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Körperliche Aktivität in der Krebstherapie

Körperliche Aktivität in der KrebstherapieBestrahlung oder Chemotherapie bedeuten eine enorme Belastung für Körper und Psyche. Häufig führt das zu einer verminderten Leistungsfähigkeit, was heute mit dem Fachbegriff „Fatigue“ bezeichnet wird.

Kein Wunder, dass der ärztliche Rat - zumindest in vergangenen Jahren – stets gelautet hat: „Schonung ist oberstes Gebot.“ Die Annahme, dass körperliche Aktivität dem Patienten sogar Schaden zufügen würde, ist heute weitgehend überholt. Neuere wissenschaftliche Ergebnisse zeigen, dass auch Krebspatienten Bewegung benötigen. Körperliche Aktivität hilft, die Erschöpfung besser in den Griff zu bekommen und leistungsfähiger zu werden. Zudem kann sie das Selbstvertrauen und das psychische Befinden steigern. Dies erhöht die Motivation zum Kampf gegen die Erkrankung.

Bewegung beeinflusst Verlauf und Heilung

Auch für Menschen mit einer Krebserkrankung ist nach erfolgter medizinischer Behandlung körperliche Aktivität von großer Bedeutung. In dieser Phase gilt es den durch die Krankheit geschwächten Organismus wieder zu stärken. Neben Ernährung und Psychotherapie spielt hier Bewegung eine zentrale Rolle, um die Leistungsfähigkeit wieder zu verbessern.

Nebenwirkungen milder

Nebenwirkungen von Krebsbehandlungen (Übelkeit, Schlafstörungen und Schmerzen) werden durch Bewegung gemildert. „Der Körper ist durch die Behandlung stark belastet, die Leistung eingeschränkt. Es gibt zunehmend Studien, die zeigen, dass regelmäßige Aktivität hilft, die Leistung wieder zu erhöhen. Zudem werden manche Nervenstörungen seltener und milder“, sagt Univ.-Prof. Dr. Christoph Wiltschke von der Klinischen Abteilung für Onkologie am Allgemeinen Krankenhaus Wien. Bewegung steigere die Lebensqualität. „Dem Patient geht es einfach besser, er hat wieder mehr vom Leben“, so der Onkologe.

Bewegung kann das Wiederauftreten von Krebs verhindern

Bewegung beugt nicht nur vor, sie kann auch das Risiko eines Wiederauftretens einer Tumorerkrankung reduzieren. „Es gibt zunehmend Hinweise, dass es bei Patienten, die schon eine Tumorbehandlung hinter sich haben und ihr Leben im Sinne von mehr Bewegung geändert haben, seltener zu einem neuerlichen Auftreten der Tumorerkrankung kommt, als bei denjenigen, die ihren Lebensstil nicht geändert haben.“

Schonung als generelle Empfehlung sei meist der falsche Weg. Bewegung stabilisiere den Patienten langfristig und helfe bei der Wiedereingliederung in den Lebensalltag. Studien würden dies zunehmend belegen. „Besonders gut ist das bei Brustkrebspatientinnen dokumentiert“, sagt Wiltschke.

„Nach einer belastenden Therapie sollte die körperliche Wiederbetätigung am besten in Form einer Rehabilitation erfolgen. Hierbei sollte das Trainingsprogramm individuell bestimmt werden“, so der Onkologe. Während für jüngere Menschen auch Ausdauersport in Frage kommt, ist bei Senioren eher Bewegung im Sinne von Walking oder flott spazieren gehen angebracht. Regelmäßigkeit ist wichtig. Die Aktivität sollte auch nach der Rehabilitation zumindest dreimal pro Woche erfolgen und nicht kürzer als 30 Minuten durchgeführt werden. Ideal ist ein Puls zwischen 30 und 40 Herzschlägen pro Minute über dem Ruhepuls.

