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Logopädie: Sprechen will gelernt sein

LogopädieDas Wort „Logopädie“ kommt aus dem Griechischen (logos: das Wort, die Rede, aber auch: der Gedanke, sowie pädeuein: erziehen) und lässt sich nicht einfach übersetzen. Heute bezeichnet Logopädie die gesamte Breite der Sprach-, Sprech- und Stimmtherapie.

Das Sokrates zugeschriebene Zitat „Sprich, damit ich sehe wer du bist“, hat heute, im Zeitalter globaler Dienstleistungen, noch an Bedeutung gewonnen. „Die Stimme und Sprechweise eines Menschen entscheidet nicht nur über persönliche Sym- und Antipathie, sondern auch über wirtschaftlichen und politischen Erfolg – und gewinnt damit an enormer Bedeutung für das Gesundheitssystem“, sagt Prof. DDr. Ulrich Eysholdt, Leiter der Phoniatrischen und Pädaudiologischen Abteilung des Universitätsklinikums Erlangen.

Ein Beruf mit Tradition

Der Beruf der Logopädie hat in Österreich eine große Tradition. Der Begriff selbst wurde von dem österreichischen Arzt Emil Fröschls 1924 beim ersten Welt-Kongress für Stimm- und Sprachheilkunde eingeführt. Waren damals Logopäden noch Fachärzte, wurde das Berufsbild nach dem Krieg als therapeutischer Beruf umgedeutet. Seit 1961 gibt es eine einheitliche Berufsausbildung für Logopäden, die als medizinisch-technischer Assistenzberuf eingestuft werden, vergleichbar mit Krankengymnasten oder Physiotherapeuten. Logopäden arbeiten auf ärztliche Anweisung und in engem Kontakt mit Phoniatern und Pädaudiologen. Das sind HNO-Ärzte mit einer Zusatzausbildung für Stimm-, Sprech-, Sprach- und Schluckstörungen sowie Hörstörungen bei Kindern. Eine eingehende Diagnostik beim Phoniater und die Zusammenarbeit mit dem behandelnden Logopäden sind wichtig.

Breites Leistungsspektrum

Logopäden behandeln fünf große Störungsbilder: Kinder mit Störungen des Spracherwerbs, Kinder mit Hörstörungen (weil ohne Gehör ein Erwerb der Lautsprache nicht möglich ist), Erwachsene mit Verlust der Sprache (zum Beispiel nach einem Schlaganfall), Schluckstörungen  (zum Beispiel nach einem Schlaganfall, weil für Schlucken und Sprechen dasselbe Organsystem verwendet wird) und nicht zuletzt Stimmstörungen jeglicher Ursache bei Patienten in jedem Alter. Logopäden erstellen Diagnose und Behandlungsplan selbständig. Es werden medizinische, psychologische und heilpädagogische Aspekte vereint. „Die Arbeit als Logopädin ist eine wunderbare – sie ist abwechslungsreich, herausfordernd und bringt oft viele Überraschungen mit sich“, sagt Martina Zenz, Logopädin in Wiener Neustadt. „Es ist uns möglich, mit so vielen verschiedenen Menschen jeglicher Altersgruppe – also vom Säugling bis zum alten Menschen – zu trainieren. Auch die Fülle der Aufgabenbereiche ist enorm - die meisten meiner Bekannten denken bei dem Beruf ‚Logopädin’ sofort an Kinder mit Sprechproblemen, einige vielleicht auch noch an die an einem Schlaganfall erkrankte Großmutter, die auch logopädisch betreut wurde. Aber zum Beispiel die Sparten ‚Menschen mit Behinderungen’ ‚Hörgeschädigte’, ‚Schluckprobleme’ oder ‚Wachkoma’ kennt kaum jemand als logopädische Gebiete“, so Zenz.

