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Blutkonserven: Die Lebensspende

Die Lebensspende - BlutkonserveOhne Blutkonserven wäre die moderne Medizin nicht denkbar. Versuche von Blutübertragungen, meist mit dem von Mythen umrankten Blut von Lämmern, wurden schon im Mittelalter gewagt, oft mit dem Ziel einer Verjüngungskur für siechende Herrscher. Was damals oft tödlich endete, gehört heute zum Standardrepertoire der Medizin. Ohne Blutkonserven wäre die moderne Medizin nicht denkbar.

Die heroischen Experimente endeten meist tödlich, so wie 1492 bei Papst Innozenz VIII. Der schwächelnde Kirchenfürst bekam das Blut von drei zehnjährigen Knaben verabreicht und überlebte die Tortur ebenso wenig wie seine jungen Opfer. Dem britischen Arzt James Blundell gelang 1825 die erste erfolgreiche Bluttransfusion direkt von Mensch zu Mensch. Mit dem Bekanntwerden des Aids-Virus in den frühen 1980er Jahren war mit der direkten Blutspende, die bis dahin auch in Österreich noch betrieben worden war, Schluss. In diese Zeit fiel auch ein weltweiter verheerender Blutskandal. Viele Länder hatten flächendeckende Maßnahmen wie HIVTests von Blutkonserven nur schleppend eingeführt. Infiziertes Blutplasma wurde etwa in Frankreich und Kanada aus wirtschaftlichen Interessen wissentlich weiterverarbeitet. Die Katastrophe zog jedoch entscheidende neue Sicherheitsmaßstäbe nach sich.

Bahnbrechend für die Transfusionsmedizin war der österreichische Forscher und Nobelpreisträger Karl Landsteiner. 1901 stieß er auf die unterschiedlichen Merkmale von Blutgruppen, die er in ein A-B-0-System reihte. Seine Mitarbeiter Decastello und Sturli fanden ein Jahr später die vierte Kategorie in diesem Typenkatalog, die Blutgruppe AB. 1940 gelang Landsteiner mit seinen Kollegen Wiener und Levine die Entdeckung weiterer Blutfaktoren und des Rhesusfaktors, so benannt nach der Affenart, deren Bluteigenschaften erstmals mit Menschenblut verglichen wurden. Der Kontakt einer rhesusnegativen werdenden Mutter mit rhesusfremden Antikörpern etwa bei einer Bluttransfusion in der frühen Schwangerschaft kann massive Probleme für den Fetus beziehungsweise das Neugeborene heraufbeschwören.

Interessant ist die regionale Häufung eines abgeschwächten Rhesus-positiv-Faktors in Oberösterreich entlang der Traun. Dieser so genannte Weak-D-Faktor ist nur eines von vielen molekularbiologischen Blutmerkmalen, die laufend neu entdeckt werden. Kell, Kidd, Duffy, M, N und P – auch sie bezeichnen weitere Blutgruppenkategorien, denen bestimmte Antikörpertypen zuzuordnen sind. Derzeit wird menschliches Blut nach insgesamt 26 international anerkannten Systemen und 600 Merkmalen typisiert, berichtet Primarius Christian Gabriel, medizinischer Leiter der Blutzentrale Linz des Österreichischen Roten Kreuzes. Deren Kenntnis ist je nach Einsatzbereich und besonders bei Mehrfachtransfusionen und Organspenden bedeutsam.


Maximal sechs Mal

Erwachsene Männer dürfen maximal sechs Mal pro Jahr, Frauen höchstens vier bis fünf Mal spenden mit mindestens achtwöchigem Abstand. Wichtigste Maßnahme zum Herausfiltern riskanten Spenderblutes ist die eingehende Befragung der Blutspendekandidaten. Menschen, die Medikamente einnehmen, Personen mit Risikoverhalten und jene, die Blutspenden nicht vertragen, sind als Spender nicht geeignet. Eine weitere Vorsichtsmaßnahme zur Vermeidung einer Infektion durch Blutprodukte ist ein halbjähriges Blutspendeverbot nach einem Aufenthalt in den Tropen.

