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Heilsame Partnerschaft: Zusammenarbeit Arzt und Patient

Heilsame Partnerschaft Zusammenarbeit Arzt und PatientGute Zusammenarbeit von Arzt und Patient fördert die Genesung. Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Kranke wollen heute von „Halbgöttern in Weiß“ keine Befehle mehr empfangen, sondern als „mündige Patienten“ gemeinsam mit den Medizinern Entscheidungen treffen. Funktioniert diese Zusammenarbeit gut, dann gelingt die Heilung schneller und besser.

Der Gang zum Arzt war vor 50 Jahren meist eine einfache Sache: Der „Onkel Doktor“ hörte sich die Beschwerden an, machte seine Untersuchung und teilte dann Diagnose sowie Therapie mit. Fragen? Gar Widerspruch? Nicht nötig, das gewichtige Wort der ärztlichen Autoritätsperson hatte man zu akzeptieren, was die meisten Patienten auch gerne taten. Und die Kasse zahlte anstandslos.

Dieser Paternalismus, diese „väterliche Fürsorge“, die sich auch in vielen anderen Gesellschaftsbereichen widerspiegelte, prägte jahrzehntelang den Medizinbetrieb. Mit der 68er-Revolution jedoch, als vor allem junge Menschen begannen, sich gegen Autoritäten aufzulehnen, wurde auch im Medizinbereich ein Systemwechsel eingeleitet.

„Patienten fingen an, sich zu informieren und ihre Ärzte zu hinterfragen“, sagt Dr. Gerald Bachinger, Patienten- und Pflegeanwalt für das Land Niederösterreich und Sprecher der österreichischen Patientenanwälte. Die Stellung des Arztes sei daher heute eine ganz andere: „Er wird vor allem von jüngeren Leuten oft nicht mehr vorrangig als Kapazität angesehen, der man uneingeschränkt vertraut, sondern als Dienstleister. Autorität erwirbt er nicht alleine durch seine Stellung, sondern durch seine Experten-Kenntnisse.“ Es gilt bei vielen Patienten das Motto: Ich habe diese Beschwerden, welches Angebot kann mir der Arzt machen? 2001 wurde gleichzeitig in acht europäischen Ländern eine umfangreiche Studie durchgeführt, in der 8.000 Patienten über ihre Wünsche Auskünfte gaben. Das Ergebnis: 74 Prozent der Befragten wollen bei der Entscheidung für eine Therapie mitreden. 64 Prozent gaben an, sich von ihrem Arzt nicht genug informiert zu fühlen.

Dabei ist längst erwiesen, dass Information und Empathie des Arztes (die Fähigkeit also, sich in den Patienten hineinzufühlen), enorm wichtig sind. „Je besser der Arzt auf den Patienten eingeht, desto besser wird auch der körperliche Heilungsprozess gefördert. Das zeigen viele Studien“, sagt Dr. Melanie Neumann, Soziologin an der deutschen Privat-Universität Witten/Herdecke, die sich seit vielen Jahren mit der Kommunikation zwischen Arzt und Patienten befasst. Ihre Erkenntnisse: Wenn sich der Patient verstanden fühlt, spricht er mehr über seine Symptome und Sorgen. Das wiederum erleichtert es dem Arzt, Informationen zu sammeln, was wiederum die Genauigkeit der Diagnose erhöht. Eine Untersuchung an Patientinnen, die an Brustkrebs erkrankt waren, zeigte: Je fürsorglicher der Arzt gegenüber den Frauen auftrat, desto besser konnten sie mit der Krankheit umgehen. Posttraumatische Belastungsstörungen und Depressionen verringerten sich.

