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Erste Hilfe: Richtig Helfen im Notfall

Erste Hilfe: Richtig Helfen im NotfallDer Notruf bei der Rettungsleitstelle setzt eine Abfolge lückenlos ineinandergreifender Maßnahmen in Gang – von der Ersten Hilfe bis zum Eintreffen von Notarzt und Rettungsdienst und der Weiterversorgung im Krankenhaus. Der Ersthelfer vor Ort ist in dieser Rettungskette das unverzichtbare erste, starke Glied.

Der korrekte Notruf mit möglichst präzisen Informationen ist wichtig, damit die herbeigerufene Rettungsmannschaft weiß, was sie zu erwarten hat. Welches Rettungsmittel entsendet wird, ob am Boden oder in der Luft, liegt im Ermessen des Disponenten in der Rettungsleitstelle. Dieser ist gut geschult, um beim Anrufer beharrlich nachzufragen und rasch wesentliche Umstände des Notfalls zu erfahren, nötigenfalls auch Bergungsgerät mit auf den Weg zu schicken.

Das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch legt ganz klar die Verpflichtung zur Ersten Hilfe fest – je nach Notfallsituation und persönlichen Umständen des Ersthelfers ist sie unterschiedlich zumutbar. Beim Notfallpatienten zu bleiben und gleichzeitig den Notruf abzusetzen, ist im Handyzeitalter sowieso kein Kunststück mehr. Als eine der wichtigsten Erste-Hilfe-Maßnahmen müssen Bewusstlose in die stabile Seitenlage gebracht werden, um die Atemwege frei zu halten, betont OA Dr. Fritz Firlinger, Leiter der Internen Intensivstation am Konventhospital der Barmherzigen Brüder in Linz. Wird dieser Kunstgriff, so wie im Erste-Hilfe-Kurs gelernt, sachkundig angewandt, ist das Risiko einer weiteren Wirbelsäulenverletzung bei Sturzpatienten minimal und im Vergleich zur sonst drohenden Erstickung ohnehin zweitrangig. Grundsätzlich sind gestürzte Personen, insbesondere Epileptiker, vor weiteren Verletzungen zu schützen, etwa indem Möbel aus dem Gefahrenbereich entfernt werden. Der kritischste Notfall aber sind Situationen, wo die Sauerstoffversorgung des Gehirns herabgesetzt oder unterbrochen ist. Herzinfarkt, Ertrinkungsunfall, Lawinenunglück, Giftgasunfälle – oft sind Laienersthelfer mit der dramatischen Situation eines Kreislaufstillstands konfrontiert. Dann zählt jeder Augenblick, denn schon nach drei Minuten kann die unterbrochene Sauerstoffversorgung bleibende Schäden im Gehirn anrichten.


Atmen, Bewusstsein, Kreislauf – diese drei Lebensfunktionen waren nach früher gültigen Erste-Hilfe-Regeln in dieser Reihenfolge penibel zu überprüfen. Heutzutage gelten vereinfachte Richtlinien, nämlich beim reglos liegenden Notfallpatienten nur allgemein nach Zeichen des Lebens zu schauen – ob er sich bewegt, hustet oder atmet. Bei fehlenden Lebenszeichen muss unverzüglich eine ununterbrochene Herzmassage einsetzen. Die Mund-zu-Mund-Beatmung, einst schier unüberwindliche Ekelschwelle in Erste-Hilfe-Kursen und erst recht am Notfallort, ist nach neuen Erkenntnissen gar nicht notwendig, berichtet Dr. Fritz Firlinger.

