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Weisheitszähne: Kein bisschen weise

Weisheitszähne: Kein bisschen weiseMeist haben Weisheitszähne zu wenig Platz. Sie zählen zu den Mahlzähnen, sind ein Überbleibsel aus der Urzeit, kommen spät oder gar nicht und müssen meist bald wieder gezogen werden: Weisheitszähne zählen zu den Sorgenkindern unter den Beißwerkzeugen.

Eine plausible Erklärung, warum der Weisheitszahn so heißt, wie er heißt, liefert www.wissen.de: „Früher hatten die Menschen eine viel niedrigere Lebenserwartung als heute. Deshalb galten damals bereits 30- oder 40-Jährige als weise Alte. Und weil man die vier Backenzähne ganz hinten im Kiefer normalerweise erst bekommt, wenn man schon erwachsen ist, wurden diese eben Weisheitszähne genannt.“

Der Grund, warum man sie überhaupt bekommt, obwohl man sie doch eigentlich gar nicht braucht, liegt in der Evolution, erklärt Primar DDr. Michael Malek, Leiter der Abteilung Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie am Linzer AKh: „Affen haben sehr lange Ober- und Unterkiefer und die Zähne daher genug Raum. Beim Menschen kam es dann zu einer Rückbildung des Gebisses. Denn aufgrund der geänderten Ernährung waren große Kiefer nicht mehr notwendig.“ Für die Weisheitszähne, die zwischen dem 18. und 22. Lebensjahr durchbrechen, ist daher oft kein Platz mehr. Bleiben sie im Knochen stecken, spricht der Mediziner von retinierten Zähnen. „Hat der Weisheitszahn allerdings genug Platz, stellt er sich in die Verzahnung ein und ist damit wichtig für das Kauen. Allerdings braucht er dafür einen Zahn im anderen Kiefer“, erklärt Malek. Deshalb muss meistens auch der gegenüberliegende Weisheitszahn dran glauben, wenn sein „Partner“ gezogen werden muss.

Was aber sind die Komplikationen, die dafür sorgen, dass manchen Menschen schon allein beim Wort „Weisheitszahn“ der Angstschweiß ausbricht? „Ist nur ein Großteil der Krone durchgebrochen, ist der Zahn von einer Schleimhautkapuze bedeckt. Darunter sammeln sich Speisereste. Der Zahn ist sehr schwer sauber zu halten, worüber sich die Bakterien freuen“, so der Primar. Dadurch kommt es zu Entzündungen. Zwar werden sie behandelt, etwa indem die Kapuze abgeschnitten wird, das ursächliche Problem ist damit aber in vielen Fällen nicht gelöst. Zudem kann sich Karies entwickeln, was wiederum eine Zahnmarkentzündung auslösen kann. Zu Komplikationen kann auch eine Zyste im Hohlraum des Knochens führen, wenn sie sich vergrößert. Dazu der Mediziner: „Man ist so lange schmerzfrei, bis es zu einer Infektion kommt oder sie so groß ist, dass der Knochen bricht. In den meisten Fällen kommt man durch Röntgen aber rechtzeitig drauf.“ Liegt der Weisheitszahn gekippt, kann er das Zahnfach des benachbarten Mahlzahnes schädigen. Die Konsequenz dieser Komplikationen: Der Weisheitszahn muss raus.

Ersatzzahn

Die unbeliebten Beißwerkzeuge werden aber nicht nur bei Problemen, sondern auch prophylaktisch entfernt. Nämlich dann, wenn im Vorhinein festgestellt wird, dass sie zu wenig Platz haben, nie vollständig durchbrechen und Schaden anrichten werden. „Die meisten Weisheitszähne werden problemlos in örtlicher Betäubung operativ entfernt“, erläutert Malek. Oft sind sie nicht einfach zu entfernen, weil sich die Krone teilweise oder vollständig im Zahnfleisch befindet. Dann wird der Zahn zuerst freigelegt oder auch geteilt. Meistens wird die Wunde vernäht. Ist die Operation vorbei, können sich Komplikationen einstellen: „Dazu zählen etwa eine Schwellung mit kleinem Bluterguss in der Wange oder eine vorübergehende Gefühlsstörung der Unterlippe und des Zungenrandes“, so der Spezialist. Auch kann es passieren, dass man einige Zeit den Mund nicht mehr richtig aufmachen kann, es also zu einer Kieferklemme kommt. Er rät Patienten zu sorgfältiger Mundhygiene und Spülungen mit Salbeitee. So wie man sich bei einer Hautwunde nicht ständig die Blutkruste herunterkratzen soll, sollte auch nach einer Zahnoperation nur wenig gespült werden. „Sonst verhindert man einen dauerhaften Verschluss der Wunde.“ Auch das Rauchen sollte unterlassen und nichts Heißes gegessen oder getrunken werden.

Zudem sollte Kaltes aufgelegt werden – entweder so genannte Coolpacks oder Eiswürfel in einem Sackerl oder einem Tuch verpackt. Bei einer Kieferklemme sollte der Mund nicht geschont, sondern auf- und zugeklappt werden. Das Maximum der Schwellung sollte am zweiten Tag nach der Operation erreicht sein. Und nach einer Woche sollte man alle Folgen der Extraktion überstanden haben. Aber nicht immer ist der Weisheitszahn der „Böse“. Er kann auch Retter in der Not sein. „Es ist möglich, Weisheitszähne zu transplantieren oder zu regulieren“, berichtet der Primar. „Transplantationen werden immer häufiger gemacht. Die besten Erfolge werden erzielt, wenn das Wurzelwachstum des Weisheitszahnes noch nicht abgeschlossen ist. Das ist meist bei jungen Menschen der Fall. Der Weisheitszahn kann dann einen gezogenen Stockzahn ersetzen.“

Cornelia Schobesberger

November 2010

Foto: Bilderbox, privat

Kommentar

Kommentarbild von DDr. Michael Malek zum Printartikel „Eine operative Entfernung des Weisheitszahnes ist in den meisten Fällen problemlos. Befolgt man ein paar Ratschläge, sollte etwa eine Woche nach der Operation alles überstanden sein.“
DDr. Michael Malek
Leiter der Abteilung Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Linzer AKh

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020