Wo aber liegen Grenzen zwischen umfassender Information und Überforderung? „Information für den mündigen Patienten kann sicher nicht heißen, dass man ihm die Wirkungsweise von drei verschiedenen Medikamenten erklärt, ihm dann alle drei auf den Tisch legt und sagt, er solle sich eines aussuchen“, betont Dr. Artur Wechselberger, praktischer Arzt und Vizepräsident der Tiroler Ärztekammer. Denn bei allem Verständnis für den Wunsch von Patienten nach Mitbestimmung sollte laut Wechselberger eines nicht vergessen werden: „Medizin ist ein sehr komplexes Thema. Auch ein gut informierter Laie kann niemals über all jenes Wissen verfügen, das ein Arzt in jahrelangem Studium erwirbt.“ Wechselberger, wie auch Patientenanwalt Bachinger, plädiert für den „goldenen Mittelweg“: Arzt und Patient treffen Entscheidungen gemeinsam; der Patient macht deutlich, welches seine Werte und Wunschvorstellungen sind; der Arzt hilft mit seinem Wissen, vermittelt also so viele Informationen, dass der Patient sein Recht auf Selbstbestimmungvernünftig ausüben kann.

Dr. Google

Apropos Wissen: Als vorinformiert galten früher Patienten, die zu Hause ein Medizin- Lexikon hatten und sich mit diesem für den Arztbesuch wappneten. Mittlerweile jedoch ist „Dr. Google“ am Werk. Immer mehr Menschen suchen im Internet nach medizinischen Informationen und konfrontieren ihren Arzt damit. Derlei Recherche birgt jedoch mehr Problempotential als Horizonterweiterung, fand Dr. Ulrike Felt, Vorstand des Instituts für Wissenschaftsforschung an der Universität Wien, heraus. „Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass fast alle Teilnehmer via Google suchen und Qualitätsmerkmalen einer medizinischen Seite keinerlei Beachtung schenken.“ Sie ließen sich von der graphischen Aufarbeitung einer Seite eher beeinflussen als von deren Inhalt. Außerdem wollten die meisten gar keine neuen Informationen bekommen, sondern ihre bereits vorhandenen bestätigt wissen. Dies vor dem Mediziner zuzugeben, ist vielen jedoch peinlich. Felt: „Die meisten sagen dann zum behandelten Arzt: Aber bei meiner Tante, die das auch gehabt hat, war das ganz anders.“

Die Wiener Wissenschafterin sieht im Internet Chance und Risiko für Patienten zugleich. Einerseits erweitere das Internet natürlich den Horizont, in Minutenschnelle könne man sich heute Informationen aneignen, die man früher nur im Lexikon fand. Andererseits sieht Felt die Gefahr, dass Patienten in dieser Fülle von Informationen den Überblick verlieren und all die Fakten und Behauptungen gar nicht mehr einordnen können. „Ärzte dürfen ihre Patienten diesbezüglich nicht alleinestehen lassen, sondern sollten sich in den kommenden Jahren mehr Zeit für ein persönliches Gespräch nehmen“, meint sie.

Der Tiroler Wechselberger berichtet hingegen auch von einem Typus Patient, der genau auf das Gegenteil aus ist: dass der Arzt ihm lediglich kurze und prägnante Anweisungen gibt. Wechselberger: „Das sind meist ältere Leute. Die sagen beispielsweise zu mir: Herr Doktor, Sie müssen streng mit mir sein. Sonst nehm’ ich ja doch nicht ab.“ Und dann gibt es noch eine Spezies, die genau das Gegenteil im Sinn hat: vor lauter (vermeintlicher) Mündigkeit eigentlich gar keinen ärztlichen Rat anzunehmen. Auch das müssten Ärzte akzeptieren, sagt Wechselberger. Denn: „Das Recht, unvernünftige Entscheidungen zu treffen, ist auch ein Aspekt der Mündigkeit.“


