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Wenn die Gelenke 'Rost ansetzen'....

hüftgelenksendoprothese_röntgenbildWas ist der Stein des Weisen, damit alters- und abnützungsbedingte Bewegungseinschränkungen erst gar nicht auftreten? Richtig: Bewegung – aber die individuell geeignete Art davon.

Eingeschränkte Bewegung vermindert Lebensfreude

Unsere Zeit ist eine des häufig falsch verstandenen und leider auch falsch praktizierten Sport- und Fitness-Wahns, aber auch der ganz und gar mangelnden Bewegung. Wir sitzen hinter dem Computer, jede kleinste Strecke fahren wir mit dem Auto, der Lift ist bequemer als Treppensteigen – und so handeln wir uns neben zu vielen Kilos auf den Hüften und dabei auch massive Abnützungserscheinungen an den Gelenken ein. Klingt absurd, ist aber so. Manche erarbeiten sich ihre Probleme durch körperlichen Schwereinsatz, aber das Gros der Patienten, die schmerzgeplagt orthopädische Abteilungen bevölkert, holt sich seine Beeinträchtigungen im "ganz normalen" Leben.

Breites Spektrum an Schäden des Bewegungs- und Stützapparates

Vor allem Schäden an der Wirbelsäule (Bandscheiben, osteoporosebedingte Abnützung usw.), an Knie und Hüfte, aber auch Schulter und Händen machen das Leben zunehmend schwieriger. Oft bleibt nach vergeblichen Versuchen mit Medikamenten und Physiotherapie nur mehr der Entschluss zur Operation. Die moderne Operationstechnik ermöglicht die "Reparatur" vieler Schäden, die man früher mit dem fortschreitenden Alterungssprozess hinnehmen musste oder aufgrund der niedrigen Lebenserwartung gar nicht erlebt hat.

Rasch fortschreitende Entwicklung von Material und OP-Technik

1967 wurde in Österreich das erste Hüftgelenk ausgetauscht – das Zeitalter der erfolgreichen Endoprothetik (Implantation von Kunstgelenken) begann und verbesserte sich rasch mit der Verfügbarkeit des geeigneten Materials. War es zuerst Knochenzement, eine klebstoffartige Kunststoffverbindung, der die Entwicklung von länger haltbaren Kniegelenken ermöglichte, so revolutionierte 1979 die Erfindung des Wiener Universitätsprofessors Karl Zweymüller die Implantation von Kunstgelenken. Er entwickelte die mittlerweile weltberühmte "Zweymüller-Hüftendoprothese" aus geschmiedetem Titan, die ohne Zement exakt in den Oberschenkelknochen eingepasst wird.

Für fast alle Gelenke stehen heute künstliche Ersatzteile aus leichten und widerstandsfähigen Materialien zur Verfügung. Operationen sind durch die neuen Techniken wesentlich unproblematischer geworden und erfordern viel kürzere Krankenhausaufenthalte als noch vor wenigen Jahren. Der Fortschritt in Sachen Rehabilitation trägt das Seine zur raschen Wiederherstellung der Beweglichkeit nach Hüft- oder Knieoperationen bei.

AKh Linz - eines der besten Orthopädiezentren von Österreich

Seit langer Zeit bekannt für ihre hervorragende Symbiose von modernstem Fachwissen und Mut zum "gesunden Risiko" bei erfolgversprechenden Neuerungen ist die Abteilung für Orthopädie am AKh Linz. Univ. Prof. Dr. Nikolaus Böhler und sein Team sind eine der "besten Adressen" speziell im Bereich der künstlichen Gelenke, aber auch anderer Schwerpunkte ihres Faches.

Seit 1993 gehört etwa die Implantation der Sprunggelenksprothese (österreichweit erstmals in Linz durchgeführt) zum Operationsstandard, der immer wieder nach neuesten Erkenntnissen verbessert wird. Zum Alltag gehören auch die relativ schwierigen Prothesenwechseloperationen, die allerdings dank der Haltbarkeit der Materialien in immer größeren Abständen vorgenommen werden muss.

Patientenschonend: Minimal invasive Eingriffe

Neue OP-Verfahren gestalten die Eingriffe für die Patienten kürzer und damit auch schonender. Mit Hilfe der relativ neuen Blut-Rückinfusionssysteme (eine Initiative der Abteilung Anästhesie) kommt man bei den meisten Operationen sogar ohne Fremdblut aus.

Seit einigen Jahren werden auch Hüfttotalendoprothesen mittels minimal invasiver Implantation platziert, wobei der Hautschnitt bzw. der Zugang zum Hüftgelenk nicht wie üblich von der Seite, sondern von vorne erfolgt. Das ist operationstechnisch zwar schwieriger und aufwendiger, hat jedoch mehrere Vorteile: geringeren Blutverlust, kürzere Schnittführung, schonendere Behandlung der Weichteile, besonders der Muskulatur, die nun nicht mehr durchtrennt werden muss.

Neben dieser sehr häufigen Operation sind es auch viele Ellenbogengelenksprothesen, die seit Beginn der 90er Jahre eingesetzt werden.

Ein breites Feld nehmen Bandscheibenvorfälle durch Abnützung und Wirbeleinbrüche (häufige Ursache: Osteoporose) ein. Bei letzteren kann die Kyphoplastik Abhilfe schaffen: Durch einen Ballon wird der betroffene Wirbelkörper wieder in seine Position gebracht und dann mit Zement aufgefüllt. Kleinere Bandscheibenschäden werden heute endoskopisch behoben, größere nach wie vor traditionell. Bei extrem starker Abnützung ist die Implantation künstlicher Bandscheiben möglich.

Ein "Zusatzservice" für Patienten im AKh Linz sind Schrauben aus Knochenmaterial, eine Erfindung der Kieferchirurgischen Abteilung im selben Haus. Sie ersparen die nötige Entfernung des Implantats in einer zweiten Operation, weil sie sich mit dem körpereigenen Material verbinden.

Zukunft in der Molekularbiologie

Auch die Orthopädie setzt — wie viele andere Fachrichtungen — für die Zukunft auf die Errungenschaften der Molekularbiologie. Bereits jetzt ist die erfolgreiche Züchtung von Knorpelmaterial gelungen. Sie gilt als Startschuss für Neuerungen, die dem Patienten mehr Effizienz bringen und von Medizinern und Gesundheitspolitik nach und nach erhebliches Umdenken fordern werden, denn die neuen Methoden sind zwar wirksam, aber auch teuer. Vernünftige Finanzierungsverantwortung wird sowohl von Patienten wie auch Ärzten und Kostenträgern mehr denn je gefragt sein.

Dr. Ingrid Feilmayr

Mai 2006


Foto: Wikipedia

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020