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Cochlea-Implantate: Der Weg aus der Stille

Cochlea-ImplantateDas Ohr ist jenes Sinnesorgan, welches uns erlaubt zu hören und mit unserer Umwelt in Kontakt zu treten. Im Innenohr liegt die so genannte Cochlea, die Schnecke. Sie beherbergt das Corti-Organ mit den Sinneszellen für die Schallaufnahme. Diese so genannten Haarzellen wandeln den Schall in elektrische Impulse um. Von dort wird die Information über den Gehörnerv zur weiteren Verarbeitung ins Gehirn geleitet.

Verschiedene Ursachen für Gehörlosigkeit

Taubheit und Schwerhörigkeit können viele verschiedene Ursachen haben und unterschiedliche Bereiche des Ohrs betreffen. Eine Schädigung des Innenohrs kann bei Neugeborenen durch Infektionskrankheiten der Mutter in der Schwangerschaft, Sauerstoffmangel bei der Geburt oder genetisch bedingt sein. Später können virale und bakterielle Infektionskrankheiten, bestimmte Medikamente oder auch ein Lärmtrauma zu Gehörschäden und Taubheit führen. Einmal zerstörte Hörsinneszellen können sich nicht wieder regenerieren. Bei Verlust des Gehörs vor Erreichen des siebten Lebensjahres geht der bis dahin bereits vorhandene Sprachschatz wieder verloren.

Bei Taubheit und höchster Schwerhörigkeit

Wenn ein Rest an Hörfähigkeit noch vorhanden ist, sind Hörgeräte eine gute Möglichkeit, die Hörleistung zu verbessern. Bei vollkommener Taubheit oder Patienten, bei denen trotz optimal angepasster Hörgeräte kein ausreichendes Sprachverständnis erreicht werden kann, sind Cochlea-Implantate heute das Standardverfahren, um die Hörleistung zu verbessern. In Österreich wurde in den vergangenen 25 Jahren bei über 1.000 Patienten eine künstliche Cochlea implantiert. Weltweit waren es mehr als 70.000, davon waren etwa die Hälfte Kinder.

Das Cochlea-Implantat als künstliches Innenohr

Cochlea-Implantate sind elektronische Hörhilfen und ersetzen die Funktion der Hörsinneszellen. Sie bestehen aus mehreren Teilen: Außen getragen werden ein Mikrofon, ein Sprachprozessor und eine Sendespule, die durch ein Kabel miteinander verbunden sind. Die implantierten Teile sind ein Empfänger und Elektroden. Der Schall wird über ein kleines Mikrofon aufgenommen und anschließend im Sprachprozessor in elektrische Impulse umgewandelt. Diese werden von der Sendespule an den Empfänger durch die Haut übertragen und von den Elektroden an den Gehörnerv weitergegeben. Das Cochlea-Implantat wird operativ unter die Haut in den Knochen hinter dem Ohr eingesetzt. Die Elektroden bestehen aus feinsten Einzeldrähten, die in die Cochlea hineinragen. Die Sendespule wird durch einen Magneten am Kopf gehalten und liegt direkt über dem Cochlea-Implantat. Das Mikrofon liegt außen am Kopf hinter dem Ohr. Der Sprachprozessor wurde früher am Gürtel oder in einer Tasche getragen. Inzwischen sind sie jedoch schon so klein, dass sie wie ein Hörgerät hinter dem Ohr befestigt werden können. Zukünftig werden die Geräte wohl so klein sein, dass sie ebenfalls in den Knochen implantiert werden können.

