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Die Pollen-Tortur

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Schon beim ersten Frühlingserwachen schwirren sie aus, die Erlen- und Haselpollen, und im Jahreslauf folgen Milliarden Pollen von Bäumen, Sträuchern und Gräsern.


Die Vorfreude auf den Frühling ist für viele Allergiker getrübt: Die Pollensaison beginnt witterungsabhängig oft schon Ende Jänner und endet erst im Oktober, wenn Beifuß und die letzten Unkräuter verblühen. Pollen sind die eiweißhaltige männliche Erbinformation vieler Pflanzen – und eine Tortur für Allergiker.

Niesattacken, Tränenfluss, gerötete, brennende Augen, Kribbeln in den Ohren, rinnende, juckende, verstopfte Nase, Halskratzen, Atemnot, Abgeschlagenheit, sogar Asthma – diese typischen Heuschnupfensymptome wurden früher oft als Frühjahrsgrippe fehlgedeutet. "Hy-fever" heißt der Heuschnupfen im Englischen, weil er oft auch mit erhöhter Temperatur verbunden ist. Die Beschwerden scheinen sich auf Augen und Atemwege zu konzentrieren, doch die Pollenallergie ist eine Erkrankung, die den Gesamtorganismus betrifft.

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Das Immunsystem irrt sich

Der aus dem Griechischen stammende Begriff "Allergie" bedeutet so viel wie "anders reagieren" – und genau das tut das Immunsystem bei Allergikern. Harmlose Substanzen, die in unserer Umgebung vorkommen und dem gesunden Menschen keinerlei Probleme bereiten, können beim Allergiker heftige Reaktionen heraufbeschwören. Unser Immunsystem ist normalerweise darauf programmiert, Viren, Keime, Pilze und andere Feinde zu erkennen und unschädlich zu machen. Gerät so ein Eindringling in den Körper, wird er vom Immunsystem an bestimmten Oberflächenmerkmalen – die wir Antigene nennen – als fremd erkannt. Durch das faszinierende Zusammenwirken verschiedener Zellen, die aus dem Knochenmark in das Gewebe ausgewandert sind, werden schließlich Antikörper produziert, die den Fremdstoff entlarven, an sich fesseln und vernichten sollen. Die Antikörper bestehen aus speziellen Eiweißstoffen, den Immunglobulinen, die je nach Eiweißstruktur als IgA, IgD, IgG, IgM oder IgE bezeichnet werden. Diese Antikörper heften sich ihrerseits unter anderem an die so genannten Mastzellen, die in Lunge, Haut und Schleimhäuten vorkommen. IgE-Antikörper sind für die überschießende Immunantwort verantwortlich, die dem Pollenallergiker zu schaffen macht. Antigene, die an IgE andocken, werden als Allergene bezeichnet. Die Eiweißstrukturen im Pollen, über die Atemwege inhaliert, werden als solche Krankmacher missverstanden. IgE provoziert die Mastzellen zur reichlichen Ausschüttung von Histaminen und anderen Entzündungsmediatoren, die die Blutgefäße erweitern, die Schleimhäute anschwellen lassen, eine erhöhte Schleimproduktion und jene vielfältigen Beschwerden auslösen, die dem Heuschnupfenpatienten nur allzu vertraut sind. Über komplizierte Regelkreise führen Histamine selbst im Knochenmark zu immunologischen Reaktionen. Hausstaubmilbenund Tierhaarallergien gelten streng genommen zwar nicht als Heuschnupfen, doch die Beschwerden der so genannten allergischen Rhinitis und Rhinokonjunktivitis (Schnupfen und Bindehautentzündung) sind ähnlich.


