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Verbrennungen: Rette meine Haut

Verbrennung_2_UKH LINZVerbrennungen zählen zu den schwersten Verletzungen. Brandunfälle sind häufige Szenarien nicht nur am Arbeitsplatz. Immer wieder finden etwa Grillpartys durch Brandbeschleuniger und ungesicherte Gaskartuschen ein verheerendes Ende. Kerzen werden vor allem älteren Menschen leicht zum Verhängnis. Doch fast die Hälfte aller Opfer sind Kinder. Denn im Krabbelalter passieren die meisten Verbrühungen.

Ausmaß und Tiefe jeder Brandverletzung hängen von der Temperatur und Einwirkungsdauer sowie von der Wärmespeicherfähigkeit der heißen Substanz ab. Zwischen 51 und 70 Grad Celsius kommt es innerhalb von Sekunden zu einem Schaden, bei höheren Temperaturen bereits in Sekundenbruchteilen.
 

Verbrennungen_1_UKH LINZ_Eine Verbrennung ersten Grades schmerzt, führt zu Rötung und leichter Schwellung, ist aber begrenzt auf die Oberhaut. Die zweitgradige Verbrennung betrifft auch die Lederhaut, ist stark schmerzhaft und bewirkt Blasenbildung. Bei Grad 2a bleibt die Verletzung eher oberflächlich. Grad 2b bereitet zunächst relativ geringe Schmerzen, weil durch die tiefere Verletzung der Lederhaut auch Schmerzrezeptoren zugrunde gehen. Bei Verbrennungen dritten Grades werden mit Oberhaut, Leder- und Unterhaut auch Nervenendigungen vernichtet. Schmerzen bleiben zunächst aus, der Zelltod ist aber nicht umkehrbar. Bei Verbrennungen vierten Grades verkohlt die Haut, auch Bindegewebe und eventuell sogar Knochen sind unwiderruflich zerstört. Zur Einschätzung der verbrannten Körperfläche (VKöF) dienen verschiedene Formeln wie zum Beispiel die sogenannte Neunerregel. Kopf, jeder Arm, jeder Ober- oder Unterschenkel entsprechen demnach bei einem Erwachsenen jeweils 9 Prozent der Körperfläche, der Rumpf zählt das Doppelte. Ab einem zweitgradigen Verbrennungsausmaß von 15 Prozent VKöF beim Erwachsenen, 10 Prozent bei einem Jugendlichen und 5 Prozent bei einem Kleinkind sind die Verbrennungsfolgen nicht mehr nur lokal. Die ausgedehnte Brandwunde löst eine Abwehrreaktion im Organismus aus – die Verbrennungskrankheit. Sie beginnt in den ersten Stunden nach dem Unfall mit dem sogenannten kapillaren Leck: Entzündungsbotenstoffe verändern die feinsten Blutgefäße. Blutplasma tritt in das Gewebe aus und führt zu Schwellungen im gesamten Körper. Das Blutvolumen sinkt, das Blut wird verdickt. Unbehandelt bahnen sich Kreislaufschock und ein Versagen von Leber, Milz, Darm und Nieren an. Die verletzte Haut ist keine Schutzbarriere mehr, sondern Eintrittspforte für Erreger – eine schwere Sepsis droht. 

Wettlauf gegen die Zeit

Geheizter Notarztwagen, Decken gegen Unterkühlung, Sicherung der Atmung und Sauerstoff gehören zur Erstversorgung, Infusionen bekämpfen den Blutvolumensverlust und werden im Spital fortgesetzt. Der Zustand eines stabil wirkenden Patienten kann sich rasch dramatisch verschlechtern. „Kaum eine Verbrennung verläuft komplikationsfrei“, warnt OA Dr. Herbert L. Haller vom Unfallkrankenhaus Linz. Im Zweifelsfall ist der direkte Transport in ein Brandverletztenzentrum vorzuziehen. 80 Prozent aller Schwerbrandverletzten ab Grad 2b brauchen für ihre Versorgung ein entsprechend ausgestattetes Spezialkrankenhaus. Das UKH Linz etwa verfügt über Verbrennungsintensivbetten mit Klimatechnik und eigenem OP. Pionierleistungen bei der Infektionsbehandlung, bei Hautersatz und Spezialverbänden haben der Behandlungseinheit für Brandverletzte am UKH Linz weltweite Anerkennung eingebracht.

