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Klono sapiens

Klono sapiensMediziner warnen vor psychischen und körperlichen Veränderungen geklonter Menschen. Die Missbildungsrate liegt bei 60 Prozent und reicht von Anorismen über Megaplazentas bis hin zu Herzfehlern und unterentwickelten Immunsystemen. Doppeltes Geburtsgewicht, Veränderungen von Genfunktionen im Bereich Zellteilung und Wachstum, eine gestörte innere Uhr (sie altern schneller oder langsamer) zeichnen geklonte Schafe und Rinder aus. Dennoch hält die Frage, ob es nicht auch möglich ist, Menschen zu klonen, seit der Geburt von Schaf „Dolly“ die Welt in Atem.

Kurz vor Weihnachten 2000 schockierte eine Nachricht aus Großbritannien die Welt: Das britische Unterhaus erlaubte mit 366 gegen 174 Stimmen das Klonen von Zellen aus bis zu 14 Tagen alten Embryos. Während einige Mediziner und Patientenvertreter darauf hoffen, mit den „Stammzellen“ von Embryos Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose heilen zu können, wird dieses sogenannte „therapeutische Klonen” auf breiter Basis abgelehnt. „Solange in Tierversuchen keine besseren Ergebnisse erzielt werden und Klone bis zu 60 Prozent schwer missgebildet sind, sollte das therapeutische Klonen beim Menschen nicht eingesetzt werden“, warnt Univ.-Prof. DDr. Johannes Huber vom AKH Wien. „Jedes Medikament muss jahrelang getestet werden, alle Nebenwirkungen müssen ausgeschlossen sein, bevor es für den Markt zugelassen wird. Allein aus diesem Vergleich heraus kann es nicht sein, dass man Menschen klont, ohne eine medizinische Abklärung vorweisen zu können. Das ist unverantwortlich“, so Huber.

Eindeutige Gesetzeslage

Obwohl international der Trend vor allem in jenen Staaten, die in der Forschung Weltspitze sein wollen, in Richtung einer Lockerung von Gesetzen geht, gibt es für das „reproduktive Klonen” klare Schranken. So verbietet etwa in Österreich das Fortpflanzungsmedizingesetz die menschliche Reproduktion. Wörtlich heißt es darin in § 9: „Entwicklungsfähige Zellen dürfen nicht für andere Zwecke als für die menschliche Fortpflanzung verwendet werden. Eingriffe in die Keimzellbahn sind unzulässig.” Damit ist auch eine Gentherapie an Keimzellen ausgeschlossen. Im November 2000 empfahl ein Ethik-Beratungskomitee der EU zwar die finanzielle Förderung insbesondere der Forschung an Stammzellen. Der Schaffung von Embryonen eigens zum Zweck solcher Projekte erteilten die Experten aber eine Absage. Sie weisen ausdrücklich darauf hin, dass es ein weites Feld für Forschungen mit alternativen Quellen für menschliche Stammzellen (zum Beispiel fötales Gewebe) gibt. Außerdem wurde im Zusammenhang mit klinischen Versuchen der Schutz der Sicherheit und Gesundheit der Patienten betont und auf das Risiko verwiesen, „dass durch transplantierte Zellen Anomalien hervorgerufen oder das Entstehen von Tumoren oder Krebs begünstigt werden”.

Wunderwaffe Stammzelle

Prof. DDr. Johannes Huber von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde im AKH Wien verweist auf das Hauptproblem in der Diskussion um das therapeutische Klonen. So konnte in Tierversuchen zwar gezeigt werden, dass Stammzellen in der Lage sind, zerstörtes Lebergewebe zu ersetzen oder Knochendefekte durch Osteoblasten wieder aufzufüllen. Ob es aber möglich sei, klonierte Zellen in ähnlicher Weise zu verwenden und somit einen Organersatz zu ermöglichen, ist für Huber noch nicht bewiesen. „Bevor man therapeutisches Klonen an menschlichen Embryonen plant und durchführt, müssten um vieles bessere Daten über tierexperimentelle Versuche vorliegen, als das derzeit der Fall ist“, betont Huber. „Auch wenn die Aussichten des therapeutischen Klonens mit Stammzellen faszinierend sind.“ Tierversuche haben gezeigt, dass aus Embryos entnommene Stammzellen die Fähigkeit haben, sich in jede beliebige Körperzelle zu verwandeln. Mediziner wollen aus ihnen neue Neuronen für Hirnkranke oder Insulin bildende Pankreaszellen für Diabetiker züchten. Der Einsatz dieser Stammzellen ist jedoch problematisch. Bisher können sie Wissenschaftler nur aus wenigen Tagen alten Embryonen gewinnen. Ein breiter Einsatz in der Medizin würde eine Embryozucht und einen massenhaften Verbrauch von Eizellen in Gang setzen. Außerdem müssten diese Wunderwaffen das Erbgut des Empfängers enthalten, damit sie im Körper des Patienten nicht abgestoßen werden. Tierexperimente zeigen zwar enorme Heilungschancen, haben aber auch ihre Schattenseiten: Missbildungen und Fehlgeburten. Zur Entstehung des „Klonschafs” Dolly waren beispielsweise 277 Versuche notwendig. Und während man über die körperlichen Missbildungen nicht mehr nur spekulieren muss – Klonversuche an Schafen und Kälbern zeigen diese deutlich auf – bleibt die Frage nach den psychischen Veränderungen offen.

