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Skoliose: Krumme Sache

Skoliose: Krumme SacheBei Skoliosen zählen Früherkennung und spezielle Therapien. Sie ist meist angeboren, betrifft mehr Mädchen als Buben und sollte rechtzeitig behandelt werden: Die Skoliose, eine Verkrümmung der Wirbelsäule, macht sich in den häufigsten Fällen schon bei Jugendlichen bemerkbar.

Das Wort Skoliose leitet sich aus dem altgriechischen „skolios“ ab – übersetzt „krumm“. Sie kann bei allen Wirbeltieren einschließlich den Fischen vorkommen. Beim Menschen wurde die Skoliose erstmals schon in der Antike vom griechischen Arzt Hippokrates beschrieben und behandelt. Doch worum handelt es sich überhaupt bei dieser Erkrankung? Dazu Oberarzt Dr. Thomas Fingernagel von der orthopädischen Abteilung am Kinikum Wels-Grieskirchen: „Grundsätzlich ist die Wirbelsäule ganz gerade. Eine Fehlstellung liegt vor, wenn sie von ihrer Normalform abweicht. Bei entsprechend starker Abweichung spricht man von einer Skoliose.“


Fehlhaltungen

Aber nicht alle diagnostizierten Skoliosen sind als solche zu werten. „Das liegt an der Art der Bildgebung“, erklärt der Spezialist. „Röntgenaufnahmen, die im Liegen oder nur von Teilabschnitten der Wirbelsäule gemacht werden, lassen zwar auf eine Skoliose schließen, sind aber zum Großteil nur skoliotische Fehlhaltungen.“ Auch Beckenschiefstände werden oft fälschlicherweise für eine Skoliose gehalten.

Eine „echte“ Skoliose ist die Verkrümmung nämlich erst dann, wenn eine in Winkelgrad gemessene Abweichung von über zehn Grad gemessen wird. Das wiederum lässt sich nur dann exakt feststellen, wenn eine Röntgenaufnahme im Stehen von der gesamten Wirbelsäule erstellt wird. „Bei den Mädchen sollte das Röntgenbild von hinten nach vorne gemacht werden, damit sie später kein erhöhtes Brustkrebsrisiko haben“, betont Dr. Fingernagel.

Die medizinische Bewertung einer Skoliose ist abhängig vom Winkelgrad, dem Alter der Betroffenen und der Entwicklung der Knochen. Zu Verkrümmungen kann es etwa an Brust- oder Lendenwirbeln kommen. Am häufigsten ist jedoch die sogenannte S-förmige Verkrümmung im Brustbereich.
Sichtbar wird eine Skoliose typischerweise während des Wachstumsschubs im Pubertätsalter. Die Betroffenen klagen allerdings nicht über Schmerzen – da sie keine haben. Meist bemerken Eltern oder Schulärzte, dass die Kids schief stehen, und schicken sie zum Orthopäden. Wobei die Skoliose „weiblicher“ ist: „Das Verhältnis Mädchen zu Buben beträgt sechs zu eins. Die Ursache dafür ist nicht restlos geklärt, dürfte aber hormonell bedingt sein“, sagt der Orthopäde. Je nach Röntgenbefund legt der Orthopäde die Art der Behandlung fest.

Bälle und Spiele

Während skoliotischen Fehlhaltungen mit herkömmlicher Heilgymnastik zu Leibe gerückt wird, ist für eine „echte“ Skoliose eine spezielle Form der Physiotherapie notwendig. Dazu Dr. Fingernagel: „Essentieller Teil ist die Schroth-Therapie, die unter anderem Bälle und Spiegel einsetzt. Dabei sehen sich die Kinder selbst und bekommen ein Gefühl dafür, wie man gerade steht. Wichtig ist, dass die Muskeln gestärkt werden, damit die Patienten nicht aus dem Lot fallen.“

