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Künstlicher Ausgang

Künstlicher AusgangViele Österreicher leben mit einem „Anus praeter”. Mit dem medizinischen Begriff „Stoma” oder „Anus praeter” werden operativ geschaffene Körperöffnungen bezeichnet. Dazu wird ein gesunder Abschnitt des Darmes nach außen geleitet und dort mit der Bauchhaut vernäht. Das Stoma enthält weder schmerzempfindliche Nerven noch willkürlich steuerbare Muskeln. Seine Aufgabe besteht in erster Linie darin, die durch die Operation verloren gegangenen Körperfunktionen der Stuhl- und Urinableitung zu übernehmen. Eine sehr theoretische Erklärung für eine sehr persönliche Erkrankung.

In Österreich leben rund 12.000 Stomaträger. Menschen, die Stuhl und Harn nicht mehr über den Schließmuskel ausscheiden können, sondern gezwungen sind, mit einem Plastikbeutel – häufig wird dafür der Begriff „Seitenausgang” verwendet – am Körper zu leben. Diese „Plastiktoilette” ist – trotz hervorragender Aufklärungsarbeit in den vergangenen Jahren – noch immer ein absolutes Tabu-Thema. Falsche Scham und das Gefühl, nicht mehr vollwertig zu sein, machen den Betroffenen oft das Leben zur Hölle. „Eine Stomaoperation bedeutet einen scharfen Einschnitt in die persönliche Lebensführung. Aber das Leben geht weiter und gerade dieses Wissen sollte Leitmotiv für alle Betroffenen sein”, betont Prim. Univ.- Prof. Dr. Georg Salem, Leiter der Allgemein-, Gefäß- und Thoraxchirgurgie am Krankenhaus St. Pölten.

Dickdarmkrebs häufig Ursache für Stoma-Anlage

In der Medizin wird zwischen drei Stoma-Arten unterschieden. Ein künstlicher Dickdarmausgang – die Kolostomie – ist in den meisten Fällen Folge eines Dickdarmkrebes, an dem vor allem ältere Menschen erkranken. Muss ein künstlicher Dünndarmausgang – eine Ileostomie angelegt werden, so wird das in erster Linie wegen der entzündlichen Darmerkrankungen Colitis ulcerosa und Morbus Crohn oder wegen der vererbbaren familiären Polyposis notwendig. Das sind Erkrankungen, die durch eine hohe Anzahl von Durchfällen (bis zu 30 Mal pro Tag) gekennzeichnet sind und bei denen eine medikamentöse Behandlung häufig nicht zum Erfolg führt. Die damit verbundene massive körperliche und seelische Belastung des Patienten sowie vielfach auftretende bedrohliche Komplikationen machen die Anlage eines Stomas oft unumgänglich. Mit einer Ileostomieoperation müssen sich vorwiegend jüngere Menschen zwischen 20 und 40 Jahren auseinandersetzen. Häufigste Ursache für eine künstliche Harnableitung – die Urostomie – sind der Blasenkrebs oder Tumore in Nachbarorganen. Von allen Stomaanlagen sind Kolostomien am häufigsten.

