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Mittelohrent-zündung: Antibiotika gezielt einsetzen

Mittelohrentzündung: Antibiotika gezielt einsetzenBei Kindern sind Atemwegsinfekte häufig von einer akuten Mittelohrentzündung begleitet. Antibiotika sind nur in einem Bruchteil der Fälle nötig und sinnvoll.

Ohrenschmerzen gehören zu den häufigsten akuten Erkrankungen bei kleinen Kindern. Liegt eine Entzündung des Mittelohres (Fachbegriff: Otitis media) vor, löst dies zumeist starke Schmerzen aus. Am häufigsten betroffen sind Säuglinge und Kleinkinder bis zum 15. Lebensmonat. Ab dem Schulalter treten Mittelohrentzündungen nur mehr selten auf.
„90 Prozent aller dreijährigen Kinder dürften laut einer Untersuchung schon zumindest einmal von einer Otis Media betroffen gewesen sein“, sagt Prim. DDr. Peter Voitl, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde und ärztlicher Leiter am Ambulatorium für Kinderkardiologie in Wien.

Otitis media

Bei einer akuten Mittelohrentzündung sind die Schleimhäute des Mittelohrs entzündet. Auslöser sind Keime, die bei einer Atemwegsinfektion oder einer Entzündung der Mandeln aus dem Nasen-Rachen-Raum durch die Ohrtrompete in das Mittelohr aufsteigen. Bei einer Verletzung des Trommelfells können Viren und Bakterien auch durch die verletzte Stelle ins Mittelohr gelangen.
Bei Säuglingen und Kleinkindern ist die Ohrtrompete noch kurz und schmal. Diese Anatomie begünstigt die Entstehung von Entzündungen im Mittelohr. Bereits ein Schnupfen kann ausreichen, um den engen Kanal zu verstopfen. Das Sekret staut sich, ist Nährboden für Entzündungen und drückt von innen schmerzhaft gegen das Trommelfell.

Symptome

Bei einer akuten Mittelohrentzündung ist das Trommelfell gerötet und nach außen gewölbt. Typische Begleiterscheinungen sind stechende, pulsierende Ohrenschmerzen, Fieber, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit. Zumeist gibt es auch Zeichen eines oberen Atemwegsinfektes, denn eine Otitis media beginnt oft mit einer Erkältung. Bei Säuglingen zeigen sich häufig Symptome wie Trinkunlust und Unruhe. Drückt angestautes Sekret gegen das Trommelfell, kann auch die Hörfähigkeit beeinträchtigt sein. Reißt das entzündete Trommelfell ein, durchbricht das Sekret das Trommelfell (das Ohr „beginnt zu laufen“) und die Schmerzen verschwinden oder lassen deutlich nach.

Diagnose

Eine korrekte Diagnose ist bei Kindern nicht immer einfach zu stellen. Zum einen ist ein Trommelfellbefund vor allem bei kleinen Kindern oft durch Unruhe erschwert, es bleiben nur kurze Momente, um das Ohr zu begutachten. Häufig macht auch Ohrenschmalz einen Blick auf das Trommelfell unmöglich. „Ist ein optischer Befund möglich, so ist seine Interpretation zudem eine höchst subjektive Angelegenheit. Nicht jede Rötung des Trommelfells bedeutet gleich eine Mittelohrentzündung. Aussagekräftig ist vor allem eine Vorwölbung des Trommelfells, diese deutet auf einen Erguss im Innenohr hin“, erklärt Voitl.
Eine Durchstechung des Trommelfells (Parazentese) samt Erregerbestimmung würde Klarheit schaffen, sie ist in der Praxis aber kaum durchführbar. Der Arzt orientiert sich bei der Diagnose daher auch an den im Gespräch mitgeteilten Symptomen und führt, falls möglich, eine Begutachtung der Trommelfelle beider Ohren durch. „Da in vielen Fällen keine gesicherte Diagnose möglich ist, befindet man sich als Arzt in einer Grauzone, in der häufig die Sicherheitsdiagnose Otitis media gestellt wird“, so der Kinderarzt.

Behandlung

Im Vordergrund der Therapie steht die Linderung der Beschwerden. Einerseits sollte man abschwellende Nasentropfen verwenden, um den Sekretabfluss zu erleichtern und damit den Druck auf das Ohr zu reduzieren; andererseits sind schmerzlindernde Mittel wie Ibuprofen oder Paracetamol angezeigt. Eine angemessene Schmerztherapie ist unbedingt nötig, denn die Schmerzen können auch heftig ausfallen. „Man sollte das verschriebene Schmerzmittel regelmäßig nehmen, also dreimal am Tag und dies einige Tage lang und nicht nur bei Bedarf. Man sollte das Mittel auch nicht sofort bei Linderung absetzen, sondern die mit dem Arzt besprochene Einnahmelänge einhalten“, so Voitl.

