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Kallusdistraktion: Wie man Knochen verlängert

Kallusdistraktion: Wie man Knochen verlängertKnochen haben eine lebenslange Fähigkeit zu wachsen. Diese Tatsache macht sich die Kallusdistraktion zunutze. Die Knochenverlängerung wird vor allem bei Kleinwüchsigkeit oder unfallbedingten Knochenverkürzungen durchgeführt. Wie sie genau funktioniert, erklärt Dr. Gerald E. Wozasek von der Medizinischen Universität Wien.

Es sind entweder funktionelle oder in seltenen Fällen auch ästhetische Gesichtspunkte, warum eine Verlängerungsoperation am Knochen durchgeführt wird. So können Kleinwüchsigkeit oder Fehlbildungen wie Beinlängendifferenzen für die sogenannte Kallusdistraktion in Frage kommen. Verkürzungen müssen aber nicht immer angeboren sein. Bestimmte Infektionen, Fehlstellungen nach Knochenbrüchen oder Knochentumoren können ebenfalls dazu führen, dass Arme oder Beine kürzer sind.

Folgeprobleme

Als Folge davon können Probleme wie Wirbelsäulenverkrümmungen oder Verschleißerscheinungen in den angrenzenden Gelenken auftreten, was oft eine Behandlung notwendig macht. Kosmetische Gründe nehmen hingegen nur einen geringen Stellenwert ein: „Eine ästhetische Knochenverlängerung ist in Österreich kostenpflichtig und spielt daher bei uns so gut wie keine Rolle. In anderen Ländern wie den USA oder in China wird sie jedoch durchaus durchgeführt“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Gerald E. Wozasek, Facharzt für Unfallchirurgie und Sporttraumatologie an der Universitätsklinik für Unfallchirurgie der Medizinischen Universität Wien.

Weichteilstrukturen wachsen mit

Kallusdistraktion: Wie man Knochen verlängertDoch wie funktioniert eine Knochenverlängerung? Grundlage der Behandlung ist die lebenslange Fähigkeit des Knochens, neues Knochengewebe zu bilden. Dort, wo der Knochen durchtrennt wird, entsteht zunächst ein Bluterguss. Am Anschluss daran wächst neue Knochenmasse, die auch als Knochenkallus bezeichnet wird. Diese muss sich nur noch verfestigen und der Knochen ist wieder belastbar. Eine Knochenverlängerung eignet sich allerdings nur bei Röhrenknochen. Das sind längliche Knochen wie beispielsweise an den Beinen – Oberschenkel- oder Unterschenkelknochen – oder Armen. Weichteilstrukturen wie Muskeln, Blutgefäße oder Nerven passen sich dem Prozess der Dehnung an und wachsen mit.

Methoden: Äußerer Rahmen vs. Marknagel

Kallusdistraktion: Wie man Knochen verlängertNach der Durchtrennung des Knochens stehen zwei verschiedene Methoden zur Verfügung, mit denen der Knochen verlängert werden kann:

  • „Fixateur externe“: Dabei wird ein externes Gestell – ein einseitiger oder ringförmiger Rahmen – angebracht, indem Knochennägel oder Drähte durch den Knochen gebohrt werden. Durch kontinuierlichen Zug wird der Röhrenknochen langsam auseinander gezogen.
  • Teleskopnagel/Marknagel: Bei dieser Methode wird ein Verlängerungsnagel in den Markraum des Knochens eingesetzt – von außen ist nichts zu sehen – und durch eine mechanische oder elektrische Steuerung gedehnt.

„Die gängigste Methode ist die mechanische, die mittels Ratschentechnik erfolgt. Dabei wird durch Drehbewegung des Beines der Teleskopnagel auseinander getrieben, bis die gewünschte Verlängerung erreicht ist. Bei der elektrischen Steuerung hingegen erfolgt die Dehnung über einen kleinen Motor im Inneren des Nagels“, so Wozasek.

Zeitaufwändige Aushärtung des Knochens

Bei der Knochendehnung ist eine Verlängerung von einem Millimeter pro Tag möglich. Im Anschluss daran muss jedoch der Knochen ausgehärtet werden. Erst, wenn sich eine sogenannte Knochenrinde gebildet hat, ist er voll belastbar. „Die Aushärtung dauert allerdings zwei- bis dreimal so lange wie die Dehnungsphase. Wird beispielsweise ein Knochen einen Zentimeter verlängert, dauert die Dehnung 10 Tage, die Aushärtung jedoch 20 bis 30 Tage. Die Verlängerung von ca. einem Millimeter pro Tag ist schmerzarm“, so der Mediziner. Bei dem Verfahren mit dem Fixateur externe bleibt der Rahmen während der Aushärtung des Knochens auf der betroffenen Gliedmaße. Um diesen Prozess und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten für die Patienten zu verkürzen, setzt man neuerdings auf die sogenannte NAL-Methode („nailing after lengthening“; Nagelung nach Verlängerung). Wozasek: „Wurde die Verlängerung erreicht, wird das neue Knochengewebe mit einem Nagel stabilisiert. Der Knochen ist sofort wieder voll belastbar.“ In Wien konnte damit ein Oberschenkelknochen, der unfallbedingt einen großen Knochendefekt aufwies und stark verkürzt war, innerhalb von nur acht Monaten um 26 Zentimeter verlängert werden. Zum Aushärten hätte das Unfallopfer den Rahmen noch knapp zwei Jahre tragen müssen; mit der NAL-Methode war der Knochen rasch wieder belastbar. „Die damit erreichte Verlängerung ist die größte, die ich persönlich kenne. Die Obergrenze liegt wahrscheinlich bei 20 bis 30 Zentimetern, wobei der Knochen über Jahre hinweg verlängert werden muss“, erklärt Unfallchirurg.

Einschränkungen und Komplikationen

Auf die Frage, mit welchen Einschränkungen Betroffene zu rechnen haben, antwortet der Unfallchirurg: „Es gibt kaum Einschränkungen. Mit dem angebrachten Rahmen kann man sogar Schwimmen gehen. Betroffene müssen nur darauf achten, den Fixateur externe regelmäßig zu pflegen, um Infektionen im Bereich der Drähte und Nägel zu vermeiden.“ Neben Entzündungen ist der Eingriff mit allgemeinen Risiken wie Blutungen oder Wundheilungsstörungen verbunden. Auch können angrenzende Gelenke in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sein, wobei jedoch physikalische Therapien Abhilfe verschaffen. „Das alles sind daher beherrschbare Komplikationen“, erklärt Wozasek abschließend.

MMag. Birgit Koxeder

Oktober 2011


Foto: Dr. Gerald E. Wozasek, Wien


Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020