DRUCKEN

Gift in der Galle

Gallensteine.jpg


Sie ist häufig, schmerzhaft und meist nur operativ zu behandeln: die Gallenblasenentzündung. Wer sie verschleppt, riskiert mehr als einen kleinen Eingriff.


Der Mensch ist ein Allesfresser: Diesem Umstand verdankt er die Probleme mit der Gallenblase. Würden wir nur Schachtelhalm und Wiesenkraut käuen, wären wir aus dem Schneider – Pflanzenfresser haben keine Gallenflüssigkeit. Fleischfresser dagegen brauchen den komplex zusammengesetzten Saft aus der Leber, um Fette besser verdauen zu können. Zwischen den Fress-und Verdauungsattacken muss die Gallenflüssigkeit irgendwo zwischengelagert werden: eben in der Gallenblase. Bloß: "Wie viele Organe, die entwicklungsgeschichtlich jung sind, ist die Gallenblase sehr anfällig", sagt Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Feil, Vorstand der Chirurgischen Abteilung des Evangelischen Krankenhauses Wien. Alleine an seiner Abteilung werden jedes Jahr mindestens 200 Gallenblasen operiert. In den allermeisten Fällen sind Gallensteine die Ursache für eine Entzündung der Gallenblase.

Stundenlange Koliken

Gallensteine bilden sich, wenn die fein balancierte Zusammensetzung der Gallenflüssigkeit kippt und ein Inhaltsstoff auskristallisiert. Das kann nur im Inneren der Gallenblase passieren, weil dort die Flüssigkeit nicht in Bewegung ist. Werden diese Steine nun von Darmkeimen besiedelt, entzündet sich die Gallenblase, und die Cholezystitis ist perfekt. Nach und nach bekommt der Patient Fieber, der rechte Oberbauch schmerzt und verspannt sich immer mehr, an Essen ist nicht zu denken. Noch übler wird es, wenn sich ein Gallenstein in einen Ausführungsgang verirrt. Die Gallenblase versucht das Hindernis aus dem Weg zu räumen, krampft sich immer wieder zusammen – und der Patient krümmt sich unter den heftigen Schmerzen einer typischen Gallenkolik, die stundenlang anhalten kann. Bleibt der Stein länger im Gallengang stecken, wird die Situation bedrohlich. Die bis in die Leber zurückgestaute Gallenflüssigkeit kann eine Leberentzündung auslösen, auch die Bauchspeicheldrüse und der Zwölffingerdarm können in Mitleidenschaft gezogen werden. Eine schwere Entzündung schwächt die Gallenblase derart, dass die Wand durchzubrechen droht. "Eine sogenannte Perforation kann vor allem bei älteren Leuten eine gallige Bauchfellentzündung auslösen, die etwa in der Hälfte der Fälle tödlich endet", warnt Prof.Feil. Deshalb: lieber früher als später operieren.

Mediziner raten zur Operation

Bei der heute üblichen laparoskopischen Operation wird die Gallenblase vollständig entfernt. Meist können die Patienten schon am Operationstag wieder aufstehen und nach wenigen Tagen heimgehen. Die früher eingesetzten Steinzertrümmerer werden nicht mehr verwendet, da die kleinen, abgehenden Steine zu oft Komplikationen verursacht haben. Zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung bekommen Gallensteine, Frauen häufiger als Männer. Zu 80 Prozent bleiben die Gallensteine "stumm", sie machen also keine Beschwerden. "Speziell Männer", weiß Wolfgang Feil aus Erfahrung, "merken aber Komplikationen oft viel zu spät oder ignorieren sie völlig." Ein schleichender, chronischer Verlauf einer durch einen Stein ausgelösten Gallenblasenentzündung kann böse Folgen haben. Dr. Feil: "Im schlimmsten Fall droht ein Gallenblasenkarzinom." Angesichts des geringen Risikos rät er daher, Gallensteine immer zu operieren. In seltenen Fällen entsteht eine Entzündung der Gallenblase auch ohne Stein. Nach schweren Verbrennungen, Polytraumata, einer Sepsis oder bei anderen schweren Erkrankungen ist der Körper derart geschwächt, dass bei Intensivpatienten häufig auch die Gallenblase angegriffen wird. Allerdings: Medizinisch ist die Intensivgalle kein Problem, sie verschwindet mit der dahinterliegenden Krankheit. Irgendwann werden alle Komplikationen mit entzündeten Gallenblasen ohnehin Vergangenheit sein. Prof. Wolfgang Feil: "Die Natur wird die an sich unnötige Gallenblase irgendwann wieder abschaffen." Bis zum endgültigen Sieg der Evolution werden für Feil und Kollegen aber wohl noch einige Operationen anstehen.


Fritz Kalteis

April 2006


Foto: deSign of Life, privat



Kommentar

Kommentarbild von Univ.-Prof. Primarius Dr. Wolfgang Feil zum Printartikel "In den meisten Fällen löst ein Gallenstein eine Gallenblasenentzündung aus. Solche Steine sollten operiert werden. Das Entfernen der Gallenblase mittels minimalinvasiver Technik hat ein sehr geringes Risiko, die Standards sind extrem hoch."
Univ.-Prof. Primarius Dr. Wolfgang Feil
Vorstand der chirurgischen Abteilung des Evangelischen Krankenhauses Wien

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020