möglichkeiten zur Verfügung:

  • oral einzunehmende Medikamente,
  • Physiotherapie,
  • Infiltration des Narbengewebes. „Wir haben mit dem Spritzen von Kortison gute Erfahrung gemacht. Damit lässt sich die Entzündung und folglich auch der Schmerz lindern“, sagt Primar Lampl.

Helfen alle diese Möglichkeiten nicht, kommen mitunter Opiate zum Einsatz. „Diese helfen oft, haben aber nicht selten Nebenwirkungen wie Verstopfung, Übelkeit und Juckreiz. Es besteht aber keine Gefahr, dass der Magen oder andere innere Organe in Mitleidenschaft gezogen werden“, erklärt der Schmerzmediziner. Opiate machen zwar abhängig, aber nicht süchtig. Das bedeutet, dass man die Anwendung dieses Mittels nicht abrupt, sondern nur langsam, Zug um Zug beenden darf. Es besteht jedoch keine Suchtgefahr in dem Sinn, dass man immer mehr und mehr des Mittels benötigt, um dieselbe Wirkung zu erzielen.

Bringen diese Maßnahmen keinen oder nur geringen Erfolg, hat der Patient also weiterhin massive Schmerzen, kommen folgende Möglichkeiten in Betracht:
  • Epidurale Wirbelsäulenkatheter: Dabei wird ein Betäubungsmittel zwischen Rückenmark und Wirbelsäule injiziert. Eine Pumpe gibt Schmerzmittel direkt an das Rückenmark ab.
  • Spinal Cord – Elektroden: elektrische Impulse werden in den Rückenmarkskanal geleitet, der Nerv wird mittels Strom beruhigt.

Die Erfahrung der Mediziner und die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Patienten sind zumeist ausschlaggebend für einen zufriedenstellenden Erfolg bei der Behandlung von Bandscheibenschmerzen. „Daraus folgt, dass man in jedem einzelnen Fall gut abwägen sollte, ob eine Bandscheibenoperation wirklich nötig und sinnvoll ist“, so Prof. Lampl.

Dr. Thomas Hartl
Mai 2013


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020