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Klostergeheimnisse

KlostergeheimnisseAlte Rezepturen der Klostermedizin werden wissenschaftlich aufbereitet. Im Mittelalter waren die Klöster die einzigen Stätten, wo systematisch Medizin betrieben wurde. Mit modernen Methoden will nun die Wissenschaft die Erkenntnisse der mittelalterlichen Mönche nutzbar machen.

Benedikt von Nursia, der um 547 gestorbene Gründer des Benediktinerordens, hat in den Ordensregeln nicht nur festgelegt, dass in den Konventen Lesen und Schreiben gepflegt werden sollte, sondern verfügte auch die Einrichtung einer medizinischen Grundversorgung. Cassiodorus, sein Ordensbruder und Gründer des Klosters Vivarium präzisiert um 560: „Lernet die Eigenschaften der Kräuter und die Mischungen der Arzneien kennen...“ Entsprechend führt der berühmte St. Gallen Klosterplan nicht nur Krankenzimmer und ein eigenes Spital auf, sondern ein eigenes Gebäude zur Lagerung der Arzneimittel sowie einen eigenen Garten für Heilkräuter. Seit einigen Jahren versucht nun an der Universität Würzburg eine „Forschergruppe Klostermedizin“ in Zusammenarbeit mit einem Pharma-Unternehmen, die Erkenntnisse der Klostermedizin wissenschaftlich aufzubereiten und zugänglich zu machen. Gemeinsam holen Pharmazeuten, Mediziner, Botaniker, Altphilologen, Historiker, Botaniker und Chemiker aus den lateinischen und griechischen Texten das Wesentliche heraus und machen es – wenn möglich – für moderne Therapien nutzbar. Mittlerweile wurden bereits mehr als 450 Heilpflanzen und ihre Anwendungen in der Klostermedizin erfasst, eine Wirkung konnte erst in 120 Fällen wissenschaftlich nachgewiesen werden. Bei den Forschungen gab es immer wieder Überraschungen. So war ein aus der Herbstzeitlose gewonnenes Pulver gegen Geschwüre immer belächelt worden. Nun stellte sich heraus, dass es den Wirkstoff Colchicin enthält, ein anerkanntes Zytostatikum, das Gewebe daran hindern kann, weiter zu wachsen. Auch die Johannisbeere könnte durch die „Forschergruppe Klostermedizin“ zu neuen Ehren kommen. Ein aus den Kernen der schwarzen Johannisbeere gewonnenes Öl enthält einen sehr hohen Anteil an Gamma-Linolensäure. Das ist eine Fettsäure, die bei Neurodermitis eine Rolle spielen soll. Bereits im 12. Jahrhundert war die Johannisbeere bei Hautproblemen zum Einsatz gekommen.

Gefährlicher Irrtum über die Pflanzen

Mag. Gunda Gittler, die Leiterin der Apotheke des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Linz findet den Ansatz der Würzburger Forschergruppe sehr interessant: „Mit den modernen Methoden der Pharmazie kann man den alten Erkenntnissen der klösterlichen Erfahrungsheilkunde sicherlich neue Aspekte abgewinnen – zum Wohle der Patienten.“ Solange das Projekt auf wissenschaftlicher Ebene behandelt werde, sehe sie keine Gefahren. Wohl aber dann, wenn von Laien versucht werde, sich mit Heilkräutern selbst zu behandeln. Gittler: „Die weit verbreitete Meinung, dass etwas rein Pflanzliches in der Anwendung immer ungefährlich sein muss, ist falsch.” Deshalb sollte vor dem Einsatz von Heilkräutern unbedingt das Wissen eines Arztes oder Apothekers beigezogen werden. Denn nicht nur Nebenwirkungen mancher Wirkstoffe aus der „Apotheke Gottes” können fatale Folgen haben, sondern auch ihre sogenannten Interferenzen.

Gunda Gittler: „Beim Johanniskraut zum Beispiel gibt es ein Zusammenspiel mit manchen Medikamenten, wodurch die Wirkung der Präparate vermindert oder verstärkt wird.” So sollte die Beschäftigung mit der Klostermedizin – zum Segen für die Patientinnen und Patienten in der Hand der Wissenschaft bleiben.

Heinz Macher
Juli 2010


Foto: Archiv Voest Alpine, privat

Kommentar

Kommentarbild von Mag. Gunda Gittler zum Printartikel „Es ist ein interessanter Ansatz, sich für die alten Rezepturen der Klostermedizin zu interessieren. Das sollte aber in den Händen der Wissenschaftler bleiben. Selbstversuche von Laien können fatal enden.“
Mag. Gunda Gittler
Leiterin der Apotheke des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Linz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020