Die Rechte der Patienten

„Im Krankenhaus haben Patienten ein Anrecht darauf, nach den gängigen Methoden behandelt zu werden. Vor einer Operation muss ihre Zustimmung eingeholt werden.“ Diese beiden, auch heute noch gültigen Regelungen aus dem Jahr 1920 bilden so etwas wie den Grundstock der österreichischen Patientenrechte. Festgelegt wurden sie damals im Krankenanstaltengesetz. 90 Jahre später können sich kranke Menschen auf einige Bestimmungen mehr berufen, der Begriff „Patientenrecht“ wurde 1993 im Krankenanstaltengesetz eingeführt. So hat jeder Mensch ab dem 18. Lebensjahr das Recht, über seinen Körper selbst zu bestimmen, und somit auch das Recht, eine Behandlung abzulehnen. Möchte er das Krankenhaus verlassen, so kann er dies jederzeit tun (Ausnahme: Patienten der Psychiatrie oder wenn ansteckende Krankheiten bekämpft werden müssen). Zuvor muss der Betreffende jedoch über medizinische Risiken informiert werden und diese mit seiner Unterschrift („Revers“) anerkennen. Beim Arzt haben alle Patienten das Recht, wahrheitsgemäß über ihre Krankheiten informiert zu werden – und zwar in einer Sprache, die sie verstehen. Diese Unterrichtung muss mündlich erfolgen, es reicht nicht, wenn der Arzt einen schriftlichen Bericht überreicht. Besonders wichtig: Vor operativen Eingriffen oder vor Therapien muss der Arzt den Patienten über Risiken informieren. Der Patient hat auch das Recht, in seine Krankenakte Einsicht zu nehmen. Er darf diese zwar nicht an sich nehmen, aber Kopien anfertigen. Apropos Information: Der Arzt ist zu absolutem Stillschweigen verpflichtet, er darf Gesundheitsdaten nicht an Dritte weitergeben (außer zur Abrechnung an die Krankenkasse). Niemand darf ohne seine ausdrückliche Zustimmung zu klinischen Prüfungen und zu Forschungs- und Unterrichtszwecken herangezogen werden. Sowohl in einer Arztpraxis als auch im Spital haben Patienten ein Recht auf Privat- und Intimsphäre.

Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Diesen Satz kennt wohl jeder, wenn von Medikamenten die Rede ist. Tatsächlich sind Mediziner und Apotheker für Patienten die erste Anlaufstelle, wenn diese ein Problem mit Medikamenten haben. Anders als in Großbritannien oder den Niederlanden ist es Laien nicht möglich, sich direkt an eine Behörde zu wenden. Meldepflichtig sind in Österreich nur Angehörige der Gesundheitsberufe. Diese wenden sich an das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen, AGES PharmMed. Dort ist man auch für die Zulassung von Medikamenten zuständig. Derzeit sind in Österreich fast 18.000 Medikamente zugelassen. Seit 2006 gibt es Verbesserungen bei den Beipackzetteln. Pharmafirmen, die ein neues Medikament auf den Markt bringen, sind verpflichtet, die Gebrauchsanweisung zunächst einem Lesbarkeitstest zu unterziehen. Testpersonen, die nicht aus dem medizinischen Bereich kommen, müssen bestätigen, dass die Schrift leserlich ist und sie auch die Warnungen vor Nebenwirkungen verstehen. „Dennoch sind die Rezepte vielen Menschen nach wie vor unverständlich, für viele Fachbegriffe braucht man ja ein Medizin-Lexikon“, kritisiert Bernhard Matuschak vom Verein für Konsumenteninformation in Wien. Sein Rat: Wenn man etwas nicht versteht, so lange beim Arzt oder Apotheker nachfragen, bis man verständliche Erklärungen bekommt.

