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Brustkrebs-Früherkennung: Der Feind der Frauen

Brustkrebs-Früherkennung: Der Feind der FrauenAb 2014 werden in Österreich Frauen zwischen 45 und 69 Jahren alle zwei Jahre zu einer kostenlosen Mammographie eingeladen. Das Programm „Mammographie-Screening Austria“ soll helfen, Brustkrebs früher zu erkennen. So kann die Lebensqualität von Erkrankten verbessert und die Todesrate gesenkt werden. Doch es gibt auch Kritik.

Gut Ding braucht offenbar gerade im Gesundheitswesen Weile. Jahrelang haben Bund, Sozialversicherung, Länder und Ärztekammer verhandelt und um Verträge gerungen. 2014 soll es nach etlichen Verzögerungen endlich so weit sein. Auch in Österreich startet ein großes Mammographie-Screening-Programm. Screening bedeutet in diesem Fall, dass in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe (Frauen zwischen 45 und 69 Jahren) nach Krankheiten gesucht wird. In den Niederlanden, in Schweden und Finnland wurde dieses Screening bereits 1974 eingeführt, in Großbritannien 1979, Deutschland zog 2005 nach. Dort werden die Frauen allerdings erst ab dem Alter von 50 Jahren zur Mammographie gebeten.

Die Motivation ist in allen Ländern die Gleiche: Auch wenn Brustkrebs mit einer Mammographie natürlich nicht verhindert werden kann, so soll er doch mit diesem nationalen Programm zur Früherkennung früher entdeckt werden – wenn er versteckt vorhanden ist. Dann ist es möglich, ihn auch eher zu behandeln und Leben zu retten. Brustkrebs ist mit Abstand die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. In Österreich erkranken pro Jahr rund 4.600 Frauen an Brustkrebs. Laut Brustkrebsbericht beträgt das Durchschnittsalter zum Diagnosezeitpunkt rund 64 Jahre. Das ist im Vergleich zu anderen Krebsarten früh. Rund fünf Prozent der Frauen erkranken in einem Alter unter 40 Jahren, 15 Prozent sind 40 bis 49 Jahre, 44 Prozent zwischen 50 und 69 Jahren, 36 Prozent der Frauen sind älter als 69.

1.560 Frauen pro Jahr gewinnen den Kampf gegen Brustkrebs nicht und sterben. Damit zählt der Brustkrebs nach der Gruppe der Herz-Kreislauf-Erkrankungen (19.500 Fälle im Jahr) und Diabetes Mellitus (2.130 Fälle) zu den häufigsten Todesursachen der Österreicherinnen. Das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, hängt von hormonellen und Erbfaktoren sowie von der Ernährung ab. Brustkrebs kommt häufiger bei Frauen vor, die fettreiche Kost konsumieren und Übergewicht haben. Das höchste Erkrankungsrisiko haben Frauen, in deren Familie Brustkrebs bereits aufgetreten ist.

Sterberate sinkt

Dass das Screening-Programm die Sterberate bei Brustkrebs senken kann, legen die Ergebnisse von zwei Studien in Schweden und in den Niederlanden nahe. In Schweden wurden in einer Langzeitstudie über 29 Jahre zwei Regionen näher betrachtet. In der einen erhielten Frauen Einladungen zur Mammographie, in der anderen nicht. 85 Prozent derer, die eingeladen worden waren, nahmen an der Untersuchung teil – insgesamt 65.518 Frauen. Im Vergleich zu den nicht untersuchten Frauen konnten in dieser Gruppe 158 Todesfälle verhindert werden. In den Niederlanden analysierten Experten des Gesundheitsministeriums die Daten von mehr als 23.000 Frauen und fanden heraus, dass seit der Einführung des Screenings die Mortalitätsrate jedes Jahr um fast zwei Prozent sank.

Auch Dr. Elisabeth Grafinger-Witt, Oberärztin am Institut für Radiologie am Allgemeinen Krankenhaus Linz, ist vom in Österreich geplanten Screening überzeugt: „Es gehen viel zu wenig Frauen regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung. Sie bekommen nun sehr einfach diese Möglichkeit.“ Denn die Einladung ist gleichzeitig die Überweisung zur Untersuchung – und diese ist kostenlos. „Es herrscht kein Zwang, niemand muss hingehen“, betont Dr. Grafinger-Witt. Doch ihrer Meinung nach gibt es „keine bessere Methode“ zur Früherkennung. Denn manche Veränderung der Brust lässt sich eben nicht ertasten oder äußert sich in eindeutigen Symptomen. Daher richtet sich die Einladung an gesunde Frauen, die keine akuten Beschwerden haben. Es geht jedoch nicht alleine um die Vermeidung von Todesfällen. So können Frauen, bei denen Brustkrebs früher entdeckt wird, schonender (ohne Chemotherapie) behandelt werden.

