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Gender-Medizin: Kleiner Unterschied, große Wirkung

Kleiner UnterschiedGender-Aspekt wird in der Medizin immer stärker berücksichtigt. Männer und Frauen unterscheiden sich nicht nur durch ihre Geschlechtsmerk-male. Ihre Körper ticken insgesamt in vielen Bereichen ganz anders. Darauf nimmt die Medizin immer mehr Rücksicht und entwickelt neue, geschlechtsspezifische Behandlungsmethoden. Das ist gut für die Frauen, denn bisher waren sie die Benachteiligten.


Susanne B. hatte Glück. Übel war ihr und Schmerzen hatte sie in der Bauchgegend. Also suchte die 54-Jährige ihre Hausärztin auf und schilderte die Symptome. Diese zog sofort einen Herzinfarkt in Betracht, obwohl ihre Patientin nicht den vielbeschriebenen dumpfen Brustschmerz erwähnte. Die Ärztin fragte sicherheitshalber auch noch nach Kreislaufbeschwerden und Atemnot. Als Susanne B. davon ebenfalls berichtete, entschied sich die Medizinerin, ein EKG zu machen. „Akuter Hinterwandinfarkt“, lautete die Diagnose. Minuten später lag die Patientin schon im Notarztwagen und war auf dem Weg ins Krankenhaus, wo ihr ein Herzkatheter gesetzt wurde. Die Umsicht und das Wissen ihrer Hausärztin haben Susanne B. das Leben gerettet – ein Wissen um Geschlechterunterschiede, das in der Medizin immer wichtiger wird.

Männer und Frauen unterscheiden sich rein körperlich nur durch ihre Geschlechtsmerkmale – diese Ansicht herrschte jahrhundertelang in der Medizin vor. Doch diese Auffassung hat sich geändert. Langsam, aber sicher erkennt die Wissenschaft, dass man einen Menschen ganzheitlich wahrnehmen muss, dass man also auch seine speziell männlichen oder weiblichen Bedürfnisse berücksichtigen muss, um Leben zu retten und Heilungsprozesse zu optimieren. „Gender-Medizin“ nennt sich dieses Fachgebiet. Übersetzen kann man den Betriff „gender“ nicht, er bezieht sich im Englischen aber auf das soziale Geschlecht von Männern und Frauen – im Gegensatz zu „sex“, das auf die nach außen sichtbaren Geschlechtsunterschiede hinweist.

Der Mann als Prototyp

„Wir können nicht mehr leugnen, dass es zwischen den Geschlechtern Unterschiede gibt, das war vor 15 Jahren noch anders“, sagt Petra Kolip, Diplom-Psychologin und Professorin für Sozialepidemiologie mit Schwerpunkt Geschlecht und Gesundheit an der Universität Bremen. „In den vergangenen 20 Jahren hat sich einiges getan“, bestätigt auch Univ.-Prof. Dr. Jeanette Strametz-Juranek, Kardiologin an der Universitätsklinik für Innere Medizin am AKH Wien. Lange Zeit galt der Mann als menschlicher Prototyp und somit als das Maß aller Dinge. Frauen wurden so behandelt wie Männer. Das begann schon bei klinischen Studien, sie waren schlicht und einfach auf Männer ausgerichtet. Frauen galten als wenig zuverlässig – zum einen wegen ihres schwankenden Hormonspiegels, der Ergebnisse möglicherweise verfälschen würde. Zum anderen, weil stets die Gefahr drohte, dass sie wegen einer Schwangerschaft überhaupt bei den Tests ausfallen könnten und man außerdem Frauen im reproduktionsfähigen Alter vor Risiken schützen wollte. Also wurden die Ergebnisse der Männer einfach auf Frauen übertragen.

Medikamente wirken anders

Stutzig wurden Forscher erst, als sie in den Neunzigerjahren HIV-Therapien testeten. Während bei 30 Prozent der Männer eine gesundheitliche Verbesserung erreicht wurde, war bei den Frauen genau das Gegenteil der Fall. „Sie waren schlicht und einfach überdosiert“, sagt Univ.-Prof. Strametz-Juranek. Denn Medikamente können in einem Frauenkörper ganz anders wirken als in dem eines Mannes. Körperfett, pH-Wert, Enzymaktivität, Stoffwechsel und Hormone beeinflussen die Wirksamkeit von Medikamenten. Aber diese Komponenten sind bei Männlein und Weiblein nicht gleich. Bei Frauen sind etwa die Enzyme aktiver, weshalb einige Medikamente in der Leber schneller abgebaut werden. Frauen sind von der Natur auch mit einem höheren Fettanteil ausgestattet. Sie können fettlösliche Substanzen dadurch besser speichern und somit ist die Gefahr einer Überdosierung bei ihnen größer als bei Männern.

