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Schweißgebadet: Operation als letzter Ausweg

SchweißgebadetEigentlich ist es ja in der Hauptsache ein soziales Problem, wenn jemand übermäßig schwitzt. Denn wie man es auch dreht und wendet, der feuchte Händedruck ist nicht gerade einladend, Fußschweiß fördert menschliche Nähe kaum und großflächige Schweißflecken am Gewand sind einem souveränen Auftreten nicht wirklich förderlich.

Es ist durchaus verständlich, wenn Betroffene ihren Schweißperlen mit allem Nachdruck den Kampf ansagen wollen. Nichts einfacher als das? Glaubt man – stimmt aber leider nicht! Denn wenn es auch jede Menge an unterschiedlichen Mittelchen und Therapien gibt, die sich am jeweiligen Fall orientieren, so ist eine dauerhafte Beseitigung des Problems oft nicht realistisch, weiß Dr. Helmut Kehrer, Dermatologe am Krankenhaus der Elisabethinen in Linz. Grundsätzlich ist Schwitzen ja eine durchaus clevere Einrichtung unseres Körpers. Es bewahrt ihn bei körperlicher Anstrengung oder heißem Wetter vor gefährlicher Überhitzung. Natürlich können auch psychische Ursachen wie Angst und Aufregung den Schweiß aus den Poren treiben. Ebenso gewisse Krankheiten wie beispielsweise Diabetes mellitus, Herzerkrankungen, Schilddrüsenfehlfunktionen und hormonelle Umstellungen.

Grenzwert 100 Gramm

Bedenklich wird es erst, wenn die Schweißabsonderung nicht Symptom einer Krankheit ist und ein gewisses Maß – etwa 100 Gramm pro Achsel im Zeitraum von fünf Minuten – überschreitet. Helmut Kehrer: „Dann ist der Verlust an Salzen und Mineralien, die mit dem Schweiß ausgesondert werden, so hoch, dass von einer krankhaften Störung die Rede ist. Davon ist etwa ein Prozent der Bevölkerung betroffen.“ Kaum jemand schwitzt am gesamten Körper. Vielmehr sind gewisse Bereiche wie Achseln, Handflächen, Füße oder der Kopf betroffen.

Was kann man also gegen Schweißränder & Co tun? Neben der üblichen Hygiene sollte man natürlich alles Schweißtreibende wie scharfe Speisen, Kaffee und synthetische Kleidung auf der Haut meiden. Bei Achselschweiß hat es sich auch bewährt, die Achselhaare dauerhaft zu entfernen, weil gerade sie es sind, die den Schweiß mit jenen Bakterien in Verbindung bringen, die neben der Nässe auch noch zur lästigen Geruchsbildung führen. Auf diesem Prinzip beruhen auch viele Deos, die diesem Zusammenschluss vorübergehend einen Riegel vorschieben und damit nicht schweiß-, sondern geruchshemmend wirken.

Ein altbewährtes Hausmittel ist Salbei. Allerdings hilft es nur bei schwächeren Verläufen. „Wirksamer sind da schon Aluminiumchloridsalze, die ebenfalls in manchen Deos und Puder enthalten sind“, erklärt Dr. Kehrer. Ihre Wirkung dürfte darauf beruhen, dass sie die Schweißdrüsengänge verstopfen. Allerdings auch nicht für immer, sondern nur für kurze Zeit.

Autogenes Training

Manchmal bringt autogenes Training Abhilfe oder Linderung, weil oft die Angst, man könnte im denkbar falschen Moment wieder zu schwitzen beginnen, allein schon schweißtreibend wirkt. Lernt man, mit dem Problem gelassener umzugehen, bleiben Handflächen und Achseln trockener.

Bei hartnäckigeren Fällen erzielt man mit sogenannten Anticholinergika relativ gute Erfolge. So weit die gute Nachricht! Die schlechte: Man muss dieses Medikament dreimal täglich einnehmen. Sobald man es absetzt, feiern die Schweißperlen wieder fröhliche Urständ. Außerdem kann es zu lästigen Nebenwirkungen kommen. Bei Schweiß an Händen oder Füßen bringt die sogenannte Iontophorese oftmals Abhilfe, allerdings ist diese Therapie mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden. Dr. Kehrer: „Die betroffenen Körperteile werden dabei in ein Wasserbad getaucht, das unter schwachen Gleichstrom gesetzt wird.“ Die Folge: Die Schweißgänge werden verstopft. Eine solche Behandlung dauert rund 20 Minuten und muss mehrmals wöchentlich wiederholt werden, um nach einigen Wochen erstmals Wirkung zu zeigen.

„Relativ gute Ergebnisse erzielen wir in letzter Zeit mit Botulinum-Toxin, das in starker Verdünnung gleichmäßig verteilt über die gesamte schwitzende Fläche injiziert wird“, so Dermatologe Kehrer. Das Prinzip: Der Impuls der Nerven zur Schweißfreisetzung wird unterbrochen. Allerdings ist auch das nicht das Ei des Kolumbus. Denn nach sechs bis acht Monaten muss die Prozedur wiederholt werden, wobei die Dauer der „Haltbarkeit“ je nach betroffenen Körperstellen variiert. Außerdem: Wird sie an den Handflächen angewandt – kann es zu vorübergehenden Störungen der Feinmotorik kommen.

OP als letzter Ausweg

Haben diverse Therapien nicht den erhofften Erfolg gebracht und hat man ein schweißtreibendes Leben endgültig satt, gibt es als letzte Möglichkeit nur mehr den Gang in den OP. Dr. Helmut Kehrer: „Bei der axialen Kürettage werden die Schweißdrüsen abgesaugt und bei der Sympathektomie werden jene Nerven unterbrochen, die den Impuls zur Schweißfreisetzung senden.“ Schweißränder & Co gehören dann ein für alle Mal der Vergangenheit an. Allerdings, gibt Kehrer zu bedenken, sollte eine OP immer der letzte Schritt im Kampf gegen das Schwitzen sein.

Gabriele Beran

Mai 2010

Foto: Bilderbox, privat

Kommentar:

Kommentarbild von Dr. Helmut Kehrer zum Printartikel „Schwitzen ist eine natürliche Reaktion des Körpers zum Temperaturausgleich. Erst ab einer gewissen Menge ist es krankhaft. Eine Operation sollte immer der letzte Schritt sein.“
Dr. Helmut Kehrer
Oberarzt an der dermatologischen Abteilung des KH der Elisabethinen, Linz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020