Doch die Massenerfassung von Frauen hat nicht nur Befürworter. So hält Univ.-Prof. Dr. Ingrid Mühlhauser, Fachärztin für innere Medizin und Endokrinologie, zwar die Mammographie an sich für eine gute Methode: „Wer einen negativen Befund bekommt, hat zu 99,9 Prozent die Sicherheit, keinen Brustkrebs zu haben.“ Doch der Österreicherin, die seit 1996 eine Professur für Gesundheit an der Universität Hamburg hat, missfällt, dass Hundertausende Frauen ohne jeden Verdacht zur Untersuchung eingeladen werden. „Das Nutzen-Schaden-Verhältnis stimmt nicht“, sagt sie, „der Nutzen ist nicht so groß, wie man glaubt, und der Schaden nicht so klein, wie man hofft.“ Sie verweist auf das Nordische Cochrane-Zentrum in Dänemark. Dort heißt es in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2012 zunächst: „Wenn sich 2.000 Frauen im Verlaufe von zehn Jahren regelmäßig einem Screening unterziehen, wird eine Frau einen Nutzen daraus ziehen, da sie vermeidet, an Brustkrebs zu sterben.“ Aber die Forscher schreiben auch: „Ferner wird bei 200 Frauen ein falscher Alarm ausgelöst. Die psychische Belastung bis zur endgültigen Abklärung, ob tatsächlich ein Krebs vorliegt, kann gravierend sein.“

Nerven bewahren

Von einem „falsch positiven Befund“ spricht man, wenn zunächst beim Screening Auffälligkeiten entdeckt wurden, sich später bei weiteren Untersuchungen aber herausstellt, dass diese harmlos sind. Doch bis dahin stehen die Frauen große Ängste aus. Es kommt auch vor, dass Tumore gefunden und dann behandelt werden, die – wenn man sie nicht entdeckt hätte – gar keine Probleme bereitet hätten. Oberärztin Dr. Grafinger-Witt lässt das Argument, dass zu viele Frauen zu viele Ängste ausstehen müssten, nicht gelten: „Damit ist immer zu rechnen, wenn man sich einer Vorsorgeuntersuchung unterzieht. Wenn bei einer Mammographie eine Auffälligkeit entdeckt wird, dann heißt es Nerven bewahren.“ In den meisten Fällen stelle sich das Entdeckte ohnehin als harmlos heraus. Und vor lauter Angst den Kopf in den Sand zu stecken, sei nicht die richtige Methode.

Univ.-Prof. Dr. Mühlhauser hingegen findet, dass nicht alle Frauen automatisch getestet werden sollten: „Es ist nicht nötig, wenn Frauen gar keine Beschwerden haben.“ Es sollten aber schon jene zur Reihenuntersuchung gehen, die ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs haben. Letztendlich muss jede Frau für sich selbst entscheiden, ob sie das Angebot zur kostenlosen Vorsorgeuntersuchung annimmt. Das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg hat eine Modellrechnung aufgestellt, die als Entscheidungshilfe dienen könnte: „1.000 Frauen gehen 20 Jahre lang regelmäßig alle zwei Jahre zur Mammographie. Fünf Frauen können damit rechnen, vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt zu werden. Ebenfalls fünf Frauen werden unnötig zu Brustkrebspatientinnen, weil ihr Krebs ohne Früherkennung vielleicht nicht auffällig geworden wäre. Allerdings kann zum Zeitpunkt der Diagnose niemand absehen, bei welcher Frau sich der Tumor weiterentwickelt und bei welcher nicht. Bei 50 Frauen wird zur Klärung eines auffälligen Mammographiebefundes eine Gewebeprobe entnommen, die sich als nicht bösartig herausstellt.“

Eine Angst jedenfalls kann Dr. Grafinger-Witt zerstreuen: „Die Quetschung der Brust bei der Mammographie löst mit Sicherheit keine Krebserkrankung aus.“ Und noch etwas sollte klar sein: Wer eine signifikante Veränderung seiner Brust feststellt oder Schmerzen hat, der darf auch künftig nicht auf die Einladung zur Mammographie warten, sondern sollte sofort einen Arzt aufsuchen.

Birgit Baumann
Jänner 2014


Foto: mauritius, privat

Zwischen zwei Scheiben

Das Wort Mammographie leitet sich von den Begriffen „Mamma“ (Brust) sowie „Graphie“ (Darstellung) ab. Bei dieser speziellen Röntgenuntersuchung wird die Brust der Frau zwischen zwei Plexiglasscheiben möglichst flach zusammengedrückt. Diese Kompression verbessert die Bildqualität und vermindert die Strahlenbelastung. Es werden von jeder Brust zwei Aufnahmen gemacht – eine von oben nach unten und eine von der Mitte zur Seite. Die Mammographie kann Gewebeveränderungen zeigen, bevor diese überhaupt zu ertasten sind oder sich durch andere Symptome bemerkbar machen. Der beste Zeitpunkt für eine Mammographie ist in der ersten Woche nach der Regelblutung. Da der Flüssigkeitsgehalt des Brustgewebes zu diesem Zeitpunkt gering ist, ist die Brust weniger gegen Druck empfindlich, die Aufnahmen liefern bessere Ergebnisse. Am Tag der Untersuchung sollten Frauen kein Deo, keinen Puder und keine Creme verwenden.

