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Spiegeltherapie hilft auch nach Schlaganfällen

Spiegeltherapie hilft auch nach SchlaganfällenSie kommt nach Amputationen oder einem Schlaganfall zum Einsatz, kann jederzeit zu Hause durchgeführt werden und kennt keine Altersgrenze: Durch die Spiegeltherapie können Schmerzen gelindert und gelähmte Gliedmaßen beweglicher gemacht werden.

Als „Erfinder“ der Spiegeltherapie gilt der in Indien geborene und in den USA tätige Neurologe Vilayanur S. Ramachandran. Er setzte sie erstmals in den 1990er Jahren bei Patienten ein, die nach einer Amputation an Phantomschmerzen, also Schmerzen in der nicht mehr vorhandenen Gliedmaße, litten. „Mittlerweile werden auch Schlaganfallpatienten mit der Spiegeltherapie behandelt“, erklärt Dr. Stefan Seidel, Neurologe an der Medizinischen Universität Wien.

Worum geht es aber nun bei dieser Form der Behandlung? Dazu der Experte: „Angenommen ein Schlaganfallpatient hat Lähmungserscheinungen oder Schmerzen im rechten Arm. Bei der Therapie wird vor ihm ein Spiegel platziert, und zwar in einem rechten Winkel zum Körper. Der gesunde linke Arm liegt vor dem Spiegel, der kranke wird auf der anderen Seite positioniert und ist nicht mehr sichtbar. Blickt der Patient nun in den Spiegel, schaut es aus, als hätte er zwei gesunde Arme. Und wenn er nun den linken Arm bewegt oder ihm mit einem Bürstchen darübergestrichen wird, glaubt das Gehirn, dass sich auch der rechte Arm wieder bewegt beziehungsweise anfühlt.“

Das heißt: Die Patienten haben unmittelbar während der Therapie das Gefühl, sie könnten die gelähmten oder nicht mehr vorhandenen Gliedmaßen bewegen. „Nach oftmaligen Wiederholungen können sich Verkrampfungen lösen, Gliedmaßen beweglicher werden und Phantomschmerzen verschwinden“, erläutert der Neurologe.

Wieso das funktionieren kann, erklärt der Spezialist so: „Im Prinzip finden die Übungen auch im Gehirn ihre Entsprechung. Es ist zwar etwa nach einem Schlaganfall eine Funktion auf einer Gehirnhälfte nicht mehr vorhanden, über die gesunde erhält man aber den Eindruck, wie es gehen könnte. Durch die Spiegeltherapie gaukelt man nun dem Gehirn vor, dass die vermeintlich ausgeschaltete Zone doch noch aktiv ist. Die gesunden Zentren im Gehirn übernehmen dann die Funktion der inaktiven oder unterstützen diese bei ihrer Erholung.“

Keine Altersbegrenzung

Die Spiegeltherapie ist in der Anwendung einfach: Übungen wie beugen – strecken können im Liegen, Sitzen oder Stehen mit kleinen Handspiegeln oder großen Spiegeln in Kastentüren durchgeführt werden. Eine klare Empfehlung, wie oft man üben sollte, gibt es nicht. „Auf jeden Fall nur so lange, dass man dabei nicht müde wird.“ Auch gibt es keine Altersbegrenzung. Dr. Seidel: „Jeder, der geistig dazu in der Lage ist, kann die Übungen machen. Natürlich könnte man auch einfach nur das Bein oder den Arm bewegen. Mit der Spiegeltherapie allerdings hat man plötzlich das Gefühl, aktiv steuern zu können.“

Zudem haben Studien aus den USA gezeigt, dass mit Spiegeln bessere Effekte erzielt werden als ohne. Auch die Medizinische Uni in Wien hat eine Untersuchung durchgeführt, bei der acht Beinamputierte Spiegeltherapiesitzungen absolvierten. Ergebnis: „Der Phantomschmerz verringerte sich bei etwa der Hälfte deutlich“, so Dr. Seidel.

Cornelia Schobesberger
Jänner 2014


Foto: BilderBox.com, privat

Kommentar

Spiegeltherapie hilft auch nach Schlaganfällen„Die Spiegeltherapie ist eine nebenwirkungsarme Methode. Sie kann – auch zu Hause – zur Linderung von Schmerzen und zur Verbesserung der Beweglichkeit von gelähmten Gliedmaßen eingesetzt werden.“
Ass.-Prof. Dr. Stefan Seidel
Neurologe an der Universitätsklinik Wien

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020