Denn (gelungene) Klone sind kein Abbild des geklonten Menschen, sie haben durchschnittlich eine längere Lebensdauer, eine stabilere genetische und organische Struktur. Über psychische Veränderungen von Klonen weiß man absolut nichts. Auch die psychische Beschaffenheit des Klons muss nicht ident sein. „Bevor nicht auch in diesem Bereich Klarheit erlangt werden konnte, darf therapeutisches und schon gar nicht reproduktives Klonen nicht zugelassen werden. Wir alle haben keine Ahnung, welche psychischen eränderungen ein Klon aufzeigt und dürfen dieses Risiko nicht eingehen”, fordert Huber.

Reproduktives Klonen

Diese Form des Klonens zielt auf die Verdopplung von Lebewesen. Seit der erfolgreichen „Zeugung” von Dolly, dem Klon-Schaf, das der Weltöffentlichkeit von einem schottischen Wissenschaftler 1997 vorgestellt wurde, weiß man, dass es tatsächlich möglich ist, genetisch identische Kopien eines schon ausgewachsenen Säugetieres zu „zeugen”. Dolly entstand aus dem Erbgut einer Euterzelle eines ausgewachsenen Finn Dorset-Schafes. Das Erbgut wurde in die Eizelle eines Blackface-Schafes injiziert. In diesem Blackface-Schaf wuchs daraus Dolly, als hundertprozentige genetische Kopie des Finn-Dorset Schafes. Mit dieser reproduktiven Form des Klonens durch die so genannte Zellkern-Transplantation wurde an Nicht-Säugern schon seit den sechziger Jahren experimentiert. Inzwischen haben Wissenschaftler aus Italien und den USA angekündigt, sie wollten mit dieser Methode unfruchtbaren Paaren zu Nachwuchs verhelfen. Ein großes Problem ist jedoch, dass geklonte Tiere überdurchschnittlich häufig mit schweren Missbildungen oder tot geboren werden. Ursache der Krankheiten sind vermutlich Fehler während der „Reprogrammierung” der geklonten Zelle. Aus diesen Gründen misslingt das Klonen derzeit noch in über 90 Prozent der Versuche.

Therapeutisches Klonen

Diese Methode soll Menschen helfen, bei denen bestimmte Körpergewebe zerstört wurden – etwa Bereiche des Gehirns bei Parkinson-Patienten oder Herzgewebe nach einem Infarkt. Zu diesem Zweck werden so genannte Stammzellen gewonnen und vermehrt, die den Patienten eingepflanzt werden sollen. Anders als die normalen Körperzellen, die auf bestimmte Funktionen spezialisiert sind, können Stammzellen einen vollständigen Organismus oder bestimmte Gewebetypen des Körpers bilden. Die Stammzellen sind auf zwei Wegen zu gewinnen.

Stammzellen aus Embryonen: Seit 1998 ist bekannt, wie aus menschlichen Embryonen Stammzellen gewonnen und vermehrt werden können. Im Frühstadium der Embryonen sind diese Zellen in der Lage, jede für sich einen ganzen Menschen zu bilden. Dieses Potenzial ausnutzend ist es gelungen, gezielt bestimmte Gewebetypen zu züchten. Manche Wissenschaftler wollen auf diese Weise nun zerstörtes Hirn- oder Herzgewebe erzeugen oder Ersatz-Inselzellen produzieren, die bei Zuckerkranken die Produktion von Insulin übernehmen. Bei Parkinson-Patienten dienen sie bereits jetzt dazu, zerstörte Hirnzellen zu ersetzen.

Adulte Stammzellen: Mit Erfolg wurde auch im Körper erwachsener Menschen nach Zellen gesucht, die die Funktion zerstörten Gewebes übernehmen können. Die Körperzellen, die etwa aus dem Blut oder Knochenmark stammen können, werden „reprogrammiert”, so dass sie wieder zu anpassungsfähigen Stammzellen werden. Aus ihnen können dann Skelettmuskel-, Leber- oder Herzmuskelzellen entstehen. Im Prinzip arbeitet jedoch auch diese Methode mit Embryo-Zellen, denn die adulten Stammzellen werden mit Hilfe tierischer oder menschlicher Eizellen vermehrt – es entsteht dann ein künstlicher Embryo. Dieser ist eine genetische Kopie des Zellspenders – ein Klon. Wird auf diese Weise ein Patient geklont, so lassen sich die entstehenden Zellen bei ihm selbst verwenden, ohne dass es zu einer Abstoßreaktion kommt. Da das Erbgut mit dem des Empfängers ident ist, reagiert die Immunabwehr nicht.

Mag. Kornelia Wernitznig
Juni 2013

Foto: Bilderbox, privat

Kommentar

Kommentarbild: Klono sapiens„Auch wenn die Aussichten des therapeutischen Klonens vielversprechend sind, darf die Begeisterung nicht mit den Forschern durchgehen. Denn noch sind die Ergebnisse von Tierversuchen alles andere als positiv und kann die Gefahr von Missbildungen und psychischen Veränderungen nicht ausgeschlossen werden. Wenn mit therapeutischem Klonen Menschenleben gerettet werden soll, dann braucht das andere Voraussetzungen.“
Univ.-Prof. DDr. Johannes Huber
Universitätsklinik für Frauenheilkunde am Akh Wien.

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020