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Keine Angst vor Kortison

Keine Angst vor KortisonBegonnen hat es seine Karriere als Wundermittel – bis eine Reihe von Nebenwirkungen die Euphorie stoppte. Kortison, ein in der Nebennierenrinde gebildetes Hormon, wurde plötzlich zum Angstmacher. Dafür gibt es heute keinen Grund mehr. Bei fachkundiger Anwendung der modernen Kortison-Abkömmlinge überwiegen die Vorteile ganz klar.

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Kortison im Jahr 1948. Einer jungen Amerikanerin, die unter einer besonders schweren Form von Gelenksrheumatismus litt, wurde das Hormon gespritzt. Innerhalb von wenigen Tagen konnte die Frau schmerzfrei laufen. Kortison hatte die Entzündung eingedämmt und begann seinen weltweiten Siegeszug. Die Anwendung blieb nicht auf rheumatische Beschwerden beschränkt. Kortison-Präparate kamen als Injektionen und Tabletten auch bei Asthma und anderen Autoimmunkrankheiten zum Einsatz. Ein wesentlicher Fortschritt in der Behandlung entzündlicher Hautkrankheiten wie Neurodermitis oder Schuppenflechte war die Entwicklung lokal anwendbarer Corticosteroide als Salbe, Creme, Milch oder Lösung. Die Vielzahl der therapeutischen Möglichkeiten beruht auf den einzigartigen Eigenschaften des Hormons: Es wirkt stark entzündungshemmend, verengt die Hautgefäße, unterdrückt die Immunreaktion und bremst das Zellwachstum.

Mythos gekippt

Der Mythos vom Wundermedikament kippte Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, nachdem immer mehr über Nebenwirkungen bekannt geworden war. Die bekannteste davon ist das so genannte Cushing-Syndrom. Änderungen im Wasser- und Fetthaushalt führen zum typischen Vollmondgesicht und Stiernacken. Dazu kommen noch Störungen des Zuckerstoffwechsels bis hin zu Diabetes, Bluthochdruck, eine Erhöhung der Blutfettwerte und eine Neigung zu Osteoporose sowie die so genannte Kortison-Akne. Sogar psychische Nebenwirkungen wurden beobachtet. Auch die großzügige lokale Anwendung von Kortisonpäparaten auf der Haut verursachte Nebenwirkungen: dünne, verletzliche Haut, auffällige Gefäßzeichnung sowie im Gesicht die kosmetisch äußerst störende periorale Dermatitis mit Rötung, entzündlichen Knötchen und Pusteln. Das alles hat dazu geführt, dass aus dem Wundermittel innerhalb weniger Jahre ein richtiges Angst-Medikament wurde. Mittlerweile hat die Wissenschaft gerade beim Einsatz von Kortison einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht. Derzeit sind synthetische hergestellte Corticosteroide (TCC) der vierten Generation im Einsatz – so genannte „soft steroids“, die eine schnelle Abbaubarkeit mit besonders guter Verträglichkeit kombinieren. Univ.- Prof. Dr. Josef Auböck, der Leiter der dermatologischen Abteilung am Linzer AKH: „Bei entzündlichen Hauterkrankungen aller Art sind Kortison-Präparate wichtig und in sehr vielen Fällen unverzichtbar. Das Risiko steht in keiner Relation zum Heilerfolg.“ Wenn die Kortison-Abkömmlinge örtlich begrenzt und nur für kurze Zeit angewendet werden, sind praktisch keine Nebenwirkungen zu erwarten. Deshalb kann bei akuten Entzündungen die Therapie relativ großzügig angegangen werden. Bei chronischen Hautkrankheiten werden die Dosen so niedrig wie möglich gehalten, um gerade noch die gewünschte Wirkung zu entfalten. Ein Therapieplan und ärztliche Verlaufskontrolle sind unerlässlich, um Nebenwirkungen möglichst gering zu halten. Das gilt auch für den systemischen Einsatz, etwa gegen Asthma, Rheuma oder autoimmunologisch bedingte Hautkrankheiten.

Ein Fall für Experten

Nach wie vor sollte der Einsatz von Kortison ein Fall für den Experten sein. Professor Auböck: „Es ist bei Kortison schon wichtig zu wissen was, wo, wie, wie viel und wie lange das Präparat eingesetzt wird.“ So macht es beispielsweise einen deutlichen Unterschied, auf welche Körperregion eine Kortison-Salbe aufgetragen wird. Die Aufnahmefähigkeit der menschlichen Haut ist beispielsweise im Genitalbereich 40fach höher als am Unterarm. Auch die Gesichtshaut ist deutlich empfindlicher. Von Selbstversuchen im Gesicht mit kortisonhaltigen „Heilsalben“ aus der Hausapotheke rät Josef Auböck dringend ab: „Damit kann zu einer so genannten Kortison-Abhängigkeit mit dramatischen Entzündungen kommen.“ Anfänglich triviale Hautreizungen im Gesicht, deren Behandlung mit Kortisonsalbe und nach einer vorübergehenden Besserung ein neuerliches verstärktes Auftreten der Entzündung schaukeln sich dabei auf. Bis zu sechs Wochen kann es dann dauern, die Haut wieder von Kortison zu entwöhnen.

Unbegründete Angst

Verbreiteter als unsachgemäßer Gebrauch ist allemal die Angst vor dem wirksamsten Entzündungshemmer. Professor Dr. Josef Auböck: „Trotz aller Aufklärung kommt es noch immer vor, dass Eltern eine Therapie ablehnen, wenn sie das Wort Kortison hören. Auch wenn sich das Kind die juckende Haut schon ganz wund gekratzt hat.“ 


Heinz Macher


Bild: Bilderbox


Kommentar

„Als Entzündungshemmer ist Kortison nach wie vor unverzichtbar. Mittlerweile weiß man über die Wirkungsweise so viel, dass man auch die Nebenwirkungen sehr gut im Griff hat. Bei örtlichem und zeitlich begrenztem Einsatz gibt es mit den modernen Präparaten praktisch keine Nebenwirkungen.“

Univ.-Prof. Dr. Josef Auböck
Leiter der dermatologischen Abteilung am AKH Linz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020