Während einer Blutspende werden dem Spender in einem geschlossenen Einmal-System etwa 450 Milliliter Blut abgezapft und im Labor zu verschiedensten Blutprodukten wie zum Beispiel Erythroyzten (rote Blutzellen), Thrombozyten (Blutplättchen) und Plasma (wässriger Anteil) aufgetrennt. Stabilisatoren wie Zitronensäure und Zuckerlösung verbessern die Haltbarkeit. Die Auftrennung ermöglicht eine gezielte Transfusion genau jener Blutbestandteile, die der Patient wirklich braucht, und somit eine kreislaufschonende Behandlung. Zugleich kann die kostbare Blutspende sparsam und ökonomisch verwendet werden. Vollblutkonserven werden praktisch kaum mehr verabreicht.

Was landläufig als Bluttransfusion bekannt ist, ist in den meisten Fällen eine Übertragung von Erythrozytenkonzentraten zum Ausgleich eines Mangels an roten Blutzellen. Sie sind nicht nur zur Sauerstoffversorgung wichtig, sondern transportieren auch Abfallprodukte aus dem Eiweißstoffwechsel, steuern den Säure-Basen-Haushalt im Blut und filtern Bakterien aus.

Ausdrückliche Zustimmung

Die Transfusion eines Thrombozytenkonzentrats kann nach hohem Blutverlust notwendig sein, wenn durch einen kritischen Blutplättchenabfall die Gerinnung gestört ist. Vorbeugend werden Thrombozytenkonzentrate bei verminderter körpereigener Thrombozytenbildung verabreicht, um Spontanblutungen zu verhindern.

Granulozyten werden übertragen, wenn der Körper wegen einer Knochenmarkschädigung etwa durch Chemotherapie oder Bestrahlung keine weißen Blutzellen mehr nachbilden kann. Der Patient wäre sonst höchst gefährdet, an einer banalen Bakterieninfektion zu sterben. Granulozyten stammen in den meisten Fällen von Verwandten.

Plasma als Transfusionsmaterial hat im klinischen Alltag an Stellenwert verloren, ist aber wertvoller Ausgangsstoff zur aufwändigen Gewinnung etwa von Albumin, das für viele Medikamente als Trägermolekül fungiert. Wichtige weitere Blutfaktoren wie der Gerinnungsfaktoren Fibrinogen werden ebenso aus Plasma hergestellt – teure Produkte, die sehr sorgsam eingesetzt werden.

Die früher viel propagierte Eigenblutspende durch „Ansparen“ von Blut Wochen vor dem Eingriff ist Vergangenheit. Sie hat die Patienten meist erheblich geschwächt, weshalb sie nur mehr selten angewendet wird. Im Zunehmen begriffen ist die maschinelle Autotransfusion MAT, bei der das verloren gegangene Patientenblut während der Operation aufgefangen, gereinigt und wieder zugeführt wird.

Einer Bluttransfusion muss der Betroffene ausdrücklich zustimmen. Wenn der Patient in unmittelbarer Lebensgefahr dazu nicht in der Lage ist, darf der Arzt bei dringendem Handlungsbedarf von einer mutmaßlichen Einwilligung des Patienten ausgehen. Die Ablehnung einer lebensrettenden Bluttransfusion aus religiösen Gründen ist für Christian Gabriel nicht nachvollziehbar. Viele rituelle Verbote seien mit dem technischen und biomedizinischen Fortschritt nicht mehr zu rechtfertigen. Die Erhaltung des Lebens,
die ja Aufgabe des Arztes ist, sollte auch in jeder Glaubensrichtung Vorrang haben. Nicht zuletzt wertet unser Rechtssystem das Leben als höchstes Gut.