Doch seit einigen Jahren wird bei klinischen Studien gegengesteuert: Sie müssen einen Frauenanteil von 40 Prozent aufweisen, wenn die Medikamente für Frauen und Männer zugelassen werden sollen.

Andere Symptome

Besonders gravierend sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau bei Herz- und Kreislauferkrankungen – österreichweit die Todesursache Nummer eins bei Frauen. Grund dafür ist allerdings nicht alleine, dass Frauen anfälliger wären. „Die höhere Sterblichkeit liegt auch daran, dass Frauen oft zu spät ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil ihre Symptome nicht so ernst genommen werden. Durchschnittlich bekommen sie im Notfall 45 Minuten später die richtige Hilfe als Männer“, sagt Prof. Kolip, die noch weiteres Erstaunliches beobachtet hat: „Spitzen-Medizintechnik wird bei Männern schneller angewandt als bei Frauen. Es fällt auch auf, dass Männern häufiger neue, innovative und auch teurere Medikamente verschrieben werden.“ Dieses Phänomen ist auch im österreichischen Frauengesundheitsbericht nachzulesen. „Zusammenfassend muss gesagt werden, dass die Herzdiagnostik und -therapie bis vor kurzem von Männern für Männer entwickelt wurde und Frauen als bloße Variante betrachtet wurden“, heißt es dort.

Ein Herzinfarkt aber kündigt sich bei Frauen anders an als bei Männern. „Viel diffuser und weniger dramatisch“, wie es Univ.-Prof. Strametz-Juranek formuliert. Während Männer über Brustschmerz, der bis in den linken Arm ausstrahlt, klagen, treten bei Frauen oft Übelkeit, schwer lokalisierbare Schmerzen in Brust, Bauch oder Schulter auf. Das wiederum lässt viele Betroffene, aber auch Mediziner, zunächst an Magen-Darm-Krankheiten denken. Doch Univ.-Prof. Strametz-Juranek warnt: „Wenn dazu auch noch Müdigkeit, Schwindel oder Atemnot kommen, dann muss die Frau sofort einen Kardiologen oder ein Krankenhaus aufsuchen.“ Dort soll sie ihre Symptome so nüchtern wie möglich beschreiben. Denn – kein Witz – Frauen werden gelegentlich immer noch als die wehleidigeren Patienten angesehen, während man bei Männern annimmt, dass sie wirklich starke Schmerzen haben und gefährdet sind, wenn sie freiwillig in der Arztpraxis oder im Spital auftauchen.

Mehr Depressionen

Doch ist ein Infarkt erst einmal überstanden, wartet laut Univ.-Prof. Strametz-Juranek nicht selten die nächste Benachteiligung der Frauen: „Die Rehabilitation ist auf den männlichen Patienten aufgebaut.“ Frauen leiden länger an Schmerzen, auch erlangen sie ihre Beweglichkeit langsamer wieder als Männer. Und sie sind stärker von Depressionen betroffen. Doch auf diese Unterschiede werde zu wenig Rücksicht genommen, also glauben Frauen, sie müssten die Zähne zusammenbeißen. Kardiologin Strametz-Juranek hat oftmals eine verkehrte Welt beobachtet: „Den Frauen geht es schlechter als den Männern, aber sie übernehmen für die männlichen Patienten noch die Mutterrolle.“ Doch auch andere Bereiche des Körpers weisen geschlechtsspezifische Unterschiede auf. „Das zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Medizin“, sagt Univ.-Prof. Strametz-Juranek. Allerdings sind die Unterschiede in vielen Fällen noch Terra incognita. So weiß man zwar, dass doppelt so viele Frauen wie Männer unter einem so genannten „Reizdarm“ leiden. Warum, das ist jedoch noch nicht erforscht; man vermutet, dass Geschlechtshormone hier Einfluss haben könnten. Gleiches gilt auch für Erkrankungen der Schilddrüse, wovon Frauen vier Mal so häufig betroffen sind wie Männer. Doch es gibt auch den umgekehrten Fall: So ist Osteoporose bei Männern überhaupt noch nicht erforscht.

Dennoch ist Univ.-Prof. Strametz-Juranek zuversichtlich, dass die Gender-Medizin die Rückstände aufholen wird: „Seit 2004 gibt es an den Medizin-Unis ein fixes Curriculum für geschlechtsspezifische Medizin. Und ich sehe auch, dass sich immer mehr Diplomarbeiten mit diesem Thema befassen“, sagt sie. Bis alle Unterschiede zwischen Männern und Frauen aufgearbeitet sind, wird es aber dennoch ein Weilchen dauern.


