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Sport bei ADHS: Eigenwahrnehmung fördern

Sport bei ADHS: Eigenwahrnehmung fördernHyperkinetische Kinder, also Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), fallen durch ihren großen Bewegungsdrang, die starke Impulsivität und die leichte Ablenkbarkeit auf. Bei der Behandlung der Störung erweisen sich Sportprogramme als hilfreich. Sie fördern die Eigenwahrnehmung und Entspannung und gleichen die Bewegungsunruhe aus, wie Dr. Andrea Paletta von der Universität Graz erklärt. .

Unter einer hyperkinetischen Störung versteht man eine Gruppe von Störungsbildern, die durch Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Überaktivität gekennzeichnet sind und in Bezug auf das Alter und den Entwicklungsstand der Betroffenen eine abnorme Ausprägung annehmen. Betroffene Kinder fallen dadurch auf, dass sie ständig in Bewegung sind. Sie verspüren einen großen Drang zur Fortbewegung und zappeln, selbst wenn sie sitzen. „Neben dem Bewegungsumfang ist auch die Bewegungsqualität verändert: Der Körper bzw. die Muskulatur stehen unter Hochspannung, die Bewegungen werden zu schnell bzw. mit zu großem Kraftaufwand ausgeführt und wirken dadurch überschießend und hektisch, wobei jedoch auch das Gegenteil, ein auffällig schlaffer Muskeltonus, möglich ist“, erklärt Universitätsprofessorin Mag. Dr. Andrea Paletta vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Graz.

Symptome: Leicht ablenkbar und impulsiv

Kennzeichnend ist darüber hinaus die Unaufmerksamkeit der Betroffenen, die sich sehr leicht ablenken lassen und Tätigkeiten oft nicht zu Ende bringen. Zudem zeigt sich oft eine starke Impulsivität. Hyperkinetische Kinder neigen beispielsweise zu abrupten verbalen Äußerungen, sie unterbrechen andere, können ihre Bedürfnisse nicht aufschieben und handeln unüberlegt. Wenn dieses Verhalten seit mindestens sechs Monaten besteht und vor dem siebten Lebensjahr auftritt, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um eine hyperkinetische Störung handelt. Sie wird auch als Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bezeichnet.

Mit Sport von ungezielten zu gezielten Handlungen

Eine sinnvolle Ergänzung bei der Behandlung von hyperkinetischen Kindern stellen Sport und Bewegung dar. „Dabei gilt, die ungerichtete motorische Aktivität in gezielte sportliche Aktivitäten umzusetzen und dadurch einen konstruktiven Ausgleich der Bewegungsunruhe zu ermöglichen. Wesentlich ist, dass Kinder ihren eigenen Körper als Zentrum ihrer Bedürfnisse und Ziele erfahren, statt sich stets von äußeren Reizen ablenken zu lassen“, so die Sportwissenschaftern. Die Kinder machen die Erfahrung, sich selbst zu spüren und wie man die Signale des Körpers als Kriterien für Entscheidungen nützt. Zudem erhöhen sie ihre Frustrationstoleranz und lernen, mit anderen Kindern soziale Prozesse zu vollziehen.

Bewegend Eigeninitiative und Selbstorganisation lernen

Für Kinder mit ADHS ist nicht jede Sportart geeignet. Dr. Andrea Paletta: „Sportarten mit hohem Regelaufkommen sind weniger geeignet, als Sportarten mit hohem Anteil an Eigeninitiative und Selbstorganisation. Wichtig ist eine erlebnisorientierte Aufbereitung, wobei vor allem Geräte zu verwenden sind, welche die Gleichgewichtsfähigkeit fördern wie etwa Schaukeln, Fahr- oder Balanciergeräte. Geeignet sind zudem Aufgaben, die neue Herausforderungen bzw. Rätsel beinhalten, die es zu lösen gilt.“ Um die Entspannungsfähigkeit der Kinder zu verbessern, eignen sich Techniken, die die Konzentration auf den Körper unterstützen wie beispielsweise Yoga. Aber auch bewegte Entspannung beim Tanzen oder der Wechsel von Spannung und Entspannung wie bei der progressiven Muskelrelaxation sind angebracht. „Wesentlich bei allen Übungsaufgaben ist die bewusste Unterstützung der Eigenwahrnehmung. Beim Umgang mit hyperkinetischen Kindern ist es außerdem wichtig, auch in schwierigen Situationen nicht gegen die Kinder anzukämpfen, sondern sich vielmehr vor Augen zu halten, dass diese nicht absichtlich handeln. Das hilft, ihnen weiterhin empathisch zu begegnen“, erklärt Dr. Andrea Paletta.

MMag. Birgit Koxeder

Juni 2011

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020