Notfall-ABC

Allein durch das Zusammenpressen des Brustkorbes 100- bis 120-mal pro Minute wird Luft eingesogen, die wieder Sauerstoff in die Lungen bringt. Die Herzmassage ist so lange durchzuführen, bis der Ersthelfer vom professionellen Rettungsteam abgelöst wird. Bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Stillstand sind das gut gemeinte Zudecken und Warmhalten nicht empfehlenswert – ganz im Gegenteil. Der Sauerstoffmangel wird vom Gehirn bei unterkühltem Körper viel besser toleriert. Diese Erkenntnis, die aus Erfahrungen mit Ertrinkungsopfern stammt, wird seit der Jahrtausendwende in der modernen Notfallmedizin in Österreich zunehmend angewendet. Nach Kreislaufstillstand wiederbelebte Patienten werden beim sogenannten gezielten Temperaturmanagement in der Intensivstation für mindestens 24 Stunden auf 33 Grad Körpertemperatur abgekühlt und dann langsam wieder erwärmt. Defibrillatoren – jene an vielen öffentlichen Plätzen verfügbaren, tragbaren Elektroschockgeräte, die bei einem lebensbedrohlichen Kammerflimmern den Herzmuskel wieder in einen geordneten

Rhythmus versetzen können – sind eine wertvolle, oft lebensrettende Hilfe, aber nach neuester Empfehlung nicht mehr das Mittel der allerersten Wahl. „Einen durch Kammerflimmern stillstehenden Kreislauf mittels Defibrillator wieder in Gang zu setzen, gleicht dem Versuch, ein stehendes Fahrzeug bergauf zu schieben“, erklärt Notfallmediziner Fritz Firlinger. „Einige Minuten Herzmassage entleeren das Blut aus dem Herzmuskel, dann ist der Neustart mittels Defibrillator wesentlich leichter, so als stünde das Vehikel auf ebenem oder abschüssigem Grund.“

Kühlen, aber nicht unterkühlen heißt die Devise bei Verbrennungsunfällen. Kaltes fließendes Wasser, mehrere Minuten auf die Verbrennungsstelle aufgebracht, wirkt schmerzlindernd und hindert den Verbrennungsschaden daran, auch nach dem Entfernen der Hitzequelle noch tiefer vorzudringen. Die Verbrennungsstelle sollte keimfrei abgedeckt werden. Rasches Handeln ist auch bei Kalkverätzungen am Auge geboten – ein typischer Häuslbauerunfall. Wird die Chemikalie nicht sofort binnen Minuten unter fließendem Wasser kräftig ausgespült, droht Erblindung.

Eine schwere Blutung stillen – auch das sollte ein Laie beherrschen. Die Abbindung, früher ein Lieblingsthema im Erste-Hilfe-Kurs, ist risikoreich, weil Nerven und Gefäße geschädigt werden können. Besser ist es, Stoff, Tupfer oder Ähnliches in die Wunde zu drücken und so die Blutung zu stillen wie den Rohrbruch einer Wasserleitung.

Tragische Silo- und Gärkellerunfälle mit Serientoten, Helfer, die auf der Autobahn ums Leben kommen, weil sie Unfallopfer von der Fahrbahn holen wollen – immer wieder kommt es zu solchen Katastrophen, weil beherzte Retter die Gefahr verkennen. Der Notfallmediziner rät eindringlich, die Bergung den Rettungskräften zu überlassen und die Unfallstelle nur abzusichern.

Dass die Bereitschaft, als Ersthelfer ohne zu zögern zuzupacken, stetig zunimmt, führt Dr. Fritz Firlinger auch auf das Bestreben der Rettungsorganisationen zurück, Erste-Hilfe-Empfehlungen laufend zu vereinfachen. Einmal Erste-Hilfe-Kurs beim Führerschein und dann nie wieder – diese Bildungslücke kann sich nämlich bitter rächen. Es könnte der eigene Angehörige sein, der Hilfe braucht, gibt der Linzer Notarzt zu bedenken. Spätestens alle fünf Jahre sollten die Kenntnisse aufgefrischt und aktualisiert werden, um gerüstet zu sein. Nur wenige Stunden sind zu investieren. Üben kann nicht schaden – nur die Herzmassage ist für Trainingszwecke am Partner ungeeignet.

Prinzip Stay-and-Play

Binnen fünf Minuten kann ein Rettungsfahrzeug im städtischen Bereich am Einsatzort eintreffen. Auf dem Land erschwert die schöne Tradition der Hausnamen, die vom Familiennamen abweichen, nicht selten die zielsichere Anreise. „Bitte im eigenen Interesse vor dem Haus auf ausreichende Beschilderung samt Hausnummer achten“, so der Aufruf des erfahrenen Notarztes.