Die ungleiche Sucht

Männer und Frauen unterscheiden sich auch in ihrem Suchtverhalten. Doch der Grund dafür liegt weniger in unterschiedlichen Körperfunktionen, sondern vielmehr in der ungleichen Sozialisation. Während das Trinken in Gesellschaft – inklusive Rausch – bei Männern als etwas nahezu Selbstverständliches gilt, werden Frauen mit „großem Durst“ immer noch schief angesehen. Es gibt deutlich mehr männliche Alkoholiker als weibliche – und es gibt Unterschiede bei den Trinkgewohnheiten: Frauen greifen lieber alleine und heimlich zur Flasche, während Männer in „lustiger Runde“ dem Alkohol zusprechen. Zudem gilt in vielen Familien immer noch die klassische Rollenverteilung: Vati darf mit seinen Kumpels an den Stammtisch, Mutti hingegen macht es sich zu Hause mit einem Gläschen vor dem Fernseher gemütlich, damit sie da ist, wenn die Kinder noch was brauchen. Wenn Frauen zu viel trinken, dann sind sie allerdings stärker gefährdet als Männer. Ihr Körper wird durch Alkohol schneller zerstört als der von Männern. Erstens, weil sie im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht mehr Fett und weniger Wasser haben. Da sich Alkohol in Fett schlechter auflöst, ist die Alkoholkonzentration bei Frauen im Schnitt höher – selbst wenn sie gleich viel trinken wie Männer und auch genauso viel wiegen.

Zweitens haben Frauen kleinere Mengen des Enzyms ADH, das Alkohol abbaut. Doch eigentlich sind Frauen, was Süchte betrifft, stärker bei Medikamenten gefährdet. Pillen gelten nämlich eher beim weiblichen Geschlecht als „salonfähig“. Ein „richtiger Mann“ braucht keine Tabletten, er hält Schmerzen aus. Frauen jedoch wird der Konsum nachgesehen, sie sind ja auch gesundheitsbewusster, angeblich schwächer und gehen viel häufiger zum Arzt. Anders als Alkohol riecht man Medikamente auch nicht. Pillenkonsum können Frauen daher mühelos jahrelang verheimlichen.


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FG 1_08_grafik_mort_männer

Ein Blick ins Innere

Frauen und Männer unterscheiden sich nicht nur äußerlich, sondern ihre Körper funktionieren verschieden. Die wichtigsten Unterschiede:

Atmung
Männer atmen durchschnittlich 16-mal pro Minute (23.000-mal täglich), Frauen bis zu 22-mal pro Minute (täglich 30.000-mal). Die Luftmenge, die sie inhalieren, ist jedoch gleich groß: rund 12.000 Liter.

Blut
Männer haben 4,5 Liter Blut, Frauen 3,6 Liter. Männerblut ist dicker: Es hat pro Tropfen eine Million Blutzellen mehr. Insgesamt haben Männer fünf Millionen rote Blutkörperchen pro Kubikzentimeter (20 Prozent mehr als Frauen) und einen höheren Blutdruck: 140/88 (Frauen 130/80).

Energieverbrauch
Männer verbrauchen bei völliger Ruhe stündlich zirka 39,5 Kalorien pro Quadratmeter Körperoberfläche, Frauen 37.

Fett
Männer haben nur halb so viel Fettgewebe wie Frauen. Bei Frauen macht Fett 27 Prozent des Körpers aus, bei Männern 15 Prozent. Männer legen ihren Fettvorrat vor allem am Oberbauch an, Frauen gleichmäßig an Po, Bauch und Hüften.

Herz
Männerherzen sind größer und schlagen langsamer: durchschnittlich 72-mal pro Minute (Frauen 80-mal).

Lunge
Männerlungen haben ein um 50 Prozent größeres Volumen als Frauenlungen.

Stimmbänder
Die von Frauen sind kürzer als die der Männer. Deshalb sind ihre Stimmen höher.

Wasser
Der männliche Körper besteht aus 60 bis 70 Prozent Wasser, der weibliche zu 50 bis 60 Prozent.


Quelle: P.M. Perspektive, Michael Kneissler, Der Mensch und sein Körper


Birgit Baumann

Mai 2008


Foto: Bilderbox, privat


Kommentar

Kommentarbild von Univ.-Prof. Dr. Jeanette Strametz-Juranek zum Printartikel „Man kann nur immer wieder betonen: Frauen, schaut auf euer Herz! Frauen sollten sich über Symptome eines Herzinfarkts gut informieren, da sie bei ihnen anders sind als bei Männern. Auch ist die medizinische Vorsorge für Frauen besonders wichtig. Wenn sie bei einem Befund unsicher sind, sollten sie nicht zögern, eine zweite Experten-Meinung einzuholen.“
Univ.-Prof. Dr. Jeanette Strametz-Juranek
Kardiologin an der Universitätsklinik für Innere Medizin am AKH Wien und Mitarbeiterin der Stabsstelle Gender-Mainstreaming

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020