Wenn ein Fehler passiert

Über Fehler im Gesundheitswesen spricht niemand gerne. Doch sie passieren, trotz größter Vorsicht. In Österreich will man mit solchen Fehlern nun offener umgehen. Im November 2009 richtete die Österreichische Ärztekammer nach deutschem und schweizerischem Vorbild das Meldesystem CIRS (Critical Incident Reporting System) ein. Während einer einjährigen Testphase können Angehörige von Gesundheitsberufen dort anonym und öffentlich Fehler melden und dokumentieren. „Es geht nicht darum, Sündenböcke zu produzieren“, erklärte Gesundheitsminister Alois Stöger bei der Einführung. Vielmehr soll die Sicherheit von Patienten verbessert werden. Deshalb haben auf der Website (www.cirsmedical.at) auch Experten die Möglichkeit, Lösungsvorschläge abzugeben. Patienten selbst können die Fälle nachlesen, derzeit aber (noch) nicht selbst von kritischen Vorfällen berichten. Hilfe finden Patienten bei der Patientenanwaltschaft. Diese ist in jedem Bundesland eingerichtet. Bei Beschwerden kann man sich auch an die Ombudsstelle der Krankenversicherungen wenden. Weitere Anlaufstellen sind die Servicestellen der Arbeiterkammern oder die Sozialrechtsabteilungen der Landesgerichte.

Am Ende des Lebens

Schmerzfrei und in Würde zu sterben, ist der Wunsch vieler Menschen. Auch wenn Art und Zeitpunkt des Todes in den allermeisten Fällen nicht vorausgesehen werden können, so ist es doch möglich, für das Ende des Lebens in gewissen Grenzen Vorsorge zu treffen. Gleich vorneweg: In Österreich sind sowohl die Tötung auf Verlangen als auch die Beihilfe zum Suizid verboten. Kein Arzt darf jemanden vorsätzlich töten, auch wenn derjenige dies unbedingt erbittet und/oder große Schmerzen hat. Es ist Medizinern auch verboten, Patienten eine tödliche Dosis eines Medikaments zur Verfügung zu stellen. Seit 2006 gibt es die Möglichkeit einer Patientenverfügung. Damit können Patienten bis zu fünf Jahre im Voraus festlegen, welche Behandlungsmethoden sie ablehnen – für den Fall, dass sie im entscheidenden Moment nicht mehr in der Lage sind, dies klar zu formulieren. Es gibt zwei verschiedene Arten von Patientenverfügungen: die „beachtliche“ und die „verbindliche“. Die beachtliche Patientenverfügung muss schriftlich erstellt werden, dies kann aber jederzeit von einem gesunden oder bereits erkrankten Menschen selbst in einem formlosen Schreiben erledigt werden. Dieses Papier ist für den Arzt lediglich eine Informationshilfe. Er kann die Wünsche des Patienten interpretieren und hat eigenen Entscheidungsspielraum bei der Behandlung. Deutlich höher sind die Hürden bei der verbindlichen Patientenverfügung. Diese Art der Willenserklärung lässt dem Arzt keinen Spielraum, er muss sich genau an die Vorgaben halten. Bei der verbindlichen Patientenverfügung wird, ebenfalls schriftlich, exakt festgelegt, welche Behandlungsmethoden zu unterlassen sind. Dazu zählt etwa das Setzen einer Sonde zur Ernährung. Nicht ablehnen kann man hingegen die „normale“ Versorgung mit Nahrung und Flüssigkeit. Bevor jemand die Patientenverfügung unterschreibt, muss der Betreffende umfassend von einem Arzt über medizinische Konsequenzen aufgeklärt werden. Das Schriftstück selbst kann man nicht alleine verfassen, es muss bei einem Notar, einem Anwalt oder der Patientenanwaltschaft angefertigt werden. Nicht beachtet werden Patientenverfügungen bei der akuten Notfallversorgung. Hier zählen zunächst lebensrettende medizinische Maßnahmen.

Birgit Baumann

November 2010

Foto: shutterstock, privat


Kommentar

Kommentarbild von Dr. Gerald Bachinger zum Printartikel „Arzt und Patient sollten in ihrer Zusammenarbeit einen guten Mittelweg finden. Patienten sind heute keine reinen Befehlsempfänger mehr, sondern wollen bei der Auswahl der Therapie mitsprechen. Umgekehrt müssen aber auch mündige Patienten ein gewisses Grundvertrauen mitbringen.“
Dr. Gerald Bachinger
Patienten- und Pflegeanwalt für das Land Niederösterreich, Sprecher der österreichischen Patientenanwälte

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020