Verbrennungstherapie ist Teamarbeit von intensiv ausgebildeten, perfekt aufeinander abgestimmten und erfahrenen Spezialisten nahezu aller Abteilungen. Sie ist extrem aufwändig und teuer – die Kosten pro Patient können die Millionengrenze sprengen. Die Erfolgsbilanz: Junge Menschen haben eine fast hundertprozentige Überlebenschance, wenn nicht noch andere Schädigungen vorliegen – wie etwa eine Rauchgasvergiftung.

Die Ernährung, ob intravenös oder per Magensonde, muss dem Eiweißdefizit zuvorkommen, das durch die Verbrennungskrankheit entsteht und die Wundheilung beeinträchtigen könnte. Abgestorbenes Gewebe ist ein Risikofaktor für Sepsis und Multiorganversagen und wird in mehreren Operationen entfernt. Die Deckung mit Ersatzhaut erfolgt nach und nach. 

Es geht ums Überleben

Erstes Etappenziel ist der zumindest oberflächliche Verschluss der verletzten Bereiche innerhalb der ersten 20 Tage. Als Infektionsschutz werden sie vorübergehend mit Haut aus der Hautbank abgedeckt. Diese Spenderhaut akzeptiert der Körper allerdings nur begrenzte Zeit.

Für Eigenhautpräparate im Sheetgraft-Verfahren kann Vollhaut von kaum sichtbaren Stellen, wo sie in ihrer vollen Dicke entnommen wird, dienen. Für Spalthaut wird nur eine dünne Schicht abgeschält.

Beim Meshgraft-Verfahren werden in die abgelöste Eigenhaut viele Längsschlitze geschnitten. So kann sie zu einem doppelt so großen Maschengitter gedehnt werden. Vom Rand der transplantierten Hautstege ausgehend heilen neue Zellen ein.

Für ein Micrograft wird das Eigenhauttransplantat auf einer Folie in kleine Quadrate geschnitten und samt Folie auf Abstand gezogen. In die entstandenen Zwischenräume – Vergrößerungsfaktor etwa 1:9 – wächst neue Haut ein.

Zuchthaut aus Stammzellen der Oberhaut hat mehrere Nachteile. Die Herstellung dauert mehrere Wochen, das hauchdünne Gelhäutchen bleibt lange instabil und die neue Haut neigt zu erheblichen Schrumpfungen. Bei oberflächlichen, ausgedehnten Brandverletzungen ist sie aber eine wertvolle Überlebenshilfe.

Maßgefertigte Kompressionsverbände verhindern überschießende Narbenbildung. Physiotherapie und Ergotherapie verhelfen zu neuer Beweglichkeit und Kraft. Die psychologische Begleitung beginnt während des stationären Aufenthalts und kann auch in späteren Lebensphasen wichtig sein. Das äußere Bild ist kein Maß für die Bewältigung der Katastrophe – die tiefsten Narben bleiben oft unsichtbar. Die umfassende Brandverletztentherapie hilft zu leben – jetzt erst recht.

Erste Hilfe

  • Patienten aus Gefahrenlage bringen, Hitzeeinfluss stoppen – das ist die wichtigste Erstmaßnahme
  • Brennend durch die Gegend zu laufen kann ein tödlicher Fehler sein, weil die Luftbewegung das Feuer anfacht. Drop and roll – am Boden rollend die Flammen am Körper ersticken!
  • Nicht festklebende Kleidungsstücke und hautnahe heiße Gegenstände entfernen. Ein sauberes Tuch schützt die Wunde vor Verschmutzungen. Festklebende, verschmorte Kleidung und Objekte mit Wasser so weit abkühlen, bis sie sich kühl anfühlen– das Entfernen ist den Spitalsärzten vorbehalten.
  • 15 bis 30 Grad Celsius ist die ideale Wassertemperatur zum Hitzeentzug und zur Schmerzlinderung. Zu lange Kaltwasseranwendung kann zur Unterkühlung des Patienten und zu Kreislaufkomplikationen führen. Bewusstlose in stabile Seitenlage bringen und Wiederbelebungsmaßnahmen durchführen. 


Klaus Stecher

September 2009

Fotos: UKH-Linz, privat

Kommentar:

Kommentarbild von OA Dr. Herbert L. Haller zum Printartikel „Durchlauferhitzer, die mit fast kochend heißem Wasser betrieben werden, führen immer wieder zu schwersten Verbrühungen. Kinder sind besonders oft betroffen. Es gibt keinen Grund, Brauchwasser auf über 55 Grad zu erhitzen.“
OA Dr. Herbert L. Haller
Unfallkrankenhaus der AUVA, Linz, Präsident der Gesellschaft für Notfall- und Katastrophenmedizin

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020