Auch beim Sport kein Hindernis

Nicht nur die medizinischen Möglichkeiten, auch die Möglichkeiten der Stomaversorgung haben sich in den vergangenen Jahren sehr zum Vorteil der betroffenen Patienten weiterentwickelt. Die Versorgungssysteme können ein- oder zweiteilig gewählt werden. Bei einem einteiligen System befindet sich der Hautschutz am Beutel. Deswegen ist diese Versorgung in sich sehr flexibel und bietet ein hohes Maß an Tragekomfort. Bei einem Versorgungswechsel wird der Beutel komplett entfernt und nach der Reinigung des Stomas ein neuer angelegt. Zum zweiteiligen System gehören eine Basisplatte und ein Beutel. Die Basisplatte besitzt einen Rastring, auf dem man den Beutel mehrmals wechseln kann. Ein sicherer Verschlussmechanismus sorgt dafür, dass der Beutel sich nicht lösen kann. Die heute verwendeten Stoma-Systeme lassen keine Gerüche nach außen dringen und sind auch beisportlichen Aktivitäten kein Hindernis. Für rund die Hälfte aller Stomapatienten ist der künstliche Ausgang nur vorübergehend. Eine sogenannte Rückoperation ist möglich, wenn ein Stück Mastdarm inklusive des Verschlussapparates noch vorhanden ist. Das betrifft vor allem die sogenannten Schutzkolostomien, die entweder zum Schutz einer Darmnaht angelegt werden oder bei entzündlichen Darmerkrankungen eine sofortige Darmverbindung nicht zulassen. „Diese Rückoperationen sind in der Regel sehr erfolgreich”, weiß Univ.-Prof. Salem aus jahrelanger Erfahrung. „Aber auch für Patienten, bei denen keine Rückoperation des Stomas möglich ist, hat die Weiterentwicklung in der Stomaversorgung dafür gesorgt, dass kaum eine Beeinträchtigung der Lebensqualität entsteht”.

Aufklärung notwendig

Viele Patienten, die mit einem künstlichen Darmausgang leben, leiden nicht nur unter persönlichen Schamgefühlen und gesundheitlichen Problemen, sondern verschließen sich – aus falscher Scham – auch einer genauen Aufklärung. Dabei kann gerade der Patient selbst durch eigenes Engagement zahlreiche Handgriffe im Umgang mit dem Stoma erlernen und so wesentlich zu seiner Genesung beitragen.

Hier einige Tipps zum richtigen Umgang mit dem Stoma:

  • Mit einer individuell unterschiedlichen Verträglichkeit von Nahrungsmitteln muss immer gerechnet werden. Deshalb sollte jeder Stomaträger selber testen, welche Ernährungsweise für ihn bekömmlich ist. Eine besondere Diät ist nicht erforderlich. „Der Patient muss selber herausfinden, welche Speisen ihn stopfen, welche ihn blähen und welche eventuell zu Durchfall führen”, betont Salem.
  • Die Reinigung des Stomas sowie der Haut und die richtige Beutelgröße sind besonders wichtig. Die Einschulung sollte schon vor der Entlassung aus dem Krankenhaus beginnen. Erst dann, wenn der Patient und die Angehörigen sich sicher fühlen, sollte die Entlassung erfolgen und den Betroffenen die Möglichkeit gegeben werden, jederzeit bei einer speziell dafür eingerichteten Kontaktstelle ambulant vorstellig zu werden. Das kann der Hausarzt sein oder eine Stomaambulanz, über die viele Krankenhäuser verfügen. Auch Selbsthilfegruppen, die über den Dachverband der Selbsthilfegruppen, der seinen Sitz in der jeweiligen Landeshauptstadt hat, erfragt werden können, helfen mit dem Stoma leben zu lernen.


Mag. Kornelia Wernitznig

September 2010

Foto: Bilderbox, privat

Kommentar:

Kommentarbild von Prim. Univ.-Prof. Dr. Georg Salem zum Printartikel „Stoma-Patienten müssen heute keine Einschränkung ihrer Lebensqualität mehr in Kauf nehmen. Sie wissen, dass der künstliche Ausgang ihr Leben verlängert und lernen so, damit zu leben. Dennoch ist Stoma immer noch eines der großen Tabu-Themen in unserer Gesellschaft. Daher ist eine exakte Aufklärung und die Vermittlung von Stellen, an die sich Betroffene mit Stomaproblemen wenden können, sehr wichtig. Diese Aufgabe übernehmen häufig Krankenanstalten und Selbsthilfegruppen.”
Prim. Univ.-Prof. Dr. Georg Salem
Leiter der Allgemein-, Gefäß- und Thoraxchirgurgie am a.ö. Krankenhaus St. Pölten

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020