Die Transfusionsdienste sind in Europa recht unterschiedlich aufgebaut. Italien hat 300 Blutbanken, fast jedes Krankenhaus ist Selbstversorger. Im Ernstfall wäre dieses System jedoch schnell lahmgelegt. Frankreich und Großbritannien haben die staatlichen Transfusionsdienste in riesigen Zentraleinheiten organisiert – und gelten als Mangelgebiete in der Spenderblutversorgung. Das gut funktionierende österreichische System, das eng mit dem Roten Kreuz verbunden ist, ist in Europa einmalig. Es beruht auf freiwilligem, unentgeltlichem Blutspenden und ist eine Hinterlassenschaft der amerikanischen Militärs, die das ÖRK nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem heimischen Blutspendewesen betrauten. Strenge regelmäßige behördliche Kontrollen und Bewilligungsverfahren sowie ein eigenes Qualitätsmanagement sorgen für die Qualitätssicherung in den Blutzentralen des Roten Kreuzes.

Jedes Land, jede Region muss sich selbst zu 100 Prozent mit Blutkonserven versorgen können. Diese Forderung des Roten Kreuzes hält Primarius Gabriel für extrem wichtig, steht sie doch in krassem Widerspruch zu den saloppen Bestrebungen der dafür verantwortlichen EU-Politiker nach einem internationalen Tauschhandel mit Blutkonserven. Dieser könnte die Ausbreitung von in Europa bislang kaum bekannten Krankheiten begünstigen. Außerdem könnten ärmere Regionen dann zu Blutlieferanten für finanzkräftige Abnehmerländer werden. Einem Importversuch von bezahltem Spenderblut aus Ostdeutschland vor drei Jahren ist Österreich mit einem entsprechenden Einfuhrverbotsgesetz gerade noch zuvorgekommen. So genannte Plasmabroker, die völlig unreguliert schwunghaften Handel mit Plasma und Plasmaprodukten zwischen allerlei Ländern betreiben, haben sich den Ruf einer Blutmafia eingehandelt.

Sicher wie nie zuvor

Bluttransfusionen sind so sicher wie nie zuvor. Dennoch bergen sie immer noch ein gewisses Gefahrenpotenzial. Österreichweit kommt es statistisch ein Mal pro Jahr zu einem transfusionsbedingten Todesfall. In den USA und Großbritannien zählt zu den häufigsten tödlichen Komplikationen die AB-0-Verwechslungdirekt am Patienten, wenn also zum Beispiel der Universalspender der Blutgruppe 0 irrtümlich Spenderblut von A, B oder AB transfundiert erhält und eine Abstoßungsreaktion erleidet. Eine nicht mehr beherrschbare Schockwelle im Empfängerorganismus löst dann auch eine Zerstörung der eigenen roten Blutzellen aus.

Eine mögliche immunologische Antwort wenige Stunden nach der Infusion ist die lebensbedrohliche TRALI-Reaktion, eine durch die Transfusion ausgelöste Lungeninsuffizienz. Ein Lungenödem als allergisches Symptom macht eine künstliche Beatmung des Patienten notwendig. Mit der Einführung der Leukozytenfiltration, die die weißen Blutzellen weitgehend aus der Blutkonserve herausfischen kann, sind derartige allergische Ereignisse wie auch allergische Fieberreaktionen allerdings äußerst selten geworden.

Verzögerte Reaktionen können beispielsweise eintreten, wenn bestehende Antikörper gegen weitere Blutgruppensysteme wie Kell, Duffy bei der Kreuzprobe übersehen worden sind. Der nachfolgende Abbau der roten Blutzellen führt nach etwa zwei Wochen zu Gelbsucht, die Remobilisation des Patienten ist verlangsamt, aber bei rechtzeitigem Erkennen dieses Transfusionsschadens kann wirksam und rasch eingeschritten werden.