Welche Sportarten ein Patient ausübt, hängt von der körperlichen Verfassung und den persönlichen Vorlieben ab. Joggen, Radfahren und Gymnastik sind gut geeignet, da sie Ausdauer und auch Kraft trainieren. Aber auch Ballsport ist möglich. Für Patienten mit eingeschränkter Mobilität kann sich Krafttraining mit geringer Intensität anbieten, um die Muskelkoordination zu verbessern.

„Sogar in Situationen, die bis vor kurzem noch als absolute Kontraindikation für Trainingstherapie galten, wie Hirn- oder Knochentumore, kann unter medizinisch kontrollierten Bedingungen trainiert werden. In manchen Fällen sollte kein Sport ausgeübt werden. Etwa bei einem Mangel an Blutplättchen oder Neigung zu Krampfanfällen. Oder wenn Beschwerden neu auftreten, deren Verlauf schwer kalkulierbar ist“, so Wiltschke

Wichtig ist, dass das Programm medizinisch kontrolliert ist. „Nach einer schweren Krankheit kann man seine Leistungsfähigkeit oft nicht richtig einschätzen. Der Patient hat durch die medizinische Kontrolle einen höheren Nutzen und weniger Risiko, als wenn er auf eigene Faust mit einem Bewegungsprogramm beginnt“, betont der Onkologe. Training solle unter Anleitung, idealerweise im Rahmen einer Reha erlernt werden.

Die Realität in Österreich ist zurzeit eine andere. „Die wenigsten Krebspatienten bekommen nach einer Behandlung Empfehlungen, was sie sportlich tun sollten. Viele Ärzte glauben immer noch, dass sich diese Menschen nichts zumuten sollen. Das ist falsch. Richtig ist, dass ein kontrolliertes Bewegungsprogramm auch nach einer schweren Erkrankung und einer belastenden Therapie die Gesundheit stärkt. Das ist zunehmend klar“, so Wiltschke.

Reha und rechtliche Situation

Rehabilitation nach Operationen oder bei neurologischen Erkrankungen ist in Österreich anerkannt und wird in vielen Einrichtungen durchgeführt. Im Gegensatz dazu steckt das Konzept einer Reha für Krebspatienten in Österreich noch in den Kinderschuhen. Krebspatienten haben – im Gegensatz zu Deutschland – in Österreich derzeit keinen Anspruch auf eine Rehabilitationsmaßnahme. „Es gibt zwar einzelne Einheiten, aber kein flächendeckendes Angebot. Zudem ist die onkologische Reha in Österreich keine eigene von der Pensionsversicherung anerkannte und damit finanzierte Therapieform“, stellt Wiltschke fest, der für eine baldige Änderung des Status quo plädiert. „Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass jeder Patient nach einer Krebsbehandlung die Möglichkeit einer Reha erhält.“

Körperliche Aktivität beugt Krebs vor

Bewegung hilft nicht nur bei der Rehabilitation, sondern kann auch dazu beitragen, dass der Mensch erst gar nicht an Krebs erkrankt. „Es ist heute unumstritten, dass eine Änderung des Lebensstils das Risiko von vielen Tumorerkrankungen senkt“, sagt Wiltschke. „Dass regelmäßige körperliche Aktivität ein Schutzfaktor vor Tumorerkrankungen ist und die Sterblichkeit verringert, ist schon lange bekannt und kann nicht mehr angezweifelt werden“, so Wiltschke. Die hierzulande häufigsten Krebserkrankungen (Brust- und Darmkrebs) treten bei körperlich aktiven und nicht übergewichtigen Personen seltener auf als bei inaktiven und adipösen Menschen.

Bewegung ist ein wesentlicher Teil eines gesunden Lebensstils. Bewegung als Gesundheitsfaktor hat einen ganzheitlichen Aspekt. Sie verbessert den Allgemeinzustand des Menschen, stärkt die Leistungsfähigkeit und das Immunsystem. Bewegung bietet also einen gewissen Schutz vor Erkrankungen.

Dr. Thomas Hartl
April 2010


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020