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Warum sprechen Patienten und Ärzte verschiedene Sprachen?

verschiedene SprachenSieht und hört man sich Gespräche zwischen Ärzten und Patienten an, kann man sich häufig des Eindrucks nicht erwehren, hier sprechen Menschen aus zwei gänzlich unterschiedlichen Welten.


Zudem schildern Männer und Frauen Ihre Beschwerden unterschiedlich: Männer bewältigen Schmerzen, Frauen leiden. Ein Problemaufriss mit Folgen.

Woran kann das liegen, was sind die Ursachen dafür, dass die Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten häufig als so schwierig, wenig zielführend und unbefriedigend erlebt wird? Einige Antworten darauf wurden von der Sprachwissenschaft untersucht. Universitätsprofessor Florian Menz vom Sprachwissenschaftlichen Institut der Universität Wien: "Erstens sind die Gesprächsziele von Ärzten und Patienten unterschiedlich, zweitens sind die kommunikativen Anforderungen an Ärzte sehr komplex, und drittens schließlich sprechen unterschiedliche Gruppen von Patienten verschieden."

Alltagsdeutsch und Medizinerlatein

Generell gesprochen, unterscheidet sich die Sprache der Medizin von der Sprache der Lebenswelt - des Alltags - dadurch, dass Medizinern berufsbedingt primär ein Interesse an Krankheit und körperlichen Symptomen der Patienten haben. Dem Patienten geht es darum, persönliche Erfahrungen einzubringen und einen Bezug auf das eigenen Krankheitserleben herzustellen. Dies führt dazu, dass hier tatsächlich unterschiedliche Welten aufeinander prallen - häufig, ohne dass den Beteiligten die ganze Tragweite dieses Phänomens bewusst wird. Dabei spielt das ärztliche Gespräch trotz aller technologischen Verfeinerungen und instrumentellen Hilfsmittel nach wie vor eine - wenn nicht die zentrale Rolle - im Behandlungsprozess, wie dies einige Zahlen verdeutlichen: • 60 - 80 Prozent der Arbeitszeit verbringen niedergelassene Ärzte im Gespräch. Dies bedeutet, dass sie bis zu 200.000 Gespräche in ihrem Berufsleben führen! • 92 Prozent der Patienten wünschen sich, das ärztliche Gespräch sollte stärker in den Vordergrund gerückt werden. • 93 Prozent der Mediziner stufen das ärztliche Informationsgespräch als "sehr wichtig" ein, aber nur 30 Prozent der Ärzte kommen diesem Wunsch nach. • Eine Studie mit 3.611 Patienten zeigt: eine warmherzige, freundliche und Angst nehmende Zuwendung verkürzt den Krankheitsverlauf. • Umgekehrt wirkt sich schlechte Kommunikation auf den Krankheitsprozess negativ aus • Untersuchungen fördern ein sprachliches Paradox zu Tage: Knappe Fragen und Unterbrechungen verlängern Gespräche, statt sie - wie beabsichtigt - zu verkürzen. Trotzdem wird die Gesprächsführung in Aus- und Fortbildung sträflich vernachlässigt - und dies, obwohl ärztliche Gespräche hoch komplex sind.

Warum sprechen Ärzte so, wie sie sprechen?

Ärzte müssen in einem Gespräch zumindest drei - teilweise widersprüchliche - Anforderungen erfüllen: 1. Medizinisch: sie müssen medizinisch relevante Informationen erhalten. 2. Organisatorisch: Ärzte müssen möglichst ökonomisch vorgehen. 3. Patienten: Ärzte müssen Einfühlungsvermögen aufbringen. In der Ausbildung lernen angehende Medizinern jedoch hauptsächlich etwas zu den ersten beiden Punkten (Fachausdrücke, Formalitäten, Abkürzungen etc.). Latent wird den Ärzten darüber hinaus über die Art und Weise des Unterrichts sogar vermittelt, dass Empathie und Einfühlungsvermögen eher dem eigenen Berufsstand als den Patienten gelten soll. Deren diesbezügliche Bedürfnisse rangieren in der Ausbildung unter "ferner liefen". Daraus resultieren typische Charakteristika ärztlichen Gesprächsverhaltens: - Ärzten übernehmen den aktiven Redepart, Patienten den reaktiven. - Ärzten beanspruchen quantitativ mehr Redezeit. - Ärzte benützen häufig Fachwörter und Fachjargon. - Ärzte unterbrechen oder übergehen Initiativen und Erzählversuche von Patienten. - Typische ärztliche Fragen sind geschlossene Fragen und Entscheidungsfragen. Ärzte informieren und erklären wenig.

Unterschiedliche Schmerzbeschreibungen von Frauen und Männern haben gravierende Auswirkungen

In einer kardiologisch-linguistischen Studie konnte nachgewiesen werden, dass Frauen und Männer Brustschmerzen systematisch unterschiedlich beschreiben: - Frauen stellen sich selbst als eher Schmerz "ertragend" dar, stufen ihre eigenen Schmerzen zurück, beschreiben sie wenig symptom-orientiert ("diffus") und thematisieren vor allem das psychosoziale Umfeld. - Männer hingegen stellen sich als Schmerz "bewältigend" dar, beschreiben sehr konkret Symptome und thematisieren eher die Ursachenklärung. Damit passen ihre Beschreibungen viel genauer zu den Erwartungen der Ärzten hinein. Die Folgen sind dramatisch. Das unterschiedliche kommunikative Verhalten ist möglicherweise eine der Ursachen dafür, dass bei Frauen die koronare Herzkrankheit - und als deren häufige Folge der Herzinfarkt - wesentlich häufiger falsch diagnostiziert wird als bei Männern. Sie wird nicht als solche erkannt, wodurch sich die Sterblichkeit nach Herzinfarkten signifikant erhöht. Gelungene Kommunikation, die eine Zugehörigkeit zu unterschiedlichen sprachlichen Welten ernst nimmt, hat also nicht nur mit dem "Wohlbefinden" der Patienten zu tun, sondern kann unmittelbar Auswirkungen auf ihre Gesundheit und ihr Leben haben. Sie führt also nicht "nur" zu zufriedeneren Patienten, sondern auch zu mehr Effizienz und Effektivität und unterstützt damit mittelbar eine Reduktion der medizinischen Kosten, so Florian Merz.

Mag. Michael Schumm

April 2006


Foto: Bilderbox

Autor

Univ.-Prof. Dr. Florian Menz

Universität Wien, Institut für Sprachwissenschaft

Berggasse 11,  A-1090 Wien 

E-Mail: florian.menz@univie.ac.at

Homepage:http://www.univie.ac.at/linguistics/personal/florian/

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020