Unterstützend können folgende Maßnahmen helfen:

  • Bestrahlungen mit Rotlicht
  • Zwiebelwickel: Zwiebel fein hacken, in Stoff einwickeln, leicht erwärmen und auf dem schmerzenden Ohr befestigen (mit Hilfe eines Tuchs, Schals oder Haube)
  • Darauf achten, dass kein Wasser in die Ohren gelangt
  • Das Kind schonen und vor Kälte und Zugluft schützen
  • Auch homöopathische Tropfen können zusätzlich Erleichterung schaffen
  • Passivrauch unbedingt vermeiden

Antibiotika zu häufig eingesetzt

Die Selbstheilungsrate bei Mittelohrentzündungen liegt bei 80 bis 90 Prozent. Eine Verschreibung von Antibiotika ist in vielen Fällen nicht notwendig. „Eine abwartende Beobachtung samt kurzfristigen Kontrollen bei ansonsten gesunden Kindern ist angebracht. Man kann mit der Gabe von Antibiotika zuwarten. Das Kind sollte am nächsten Tag noch einmal in die Arztpraxis kommen und wenn sich die Symptome nicht verschlimmert haben, dann kann man davon ausgehen, dass Antibiotika nicht nötig sind. In 80 Prozent aller Fälle ist eine Behandlung mit Schmerzmitteln völlig ausreichend“, erklärt Voitl.
Die Mittelohrentzündung ist hierzulande der häufigste Grund für den Einsatz von Antibiotika. DDr. Voitl: „Die wissenschaftliche Datenlage gibt keinen Anlass, von einem zuwartenden Verhalten mit kurzfristigen Kontrollen abzuweichen. Der großflächige Einsatz von Antibiotika ist häufig unbegründet, sie werden nach wie vor vielfach vorschnell verordnet. Nur eine von sieben Verabreichungen ist wirklich gerechtfertigt.“ Antibiotika bekämpfen Krankheitserreger und verhindern, dass sie sich weiter ausbreiten. Sie bekämpfen jedoch nur Bakterien, nicht aber Viren. „Da der Großteil der Mittelohrentzündung viral verursacht ist, sind viele Antibiotikaverschreibungen nicht angebracht und oft sinnlos“, so der erfahrene Kinderarzt.

Antibiotika nur in bestimmten Fällen sinnvoll

In folgenden Fällen kann die Gabe von Antibiotika dagegen nötig sein:

  • Bei Kindern mit schwerer Allgemeinerkrankung
  • Bei Säuglingen unter sechs Monaten (hier sind ansonsten häufig Komplikationen zu befürchten)
  • Bei Kindern unter zwei Jahren mit gesicherter Diagnose
  • Bei Kindern mit hohem Fieber und reduziertem Allgemeinzustand
  • Bei massivem Lokalbefund
  • Kindern in den ersten drei Lebensjahren mit beidseitiger Mittelohrentzündung
  • Bei Kindern mit wiederholten (drei Erkrankungen binnen sechs Monaten) Mittelohrentzündungen

Voitl: „Bei Kindern über zwei Jahren sollten Antibiotika nur eingesetzt werden, wenn ein massiver Lokalbefund oder ein schwerer Verlauf zu beobachten ist. Ansonsten sollte man nur Schmerzmittel verabreichen, vorerst beobachten und abwarten. Dazu gehört aber auch eine gute Mitwirkung der Eltern, die die Kontrolltermine einhalten müssen.“

Kein Schutz vor Schmerzen und Komplikationen

In seltenen Fällen kommt es bei Mittelohrentzündungen zu Komplikationen (z.B. Hörschäden). „Es ist nicht erwiesen, dass Antibiotika einen Einfluss auf die Häufigkeit dieser Komplikationen haben. Untersuchungen zeigen auch, dass durch Antibiotika die Schmerzen und Entzündungen bei den meisten Kindern nicht schneller abklingen“, so der Primar. Auch beugt die Behandlung mit Antibiotika nicht weiteren Mittelohrentzündungen vor.
Man sollte Antibiotika also sparsam und mit Bedacht einsetzen. Es gibt jedoch keine festgelegte Höchstgrenze, wie oft im Jahr eine Gabe maximal angebracht sein könnte. „Tritt die Erkrankung häufig auf, zum Beispiel sechs Mal im Jahr, sollte man eine genaue Begutachtung der Nasenpolypen in Erwägung ziehen, um diese eventuell zu entfernen“, so der Kinderarzt.

Gefahr von Resistenzen

Bei der Einnahme von unnötigen Antibiotika können Nebenwirkungen auftreten und zudem Resistenzen entstehen. Werden Bakterien gegen ein Mittel resistent, bedeutet das, dass das verabreichte Antibiotikum bei Folgeanwendungen möglicherweise seine Wirkung einbüßt. Die Gefahr von Resistenzen besteht auch, wenn der Patient sein Antibiotikum vorzeitig absetzt. Noch nicht abgetötete Bakterien können sich an das Antibiotikum „gewöhnen“ und können beim nächsten Mal immun gegen das Medikament sein.

Prävention

Eine Impfung gegen Pneumokokken und die Grippeimpfung können einen Teil der Infektionen verhindern. Weitere hilfreiche Maßnahmen: „Stillen, wenn möglich für sechs Monate, stärkt das Immunsystem und schützt so vor Infekten. Auch das Vermeiden von Passivrauchen sowie das Kauen von zuckerfreiem Kaugummi bei größeren Kindern haben einen schützenden Effekt“ so Voitl.

Dr. Thomas Hartl
Februar 2013


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020