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Neue Haut auf alten Narben

neue haut auf alten Narben - Bub hat FahrradunfallDie letzten Schürfwunden an den Knien des Nachwuchses vom sommerlichen Radsturz sind gerade verheilt und tun nicht mehr weh. Doch was tun, wenn eine unschöne, störende Narbe zurückgeblieben ist?

Größere oder kleinere Verletzungen erleidet fast jeder Mensch im Laufe seines Lebens. Befinden sie sich an exponierten Körperstellen, werden sie unter Umständen von den Betroffenen als starke kosmetische Beeinträchtigung empfunden. „Besonders im Gesicht können Hautunreinheiten, die mit den Fingern bearbeitet werden, zu Narben führen. Und die gehen dann nicht mehr weg“, warnt der Linzer Hautarzt Dr. Johannes Neuhofer.

Bewegungseinschränkung durch Narben

Neben dem kosmetischen Problem können Narben allerdings auch Schmerzen verursachen und die Beweglichkeit einschränken, wenn sie in der Umgebung von Gelenken liegen. Narbengewebe bildet sich bei der Heilung von Wunden, die in tiefere Hautschichten reichen.

Wundversorgung an erster Stelle

Wird die Wundheilung durch eine gute Erstversorgung unterstützt, heilt die Verletzung mit nur geringer Narbenbildung ab. Aber auch wenn schon eine störende Narbe vorhanden ist, kann sie erfolgreich behandelt werden. Eine vollständige Entfernung ist zwar auch heute noch nicht möglich, aber durch verschiedene Methoden können sie deutlich verkleinert werden. Angeboten werden spezielle Salben, Narbenpflaster oder Mobilisierung der Narbe bis hin zu operativen Verfahren.

Entstehung

Narbengewebe ist der Ersatz für verletztes oder entferntes Körpergewebe und bildet sich im Laufe der Wundheilung. Es ist derbes, meist weißliches, faserreiches Gewebe und arm an Gefäßen. Es ist daher nur mäßig durchblutet. Im besten Fall hat die Narbe das selbe Niveau wie die umgebende Haut. Oft aber liegt eine überschießende Narbenbildung („hypertroph“) vor oder die Narbe liegt eingesunken in der Haut („atroph“).

Die Haut besteht aus drei Schichten: Oberhaut, Lederhaut und Unterhaut.

Wird nur die oberste Hautschicht (Epidermis) verletzt, kann der entstandene Defekt durch einen gleichartigen „Zellersatz“ regeneriert werden.

Reicht die Verletzung allerdings bis in die tiefer gelegene Lederhaut, so wird gefäßreiches Bindegewebe zerstört, das für den spezifischen Zellersatz zuständig wäre. Die Verletzung wird nun durch funktionell minderwertiges Ersatzgewebe verschlossen, das weniger gut durchblutet und weniger dehnbar ist. Dadurch entsteht eine sichtbare Narbe, die meist etwas erhaben und von roter Farbe ist. Mit der Zeit verblasst sie und ragt nicht mehr über das Niveau der umgebenden Haut hinaus.

Formen

  • Atrophe Narben: Ist die Narbe grübchenartig eingesunken, wurden bei der Heilung zu wenig Ersatzfasern gebildet, der Mediziner spricht dann von atrophen Narben. Oft entstehen sie in Folge von Akne.
  • Hypertrophe Narben:Manchmal tritt eine überschießende Narbenbildung auf. Das ist oft nach Verbrennungen der Fall. Dabei bildet sich im Gegensatz zur atrophen Narbe ein Gewebsüberschuss, der sich über das umgebende Niveau wölbt. Diese Narben sind meist derb. Sind sie nur auf das Wundgebiet beschränkt spricht man von hypertrophen Narben. Wenn sie im Bereich von Gelenken liegen, kann es zu Bewegungseinschränkungen kommen.
  • Keloid: Von einem Keloid spricht der Mediziner, wenn sich das Narbengewebe auch auf das angrenzende Hautareal ausdehnt. Auch Keloide sind derb, allerdings stark gerötet, jucken oft oder sind übertrieben druckempfindlich. Meist ist die oberste Hautschicht des Keloids dünn und leicht zu verletzen.

