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Heimlich-Handgriff und Luftröhrenschnitt

Heimlich-Handgriff und LuftröhrenschnittFrühstück in der Ferienwohnung: Gleich nachdem Henriette C. das letzte Stück Speck gegessen hatte, verfärbte sich ihr Gesicht zwetschkenblau, sie konnte kein Wort mehr sprechen – und nicht mehr atmen. Ihr Partner war in jungen Jahren Zivildiener und erinnerte sich an den Heimlich-Handgriff. Das hat ihr vielleicht das Leben gerettet.

Als Erste-Hilfe Maßnahme wurde damals, vor dreißig Jahren, der Heimlich-Handgriff unterrichtet. Und wenn das nicht helfen würde, müsste der Ersthelfer eben zum Taschenmesser greifen und einen Luftröhrenschnitt durchführen, so der Unterricht. Die Lehrmeinung heute ist eine andere: Der Heimlich-Handgriff kann zu schweren inneren Verletzungen (Leber- oder Milzriss) führen und ein Luftröhrenschnitt endet letal, wenn die Halsschlagader verletzt wird.

Luftröhrenschnitt ist Körperverletzung

„Der Luftröhrenschnitt war niemals die Lehrmeinung“, sagt der Sanitäter und Lehrbeauftragte im Ausbildungszentrum des Wiener Roten Kreuzes, Frido Schrott, in der Tageszeitung „der standard“ vom 9. August 2011. Das ist immerhin ein Fortschritt gegenüber der Zivildienstzeit von Henriette C.s Partner.
Doch auch der Heimlich-Handgriff entspricht derzeit nicht der Lehrmeinung, so OA Dr. Walter Mittendorfer, Leiter der AKh-Notfallmedizin und des Herzalarmteams. „Es ist in der Vergangenheit zu schweren Verletzungen durch den Heimlich-Handgriff gekommen – Leber- oder Milzriss sind nicht ausgeschlossen. Bei Kindern ist die Gefahr einer inneren Verletzung besonders hoch“, so Mitterndorfer. Von einem Luftröhrenschnitt kann der Notfallmediziner dem Laien nur eindringlich abraten: „Zu groß ist die Gefahr, eine der Halsschlagadern zu verletzen.“

Heimlich-Handgriff gegen Luftröhrenschnitt

Dem entspricht auch die Aussage von Frido Schrott im „standard“: „Wer als Laie einen Luftröhrenschnitt oder -stich durchführt, verursacht damit, dass die Person das höchstwahrscheinlich nicht überleben wird. Warum nicht? Weil die Halsschlagader gleich neben der Luftröhre liegt und die Gefahr besteht, dass man sie verletzt und die Person verblutet.“ Dem kann sich Mitterndorfer nur anschließen.
Was tun also, wenn ganz offensichtlich der Tischnachbar „etwas in die falsche Röhre“ bekommen hat? Der Sanitäter unterscheidet zwischen einer teilweisen und einer schweren Atemwegsverlegung. Bei einer teilweisen Verlegung bekommt der Betroffene noch immer Luft und versucht durch festes Husten den Gegenstand oder die Flüssigkeit nach außen zu befördern. Bei einer schweren Atemwegsverlegung bleibt dem Betroffenen buchstäblich die Luft weg, er kann nicht mehr sprechen und auch nicht mehr husten. „Da helfen gezielte Schläge zwischen die Schulterblätter, damit der Betroffene das Atemhindernis aushusten kann“, so Mitterndorfer. „Allerdings nur, wenn das Hindernis noch vor der Stimmritze liegt. Sitzt es schon tiefer, kann nur mehr der Notarzt helfen.“ Auch ein Luftröhrenschnitt, kann die Verstopfung nicht überbrücken.

Mythos Heimlich-Handgriff

„Wenn nach fünf Schlägen keine Besserung eintritt, wenden wir den sogenannten Heimlich-Handgriff an: Wir umfassen die Person von hinten und ballen die Hände zu einer Faust. Damit drücken wir unterhalb des Zwerchfells, also zwischen Nabel und Brustkorb kräftig nach innen und oben. Bis zu fünf Mal wendet man den Heimlich-Handgriff an. Wichtig dabei ist: Den Handgriff darf man niemals üben! Und jeder, bei dem diese Maßnahme durchgeführt wird, muss im Krankenhaus untersucht werden, da es zu inneren Verletzungen kommen kann“, so Schrott im „standard“.
Dem kann der Notfallmediziner Mitterndorfer allerdings nur bedingt zustimmen: „Die einzige effektive Hilfe beim sogenannten Bolusgeschehen (Verlegung der Atemwege durch einen Fremdkörper) ist die direkte Laryngoskopie und Entfernung des Fremdkörpers mittels Magillzange!“ Der sogenannte Heimlich-Handgriff ist wegen der dokumentierten Gefahr der schweren Verletzung von inneren Organen – speziell bei Kindern – für den ungeübten Helfer völlig ungeeignet. Obwohl lange Zeit verboten, wird der „Heimlich-Handgriff von gewissen Rettungsorganisationen in Anlehnung an die ERC Guidlines 2010 als Erste-Hilfe Maßnahme bei schwerer Atemwegsverlegung wieder empfohlen. Bezüglich der Effektivität dieser Maßnahme durch Laienhelfer gibt es derzeit weder wissenschaftliche Daten noch ist die Argumentation der Einsatzorganisationen nachzuvollziehen. Somit kann Mitterndorfer nur den Vorschlägen Schrotts zustimmen, den Handgriff niemals zu üben und sollte er trotz besseren Wissens doch einmal durchgeführt worden sein, den Betroffenen jedenfalls sofort akutmedizinisch nachuntersuchen zu lassen.

Besser nur Schulterklopfen

Wenn in der persönlichen Umgebung eine akute Atemnot beobachtet wird, sollte man also das Abhusten fördern und sofort einen Notarzt rufen. „Ein Abhusten hat jedoch nur Erfolg, wenn das Atemhindernis oberhalb Stimmritze zu liegen kommt“, so Mitterndorfer. In jedem Fall sollte im Falle eines Bolusgeschehens ein Notarzt alarmiert werden, der aufgrund seiner Ausbildung und des entsprechenden Notfall-Equipments die richtigen Maßnahmen durchführen wird.

Mag. Christian Boukal

August 2011

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020