Patienten aus sämtlichen Altersgruppen

Sprach- und Sprechstörungen können auch bei alten Menschen im Rahmen einer Demenzerkrankung oder nach einem Schlaganfall auftreten. Aphasie – ein kompletter Verlust der Sprache – kann ebenfalls nach einem Schlaganfall, bei Schädel-Hirn-Verletzungen oder auch psychogen bedingt nach einem Schock auftreten. Verschiedenste neurologische Erkrankungen wie zum Beispiel multiple Sklerose oder die Parkinson-Erkrankung kann zu einer so genannten Dysarthrie, einer Koordinationsstörung der Sprache führen. Auch bei Tumoren im Kehlkopf beziehungsweise nach deren operativen Entfernung kann mithilfe eines logopädischen Trainings das Sprechen wieder erlernt oder zumindest verbessert werden. „Es ist unbeschreiblich, wenn ein Patient, der nach einem Schlaganfall seit vielen Wochen kein sinnhaftes Wort sprechen kann, plötzlich, vor lauter Freude ein Wort oder einen Satz korrekt gesagt zu haben, in Tränen ausbricht. Oder ein Klient, der seit Monaten im Wachkoma liegt, keinen Draht zur Außenwelt findet und die Außenwelt auch nicht zu ihm, der plötzlich auf Reize reagiert und versucht, als Antwort seinen Fuß zu heben. Es ist erstaunlich, was man erreichen kann – man muss sehr viel geben, um ans Ziel mit dem Patienten zu kommen, aber man bekommt so viel wieder zurück – es lohnt sich wirklich“, so Zenz.

Vorbeugen bei hoher stimmlicher Belastung

Es müssen jedoch nicht immer schwere Erkrankungen sein, die eine logopädische Behandlung nötig werden lassen. Bei Berufen mit hoher Belastung der Stimme können Logopäden helfen. Gerade bei Lehrern gibt es eine große Anzahl an stimmlich auffälligen Befunden. Dies reicht von einer leichten Heiserkeit und Fremdkörpergefühl über Räusperzwang bis hin zu einem kompletten Stimmverlust. Angehende Pädagogen sollten vorbeugend ihre Stimme überprüfen und ausbilden lassen. Die richtige Atmung, Stimmführung und Sprechtechnik können erlernt werden, um späteren Schäden vorzubeugen. „Wichtig finde ich als Phoniaterin/Pädaudiologin die enge Zusammenarbeit mit den Logopäden, gegebenenfalls auch das gemeinsame Anschauen eines Patienten, egal ob Stimm- oder Schluckpatient“, sagt Dr. Katrin Baumbusch, leitende Ärztin der Phoniatrie/Pädaudiologie am Universitätsklinikum Würzburg.

Stimmhygiene

Auch unsere Stimme unterliegt einem natürlichen Alterungsprozess und ist in Phasen der hormonellen Umstellung – wie Pubertät oder Wechseljahre – besonders empfindlich und anfällig für Störungen. Es gibt zahlreiche Maßnahmen, unsere Stimme gesund und leistungsfähig zu erhalten. Die richtige Atmung und Körperhaltung sind ebenso wichtig wie eine kontrollierte Stimm- und Sprechtechnik. Alkohol und Nikotin trocknen die Schleimhäute aus und sollten eher gemieden werden. Hilfreich sind eine höhere Luftfeuchtigkeit und ausreichende Trinkmengen. Ein ausgeglichener Lebensrhythmus mit genügend Schlaf ist förderlich. Nach einer längeren Redezeit sollten immer wieder Pausen zur Schonung der Stimme folgen.

Kostenübernahme durch Krankenkasse

Logopäden arbeiten einerseits in Spezialambulanzen von HNO-Kliniken, sie sind jedoch auch freiberuflich tätig. Wird eine Therapie verordnet und bewilligt, werden die Kosten bei Vertragslogopäden – zum Teil oder zur Gänze – von der Sozialversicherung übernommen. Bei Wahl-Logopäden erfolgt die Abrechnung nach dem Wahlarztprinzip.


Dr. Ulli Stegbuchner

Dezember 2007


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020