Voraussetzung für die übertriebene Immunantwort ist ein zumindest einmaliger vorangegangener Kontakt mit dem Allergen. Die neuerliche Begegnung bringt ein Wiedererkennen des vermeintlichen Feindes, obwohl es sich bei Blüten- und Gräserpollen, Hausstaubmilben, Tierhaaren & Co. um an sich natürliche, harmlose Stoffe handelt. Die Ursache für diesen immunologischen Irrtum vermuten Forscher in einer vererbten Neigung zur erhöhten IgE-Produktion. Kinder von allergischen Eltern erkranken häufiger selbst an Allergien. Wer zeitlebens von Heuschnupfen verschont war, ist allerdings im Alter keineswegs davor gefeit. Bei manchen Patienten wird die Pollenallergie noch verschärft durch eine so genannte Kreuzreaktion, auch als Kreuzallergie oder orales Allergiesyndrom bezeichnet. Kreuzallergien beruhen darauf, dass bestimmte Eiweißstoffe ähnlicher Struktur sowohl in Pollen als auch in Nahrungsmitteln vorkommen und vom Immunsystem nicht unterschieden werden. Viele Birkenpollenallergiker vertragen Äpfel schlecht und auch Steinfrüchte wie Pfirsiche oder Kirschen sowie Nüsse können bei ihnen unangenehme Erscheinungen auslösen. Die Beschwerden reichen von Juckreiz in der Mundschleimhaut, Bläschenbildung und Schwellung bis zu Störungen im unteren Verdauungstrakt. Bekannt sind viele Varianten von Kreuzallergien, etwa die von Beifuß und Sellerie. Rund 20 Prozent der Bevölkerung sind Allergiker, etwa die Hälfte davon sind Heuschnupfenpatienten. Nach einem rasanten Anstieg in den 60er bis 80er Jahren ist die Zuwachskurve flacher geworden. Aber insgesamt sind Pollen-, Hausstaub- und Insektengiftallergien sowie Neurodermitis vermehrt zu beobachten, so der Leiter der Dermatologischen Abteilung am KH der Elisabethinen in Linz, Univ.- Doz. Prim. Dr. Georg Klein. Übertriebene Hygiene bei Kleinkindern könnte der Grund dafür sein, dass Allergien vor allem bei Kindern zunehmen. Studien stellen dem Aufwachsen auf dem Land ein besseres Zeugnis aus als dem Stadtleben. Der frühe Kontakt mit Tieren auf dem Bauernhof dürfte das kindliche Immunsystem besser reifen lassen als das "saubere" Stadtmilieu. Die Rolle der Umweltgifte, in den 90er Jahren noch vehement als Allergieauslöser verteufelt, dürfte stark überschätzt worden sein. Das haben vergleichende Untersuchungen der Bevölkerung in West- und Ostdeutschland gleich nach dem Fall der Mauer belegt. In so genannten Reinluftgebieten wie Hamburg waren vier bis fünf Mal so viele Kinder an Heuschnupfen erkrankt wie im ehemaligen Osten mit seiner teilweise katastrophalen Luftqualität. Unerklärlich ist bislang auch, warum es im Laufe des Lebens oft zu einem Wechsel der Symptome kommt, wo etwa Neurodermitis und Heuschnupfen abwechselnd auftreten und verschwinden. So mancher Heuschnupfen schwächt sich bis zum 40. oder 45. Lebensjahr ab. Bei Asthmatikern ist das aber in der Regel nur durch gezielte Therapie erreichbar.

Heuschnupfen nicht verharmlosen

Unbehandelt kann Heuschnupfen zu Dauerschäden führen, zum Beispiel zu allergischem, chronischem Asthma. Entzündungsreaktionen in der Lunge machen die Lungenbläschen empfindlicher auch gegen andere Reize wie Kälte, Rauch und Staub. Bei strapazierten Schleimhäuten genügen schon geringe Allergenmengen, um die nächste Heuschnupfenattacke noch zu verstärken. Schlimmstenfalls kann sogar ein lebensbedrohlicher anaphylaktischer Schock mit Kreislaufversagen eintreten.

Auswandern nützt wenig

Der Rückzug in eine allergenfreie Umgebung ist beim Heuschnupfen nicht leicht. Unter günstigen Bedingungen fliegen Pollen hunderte Kilometer weit. Lüften öffnet ihnen je nach Wohnlage und Tageszeit Tür und Tor. Die beste Klimaanlage nützt nichts, wenn sie ihre Frischluft etwa aus der birkenbewachsenen Nachbarschaft saugt. Zur symptomatischen, nicht ursächlichen Therapie stehen Antihistaminika in Form von Augentropfen, Nasensprays oder Tabletten zur Verfügung. Sie lindern Juckreiz und Schleimhautschwellungen. Nicht alle verursachen unangenehme Nebenwirkungen wie Schwindel und Müdigkeit. Kortisonpräparate als Nasen- oder Augenspray sind als akute Nothilfe ebenfalls sinnvoll und gut verträglich, aber keine Dauerlösung. Die spezifische Immuntherapie, auch als Hyposensibilisierung bekannt, ist eine Art Impfung und die einzige Behandlung, die das Übel an der Wurzel packt.