Das sogenannte Scoop-and-Run-Prinzip, wie es früher in der österreichischen Sanitätshilfe üblich war, wird heute beispielsweise noch in den USA praktiziert: Sanitäter mit arztähnlicher Ausbildung packen den Patienten rasch zusammen und bringen ihn in rasender Fahrt ins Krankenhaus. Das moderne österreichische Notarztsystem arbeitet grundsätzlich nach dem sogenannten Stay-and-Play-Prinzip. Das bedeutet, dass der Notarzt zum Patienten kommt, durch erste Behandlungsschritte die unmittelbare Gefahr möglichst bannt, sprich den Patienten stabilisiert, mit Sauerstoff versorgt, Flüssigkeit zuführt, Blutvolumen ersetzt, und ihn erst dann ins Krankenhaus schickt. Wesentlich ist, die Fahrt ins Krankenhaus dem Zustand des Patienten angemessen und schonend zu gestalten. „Wenn der Notarzt seine Arbeit gut gemacht hat, muss man nicht schnell fahren“, versichert Dr. Firlinger. Ausgenommen von dieser Regel sind Schlaganfall- und Herzinfarktpatienten sowie Patienten mit schweren inneren Blutungen – sie müssen auf schnellstem Weg in Spitalsobhut. Beim Herzinfarkt beträgt das Zeitfenster für eine Beseitigung des Blutgerinnsels maximal 90 Minuten, beim Schlaganfall ist es mit 30 bis maximal 60 Minuten noch enger.

Der Schockraum ist eine hochspezialisierte Einrichtung, über die bereits viele, aber längst noch nicht alle Krankenhäuser verfügen. Dort können dringliche Patienten direkt untersucht und wirksam erstbehandelt werden, unterstützt von einem lückenlosen Informationsfluss seitens des Notarztes. Kinder haben in der Notfallmedizin ganz eigene Bedürfnisse. Sie tolerieren Sauerstoffmangel und Abkühlung viel kürzer als Erwachsene, haben ein deutlich höheres Schmerzempfinden und ein wesentlich höheres Bedürfnis an Zuwendung und Beruhigung. Der Notarztwagen, kurz NAW, war vor rund 60 Jahren eine kleine Revolution im Rettungswesen – ein rollendes Spital, besetzt mit Fahrer, zusätzlichem Sanitäter und Notarzt, geräumig genug, um den Patienten vor Ort zu behandeln und anschließend gemeinsam ins Spital zu bringen. Flächendeckend wird der NAW immer mehr abgelöst vom NEF, dem Noteinsatzfahrzeug in Pkw-Dimension, mit dem der Notarzt samt einem Sanitäter flexibler und rascher als mit dem NAW von einem Einsatzort zum nächsten eilen kann. Der Patient wird nach der Erstversorgung unabhängig vom NEF im zeitgleich entsendeten Rettungsauto weitertransportiert, je nach Erfordernis mit oder ohne NEF-Begleitung. Eingespart wird pro Rettungseinheit ein Sanitäter, aber nicht an der Versorgungsqualität für den Patienten. Ob NAW, NEF oder Rettungshubschrauber – die technische Ausstattung ist ident mit Defibrillation, Monitoring, Beatmungstechnik und einer Reihe von Apparaten und Medikamenten für kleine und mittelgroße Eingriffe, etwa um den Brustraum von Blut zu befreien und eine Beatmung zu ermöglichen. Es sind nicht die räumlichen Ausmaße, die Leben retten, sondern das ärztliche Knowhow, das Können der Notfallsanitäter und Flugretter, betont Fritz Firlinger.