Ziel der Therapie ist es, die Verkrümmung eventuell zu verbessern oder ihren Grad wenigstens zu halten. Bei höheren Winkelgraden ist oft ein Mieder notwendig, das – außer während der Therapien – 24 Stunden am Tag getragen werden muss. Und zwar so lange, bis das Achsenskelett ausgereift ist. Operative Eingriffe sind wegen der Früherkennung kaum nötig. Völlig korrigieren lässt sich eine Skoliose oft nicht, vielen Patienten bleibt eine Restabweichung. Übrigens: Der Ratschlag „Steh gerade“ hilft nichts, da eine Skoliose meist angeboren und in vielen Fällen auch vererbt ist. Derzeit wird an einem genetischen Fingerabdruck gearbeitet. Damit soll vorausgesagt werden, ob sich eine diagnostizierte Skoliose verschlechtern wird oder nicht. Thomas Fingernagel: „Dadurch würden sich viele Kinder das Mieder ersparen.“

Gefahr für Organe

Grundsätzlich schreitet eine Skoliose nicht mehr fort, wenn das Wachstum abgeschlossen ist. Außer: „Haben Jugendliche bereits einen Winkelgrad von über 60, wird die Skoliose jährlich um einen Grad schlechter. Sind dann etwa 90 Grad erreicht, kann das sogar die Funktion der inneren Organe einschränken“, so Oberarzt Fingernagel.
„Eindeutige Daten, dass Skoliosepatienten mit mittelgradiger Ausprägung mehr Rückenschmerzen als andere haben, gibt es nicht. Aufgrund der einseitigen Belastung durch die Verkrümmung kann es aber zu Abnutzungen, meist begleitet von Bandscheibenvorfällen, kommen. Gute Erfolge erzielt dabei die konservative Therapie mit Heilgymnastik, Strom, Ultraschall oder Infiltrationen“,
erklärt der Experte.
Zwar kommt eine Skoliose am häufigsten bei Jugendlichen vor, es können aber auch Erwachsene davon betroffen sein. Vor allem jene, die oft einseitigen Belastungen ausgesetzt waren. Zudem können Abnützungen der Wirbelbogengelenke zu Verkrümmungen führen. Abhilfe bei diesen sogenannten degenerativen Skoliosen schaffen ebenfalls Physiotherapien und Infiltrationen.
Welche Folgen hat es aber nun, wenn eine Skoliose bei Jugendlichen nicht rechtzeitig diagnostiziert und daher auch nicht behandelt worden ist? „Davon ist heute vor allem die Generation 60 plus betroffen“, berichtet Dr. Fingernagel aus der Praxis. Denn als jene, die dieser Generation angehören, in der Pubertät steckten, lautete das Motto noch: „Das verwächst sich schon wieder.“ Doch stattdessen wurden die Verkrümmungen immer schlimmer. „Haben sie einen hohen Winkelgrad erreicht, leiden diese unbehandelten Patienten teilweise unter extremen Schmerzen.“

Zusammenfassend heißt das: Eine Skoliose bekommt man nicht aufgrund einer schlechten Haltung. Sie ist meist Veranlagung, in vielen Fällen wurde sie auch vererbt. Zwar kann eine Skoliose bereits bei Babys und auch bei älteren Personen auftreten, am häufigsten sind jedoch Jugendliche während des Wachstums betroffen. Bemerken daher Eltern einen „Schiefstand“ bei ihren Teenagern, sollten sie mit ihnen auf jeden Fall einen Orthopäden aufsuchen. Denn: „Je früher eine Skoliose mit der richtigen Therapie behandelt wird, desto besser“, unterstreicht Dr. Fingernagel.

Cornelia Schobesberger

Juli 2012


Foto: © Ute Gräske / pixelio.de, privat

Kommentar:

Kommentarbild_Skoliose_Krumme Sache_Dr. Fingernagel„Eine Skoliose wächst sich nicht aus. Diese Wachstumsstörung lässt sich auch nicht verhindern. Wichtig ist eine frühzeitige Erkennung, um rechtzeitig Maßnahmen treffen zu können, damit sich die Verkrümmung nicht verschlechtert.“
Dr. Thomas Fingernagel
Oberarzt an der orthopädischen Abteilung des Klinikums Wels-Grieskirchen

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020