Bessere Erfolgsaussichten bei früher Operation

Bei taub geborenen Kindern sollte der Eingriff möglichst vor dem zweiten Lebensjahr erfolgen. Früher wurden angeborene Hörstörungen oft erst sehr spät erkannt und entsprechend spät behandelt. Heutzutage wird bei Neugeborenen routinemäßig ein Hörscreening in der ersten Lebenswoche durchgeführt. Bei einem auffälligen Befund werden die Kinder sofort mit einem Hörgerät versorgt. Kommt es trotz Hörgerät zu keiner entsprechenden Hör- und Sprachentwicklung, empfiehlt sich die Cochlea-Implantation. „Das Neugeborenen Hörscreening ermöglicht eine rechtzeitige Erfassung und Behandlung der Hörstörung mit Hörgerät. Bei nicht ausreichender Entwicklung wie Ausbleiben von Plappern etc. sollte die Cochlea-Implantation im ersten Lebensjahr erfolgen. Defizite werden dann noch aufgeholt“, sagt Prim. Univ. Prof. Dr. Ernst Richter, Vorstand der HNO Abteilung des AKH Linz. Hochgradig schwerhörige Kinder zeigen trotz optimal angepasster Hörgeräte eine schlechtere Hör- und Sprachentwicklung als Gleichaltrige mit Cochlea-Implantat. Auch bei Erwachsenen sollte die Zeitspanne zwischen der Ertaubung und der Operation möglichst kurz sein, um die besten Ergebnisse zu erreichen. Welche Patienten für ein Cochlea-Implantat in Frage kommen, wird mit speziellen Untersuchungen getestet. Dazu gehören sowohl medizinische Tests als auch psychologische Beratungsgespräche.

Eingriff in einem Zentrum

Die Operation ist kein kleiner Eingriff und Komplikationen sind - wie bei jeder Operation -möglich. Es können zum Beispiel Nerven oder Gefäße, die im Operationsgebiet verlaufen, verletzt werden. Es wurden auch einige Fälle beschrieben, in denen im Anschluss an den Eingriff eine Gehirnhautentzündung aufgetreten ist. Wenn die Operation allerdings in einem entsprechend spezialisierten Zentrum für Cochlea-Implantationen durchgeführt wird, sind Komplikationen – bei ungefähr ein bis zwei Prozent aller Eingriffe – eher selten.

Intensives Training nach der Operation

Vorraussetzung für die Therapie mit einem Cochlea-Implantat ist eine intakte Nervenleitung zum Gehirn. Der Gehörnerv ist bei über 90 Prozent aller Betroffenen intakt. Die meisten gehörlosen oder an einer an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit leidenden Patienten können von einem Cochlea-Implantat profitieren. Doch es ist wichtig zu betonen, dass dadurch das Hörvermögen nicht vollständig hergestellt wird. Schwerhörige und taube Patienten können durch den operativen Eingriff nicht geheilt werden. Die Erfolgsaussichten sind individuell sehr unterschiedlich, aber es steht fest, dass fast alle Betroffenen von der Operation profitieren und in Kombination mit Lippenlesen ein deutlich besseres Sprachverstehen erreichen. „Seit 1984 haben wir Cochlea-Implantationen bei hochgradiger Schwerhörigkeit bis Ertaubung durchgeführt. Ab 1994 mit neuen Sprachstrategien konnte ein offenes Sprachverständnis erzielt werden. Die meisten Patienten können mit Cochlea-Implantat auch wieder telefonieren“, so Richter. Es erfordert allerdings viel Zeit und Geduld. Die Implantation des Gerätes ist nur ein kleiner Teil der Therapie. An die Operation anschließend ist eine intensive Rehabilitation mit Hörtraining und einer Sprachtherapie notwendig. Das Gerät muss individuell auf den einzelnen Patienten abgestimmt werden und die Nachbehandlung erstreckt sich über viele Monate.

Kein Ersatz für die Gebärdensprache

Durch Cochlea-Implantate ist es erstmals gelungen, ein Sinnesorgan nahezu zu ersetzten. Trotzdem ist es gerade bei taub geborenen Kindern wichtig, die Operation nicht als Ersatz für das Erlernen der Gebärdensprache zu sehen. Für die sprachliche Entwicklung eines Kindes ist es unumgänglich, möglichst frühzeitig eine Sprache zu erlernen, um mit der Umwelt in Kontakt treten zu können. Und auch später sollte es immer eine Alternative zum Implantat geben.

Verordnung

Für die Kostenübernahme des Cochlea-Implantats durch die Krankenversicherung ist eine Verordnung von einem Krankenhaus notwendig. Darüber hinaus ist eine Kostenvoranschlag von einem Hörgeräteakustiker gefordert. Für die Zukunft ist geplant, dass nach der Behandlung im Krankenhaus noch mindestens zwölf Stunden Logopädie verordnet werden, damit das Hören auch richtig „erlernt“ werden kann.


Dr. Ulli Stegbuchner

November 2007


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020