Beeinträchtigungen

Narben können neben kosmetischen und damit seelischen Beeinträchtigungen auch zu körperlichen Problemen führen. Die Oberhaut über einer Narbe ist sehr dünn und hat keine Haare oder Talgdrüsen. Im Narbengewebe finden sich wenige Gefäße und Nervenenden. Dadurch ist das Narbengewebe in Summe leicht verletzbar. Das derbe Narbengewebe einer hypertrophen Narbe oder Keloids kann auch oft Spannungsschmerzen oder Bewegungseinschränkungen (sog. Kontrakturen) verursachen. Die müssen in schweren Fällen sogar operativ versorgt werden.

Narbenpflege

Weil es sich bei der Narbenbildung um einen natürlichen und notwendigen Vorgang handelt, lässt er sich nicht verhindern. „Es gibt zwei Dinge im Leben, die nicht wegzubringen sind. Und das sind der Tod und eine Narbe“, stellt Neuhofer fest. Verschiedene Methoden erlauben allerdings die günstige Beeinflussung des Heilungsprozesses.

Zunächst sollte bewusst gemacht werden, dass die frische Narbe keinen starken Temperaturreizen ausgesetzt werden soll – intensive Sonnenbäder, Solariumsbesuch, Sauna oder extreme Kälte sind der optimalen Wundheilung nicht zuträglich. Auch die Kleidung soll so gewählt werde, dass das empfindliche neue Gewebe nicht gereizt wird. Bei heilgymnastischen oder kräftigenden Übungen ist in der ersten Heilungsphase Vorsicht angesagt.

Mobilisierung

Eine längst bewährte Methode in der Narbenbehandlung ist die Massage des neuen Gewebes durch einen erfahrenen Physiotherapeuten. Durch die Handgriffe werden Verklebungen des Narben- mit dem darunter liegenden Gewebe gelöst. Der Reiz wirkt auch einer Schrumpfung des Narbengewebes entgegen und hilft bei der Umwandlung von Narben- zu funktionstüchtigem Gewebe. Im Zuge der Behandlung können spezielle Narbensalben einmassiert werden. Mit der Mobilisierung der Narbe kann frühestens nach dem völligen Abheilen der Wunde (kein Wundschorf, keine Fäden mehr) begonnen werden.

Narbenpflaster

Eine noch junge Methode ist die Applikation von Narbenpflastern, die sowohl auf frische als auch auf alte Narben aufgebracht werden können. Die Pflaster sind atmungsaktiv und enthalten keinen pharmazeutischen Wirkstoff. Sie wirken allein durch die Schaffung eines Hautklimas, das die Stoffwechselprozesse und die Gewebsregeneration anregt.

Die Pflaster sind einfach in der Anwendung und werden in der Regel auch von Allergikern gut vertragen. Auch mit der Pflasterbehandlung kann erst nach abgeschlossener Wundheilung begonnen werden.

Die Behandlung dauert etwa zwei bis drei Monate, wobei sie nicht länger als zwölf Stunden unterbrochen werden sollte.

Spritzenbehandlung

Hypertrophe Narben können durch Unterspritzen mit Kortikoiden geschmeidiger und flacher werden. Atrophe Narben können durch das Einspritzen von Kollagen „aufgefüllt“ werden.

Kompressionsverband

Großflächige Narben – besonders Narben nach Verbrennungen – werden durch Kompressionsverbände günstig beeinflusst. Narbenwucherungen werden verhindert. Dazu werden elastische Binden bis hin zu individuell angefertigter Kompressionskleidung verwendet. Auch diese Verbände müssen über längere Zeiträume hinweg getragen werden. Der Verband verhindert eine starke Überdehnung des Narbengewebes und bildet einen Reiz, der die Umwandlung des Narbengewebes in funktionstüchtiges Gewebe fördert. Die verbleibenden Narben werden durch den Kompressionsverband elastischer.

Operative Korrektur

Hypertrophe Narben, die funktionell stören, können operativ korrigiert werden: Das Narbengewebe wird entfernt und die Wunde entweder vernäht oder durch Hauttransplantate bedeckt. Diese Methode wird erst angewandt, wenn die Narbe nicht mehr gerötet ist oder frühestens neun Monate nach einem operativen Eingriff. Bei Keloiden ist die Lage schwieriger, weil sie nach erfolgtem Eingriff oft wiederkehren.


Mag. Christian Boukal

November 2006


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020