Diagnose vor Impfung

Zur Identifizierung der krank machenden Allergene genügt ein einfacher Test, der so genannte Prick-Test. Dazu werden an den Unterarmen mehrere allergenhaltige Lösungen tropfenweise aufgetragen und in die Haut geritzt. Wo daraufhin Rötungen oder Quaddeln entstehen, ist ein Allergieauslöser entlarvt. Nach einem Bluttest zur Bestätigung der Allergie kann die gezielte Impftherapie beginnen. Die Hyposensibilisierung gewöhnt durch wiederholte Injektionen kleiner Mengen Allergen den Körper an die allergieauslösende Substanz. Die veränderte Immunantwort durch die so genannte Immunmodulation führt zu einer besseren oder sogar vollständigen Verträglichkeit des Allergens. Rund 90 Prozent der Patienten profitieren von dieser Behandlung. Voraussetzung ist, dass nicht zu viele verschiedene Allergien gleichzeitig bestehen und die Therapie konsequent über mindestens drei Jahre durchgeführt wird. Je kürzer das Asthma bei Behandlungsbeginn bestanden hat, umso besser die Aussichten auf Symptomfreiheit, so Dozent Klein. Bei bereits länger bestehendem Pollenasthma ist die Erfolgsrate geringer. Vor allem bei älteren Menschen sind die immunologischen Verhältnisse oft nur mehr schwer beeinflussbar. An Kleinkindern wird die Hyposensibilisierung nur in Ausnahmefällen angewandt.

Keine Angst vor der Spritze

Die entsprechenden Allergenextrakte werden in winzigen Mengen unter die Haut injiziert. Unerwünschte Impfreaktionen sind äußerst selten und meist nur sehr milder Natur. Vorbeugend muss jedoch der Patient nach jeder Einzelimpfung mindestens 30 Minuten in der Ordination bleiben, damit allfällige Beschwerden sofort versorgt werden können. Eine neuere Art der Allergenzufuhr ist die sublinguale Immuntherapie, wo die Impfsubstanz unter die Zunge getropft wird. Nicht nur bei Kindern ist diese Therapieform eine wertvolle Alternative. Auch manche "mutigen Männer" umgehen so elegant ihre Spritzenangst. Zukunftshoffnungen stützen sich auf einen derzeit laufenden Forschungsschwerpunkt mit so genannten rekombinanten Allergenen. Ziel ist eine Verfeinerung der bisher geübten Immuntherapie. Georg Klein: "Die Wirksamkeit dieser neuen Substanzen ist jedoch noch nicht schlüssig belegt."

Praktische Tipps

Polleninfos in den Medien Aufmerksamkeit schenken, täglich Haare waschen, damit der Kopfpolster kein Pollensammelzentrum wird, zeitgerecht Antihistaminika nehmen, nicht rauchen und zur richtigen Zeit lüften – das sind Tricks, die dem Pollenallergiker den Alltag erleichtern. Und sich über schlechtes Wetter freuen, denn Regen ist für den Heuschnupfengeplagten ein Segen, der ihn aufatmen lässt. 

Tagesaktueller Pollenflug:

Infos unter www.pollenwarndienst.at


Allergietypen

Je nach Ursache und Immunmechanismus unterscheidet man vier Allergietypen:
Typ I, Soforttyp:
Häufigster Allergietyp. Histamin und IgE sind an der Reaktion beteiligt. Krankheitsbilder: Heuschnupfen, Hausstauballergie, Insektengiftallergie, bestimmte Formen des Nesselausschlages u. a.

Typ II, zytotoxischer Typ:
Zerstörung von Blutzellen z. B. durch Blutgruppenunverträglichkeit, Medikamentenallergien. IgMund IgG-Antikörper spielen mit.

Typ III, Immunkomplextyp:
Entzündungsreaktion durch eiweißzerstörende Substanzen, früher häufiger nach Impfung mit Fremdeiweiß wie z. B. Pferdeserum. IgM mischt mit.

Typ IV, Spättyp:
Kontaktallergie z. B. durch Metalle oder Kosmetika, aber auch Transplantatabstoßung. Hier werden die T-Zellen der Lymphozyten aktiv.


Klaus Stecher

April 2006


Foto: deSign of Life, privat


Kommentar

Kommentarbild von Univ.- Doz. Prim. Dr. Georg Klein zum Printartikel "Antihistaminika und Kortison, sogar Akupunktur und Homöopathie mögen zwar akute Heuschnupfenbeschwerden lindern, man soll sich aber nicht jahrelang mit symptomatischen Maßnahmen über die Pollenallergie hinwegschwindeln. Die Patienten sollten sich auf jeden Fall einer Immuntherapie unterziehen, bevor aus leichten Beschwerden ein massiver Heuschnupfen und letztlich Asthma entsteht"
Univ.- Doz. Prim. Dr. Georg Klein
Leiter der Dermatologischen Abteilung am KH der Elisabethinen, Linz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020