Einladung per Post

Das flächendeckende Screening soll im kommenden Jahr starten. Ab dann werden rund 1,5 Millionen Frauen alle zwei Jahre eine persönliche Einladung zur Mammographie-Untersuchung erhalten. Diese richtet sich an jene Frauen, die zwischen 45 und 69 Jahre alt und sozialversichert sind. Frauen, die jünger oder älter sind, können auf Wunsch eine Einladung über die kostenlose Service-Hotline (0800) 50 01 81 anfordern.

Wer das Schreiben bekommt, hat bereits den Zugang zur Mammographie in der Hand. Eine zusätzliche Überweisung ist nicht nötig. 571 Radiologinnen und Radiologen an 185 Standorten in Österreich haben das Zertifikat erhalten, um die Mammographie anbieten zu können. Wohin man sich wenden kann, steht in der Einladung, die drei Monate lang gilt. Die empfohlenen Radiologen müssen nicht nur ausreichend Erfahrung haben, sondern auch moderne Geräte mit niedriger Strahlenbelastung. Die durchschnittliche Strahlendosis bei einer solchen Mammographie liegt bei 0,2 bis 0,3 Millisievert. Das entspricht ungefähr einem einwöchigen Aufenthalt im Gebirge, wo allerdings der gesamte Körper und nicht nur die Brust betroffen ist. Zudem wird die Strahlenbelastung durch Zusammendrücken der Brust minimiert. Bei Frauen ab 50 Jahren ist das Brustgewebe weniger strahlenempfindlich. Nach der Mammographie begutachtet ein zweiter Radiologe das Ergebnis. Danach wird den Frauen der Befund binnen sieben Werktagen mitgeteilt. Ist dieser unauffällig, passiert nichts weiter. Erst nach zwei Jahren wird die Frau wieder zur Mammographie eingeladen. Ergibt sich ein „Early Rescreen“-Befund (Veränderungen, deren Entwicklung beobachtet werden sollen), dann erfolgt die nächste Einladung zur Mammographie nach sechs bis zwölf Monaten. Ist der Befund auffällig, wird die Betroffene zu weiteren Untersuchungen (Magnetresonanz, Biopsie) weitergeleitet.

Weitere Informationen:
www.krebshilfe.net, www.frueh-erkennen.at

Andere Möglichkeiten

Brustkrebs-Früherkennung: Der Feind der FrauenDie Mammographie ist nicht die einzige Möglichkeit zur Untersuchung der weiblichen Brust, wohl aber jene, die den meisten Einblick ermöglicht. Gynäkologinnen und Gynäkologen tasten die Brust ab, um Veränderungen zu erkennen. Dies können und sollten Frauen auch selber durchführen. Zunächst steht der Blick in den Spiegel an – einmal mit erhobenen Armen, einmal sollten beide Arme an der Hüfte abgestützt sein. Die Tastuntersuchung sollte sich nicht auf die Brust alleine beschränken, sondern bis in die Achselhöhlen führen, um auch dort Verdickungen oder Knoten nachzufühlen. Empfohlen wird außerdem, diesen Vorgang auch im Liegen auszuführen.

Brustkrebs-Früherkennung: Der Feind der FrauenTasten
Wird dabei ein Knoten entdeckt, bedeutet dies aber nicht automatisch, dass es sich um Brustkrebs handelt. Häufig liegen ein Fibroadenom (häufige gutartige tumorartige Neubildung der Brustdrüse), eine Zyste oder Kalkablagerungen vor. Um dies abzuklären, sollten Frauen zum Arzt gehen, wenn sie folgende Veränderungen bei sich beobachten: Knoten, Dellen, Verhärtungen und Verformungen. Auch Hautveränderungen, Blutungen oder andere Absonderungen der Brustwarze müssen abgeklärt werden.

Brustkrebs-Früherkennung: Der Feind der FrauenUltraschall
Eine weitere Methode, mit einem technischen Hilfsmittel die Brust zu untersuchen, ist die Sonographie. Dabei treffen Ultraschallwellen auf „Hindernisse“ im Körper. Das können Knochen, Muskeln, Organe oder Blutgefäße sein, aber auch Veränderungen im Brustgewebe. Frauen mit auffälligen Befunden wird zur Biopsie geraten: Der Arzt entnimmt eine kleine Gewebeprobe aus der Brust, diese wird dann unter dem Mikroskop untersucht.
 

Kommentar

Brustkrebs-Früherkennung: Der Feind der Frauen„Frauen sollten dieses Angebot für eine kostenlose Mammographie nutzen. Es gibt keine bessere und einfachere Möglichkeit, um die weibliche Brust zu untersuchen und damit mögliche Erkrankungen früh zu erkennen.“
Dr. Elisabeth Grafinger-Witt
Oberärztin am Institut für Radiologie, AKh Linz

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020