Geringes Restrisiko

Der Bedside-Test, mit dem quasi an der Bettkante des Patienten noch einmal die Blutgruppenverträglichkeit von Empfängerblut und Blutkonserve überprüft wird, ist der letzte und wichtigste Sicherheitsschritt, um Transfusionsschäden zu verhindern. Ein sorgfältig durchgeführter und penibel dokumentierter Bedside-Test ist auch für den Arzt unverzichtbarer Nachweis verantwortungsvollen Handelns. Das Risiko einer bakteriellen Infektion durch Spenderblut wird international mit 1:20.000 beziffert, in Österreich ist es laut Primarius Dr. Gabriel weit niedriger anzusetzen. Eine Blutkultur des Thrombozytenkonzentrats kann eine bakterielle Verseuchung schnell aufzeigen. Zum Entlarven von Viren wird in Österreich mit der Nukleinsäureamplifikationstechnik eine extrem sensible Methode eingesetzt, die das Erbgut bekannter Viren auch in geringsten Spuren nachweist. So können beispielsweise HIV-Erreger schon bei einer Konzentration von 15 Viren pro Milliliter entdeckt werden, fast so, als würde man einem Tropfen Säure im Traunsee nachspüren. Für HIV und Hepatitis C liegt das Restrisiko einer transfusionsbedingten Infektion derzeit bei 1:7 Millionen. Häufigste Übertragungswege für Hepatitis C bei den unter 35-jährigen sind mittlerweile Tattoos und Piercings. Selbst HIV-Infektionen können in unsauber arbeitenden Tatoo-Studios nicht ganz ausgeschlossen werden. Der Erreger der Hepatitis B, die in der Bevölkerung in Ausbreitung begriffen ist, kann mit immer verlässlicheren Antikörpertests im Spenderblut gut entdeckt werden. 1:250.000 beträgt derzeit das minimale statistische Risiko, sich mit der Transfusion eine Hepatitis B einzuhandeln.

Spenderblut ist nach wie vor unersetzlich. Alle Versuche mit Blutersatzstoffen sind bisher fehlgeschlagen beziehungsweise haben zu einer höheren Sterblichkeit bei den Empfängern geführt. Im Reaktor gezüchtete Stammzellen, die Blut erzeugen – noch sind sie Utopie. Ziel ist aber, dass Transfusionen überhaupt weniger oft benötigt werden. Das kann vor allem gelingen durch die Entwicklung noch schnellerer und noch „blutärmerer“ Operationstechniken. Die Zukunft der Bluttransfusion gehört deshalb aus heutiger Sicht der schonenden Chirurgie.

Spender und Empfänger

Blutgruppe 0 kann jedem Empfänger übertragen werden, nur wer Blutgruppe AB besitzt, kann jede Blutgruppe empfangen. Selbstverständlich ist immer auch der Rhesusfaktor – positiv oder negativ – zu beachten.

Verträglich:
Von 0 zu 0, A, B, AB
Von A zu A, AB
Von B zu B, AB

Nicht verträglich:
Von A zu 0, B
Von B zu 0, A
Von AB zu 0

Anders verläuft das Schema beim Blutplasma, weil diese die festen Blutzellen entzogen sind. So kann etwa Plasma der Blutgruppe AB jedem Menschen transfundiert werden. Blutübertragungen über unterschiedliche Blutgruppen hinweg werden bei ausreichend vorhandenen Spenderblutprodukten nur im äußersten Notfall durchgeführt. Nur wenn keine Zeit zur Blutgruppenbestimmung bleibt, werden zunächst Konserven der Blutgruppe 0 negativ gegeben, bis die tatsächliche Blutgruppe des Patienten festgestellt ist.


Klaus Stecher

März 2010

Foto: Bilderbox, privat

Kommentar

Kommentarbild von Prim. Dr. Christian Gabriel zum Printartikel „Menschen, die großzügig Blut spenden, verdienen Anerkennung und Auszeichnung. Blut spenden gegen Bezahlung oder gar als Nebenverdienst ist genau so verwerflich wie der in manchen Ländern übliche Organhandel.“
Prim. Dr. Christian Gabriel

Medizinischer Leiter der Blutzentrale des Roten Kreuzes in Linz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020