Polytrauma

Vom Zeitgewinn durch einen Hubschraubertransport profitieren am meisten Schlaganfallpatienten und Unfallopfer mit Polytrauma. Dieser Begriff steht für Mehrfachverletzungen, von denen mindestens eine – meist ist es eine schwere Schädelverletzung – lebensbedrohlich ist. Eine besondere Herausforderung für Notfallmediziner sind Massenunfälle. In kürzester Zeit ist nach dem Prinzip der sogenannten Triage die Behandlungsdringlichkeit festzulegen: Nach einer Minute Untersuchung für sitzende oder gehende Patienten und drei Minuten für liegende Patienten werden diese nach vier Schweregraden eingeteilt – diejenigen mit den offensichtlich schlechtesten Überlebenschancen werden in Warteposition gestellt, um die Überlebenschancen der weniger schwer Verletzten zu wahren. Die vergangenen ein, zwei Jahrzehnte haben viele erstaunliche Fortschritte in der Notfallmedizin gebracht – wie etwa die Wiedereröffnung der Gehirngefäße nach einem Schlaganfall mittels neuer Medikamente und Instrumente. Die Beatmung kann heute wesentlich schonender erfolgen als früher. Die Entwicklung geht weiter. Medikamente zur raschen Blutstillung bei großen Verletzungen werden derzeit aus der Militärmedizin übernommen. Kompressionsgeräte zur unterbrechungsfreien Herzmassage werden die Wiederbelebungsqualität steigern. Die Gesellschaft wird sich auch in Zukunft eine hochwertige Notfallmedizin leisten wollen, hofft OA Dr. Firlinger, damit „Notärzte dort hinkommen, wo die Menschen sie brauchen“.

Klaus Stecher
August 2013


Foto: Bilderbox, privat

Die fünf „W“ des Notrufs

Erste Hilfe: Richtig Helfen im NotfallWo ist der Notfall eingetreten?
Was ist passiert?
Wann ist es geschehen?
Wie ist es passiert?
Wer ruft an?

Nicht verfrüht auflegen – der Disponent in der Rettungsleitstelle ist es, der das Gespräch beendet.

Notruf 144

Rotes Kreuz und Samariterbund, beide erreichbar unter der einheitlichen Nummer 144 – alternativ unter dem Euro-Notruf 112 –  sie sind die bewährten Rettungsdienste. Johanniterorden und Malteserhilfsdienst sind nicht in ganz Österreich, sondern nur regional aktiv. Zuletzt hat auch die Flugrettung des ÖAMTC den Status einer gesetzlich anerkannten Rettungsorganisation zugesprochen erhalten.

Schnee von gestern

Einem Ohnmächtigen einen kräftigen Faustschlag gegen die Brust versetzen – dieser früher verbreitete Ratschlag ist aus den Erste-Hilfe-Lehrbüchern gestrichen, ebenso wie der bekannte Heimlich-Griff, der mit einem Druck in die Magengrube einen Bissen aus der falschen Kehle befördern sollte. Wer sich verschluckt hat, dem soll man besser auf den nach vorn gebeugten Oberkörper fest zwischen die Schulterblätter klopfen.

Rettungsgasse

Die Rettungsgasse wäre grundsätzlich eine gute Idee, sagt Profi Fritz Firlinger: „Wenn sich alle daran halten würden.“ Bislang scheitert sie oft an denjenigen, die meinen, sie wäre für sie gemacht, und in der Mitte vorpreschen. Dabei sollte man bedenken, dass ein Rettungsfahrzeug, das sich im Schritttempo durchkämpfen muss, für zwei Kilometer wertvolle 30 Minuten braucht. Das kann Leben kosten.

Erste-Hilfe-Tipps auf DVD:

Viele Erste-Hilfe-Tipps finden Sie auf der DVD „Erste Hilfe bei Notfällen mit Kindern“. Mit dem Preis von 19,90 € (samt Versand) unterstützen Sie das Rote Kreuz. Zu beziehen über das Rote Kreuz oder im Internet: www.leben-retten.at

Kommentar

Erste Hilfe: Richtig Helfen im Notfall„Aus 25 Jahren Notarzttätigkeit kenne ich keine Situation, wo ein Ersthelfer Schaden angerichtet hätte. Der größte Fehler, den ein Laienersthelfer begehen kann, ist, nichts zu tun. Der zweitgrößte Fehler ist, sich selbst in Gefahr zu bringen. Helfen mit Herz ist gut. Helfen mit Hirn ist besser.“
OA Dr. Fritz Firlinger
Leiter der Internen Intensivstation im KH Barmherzige Brüder, Linz

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020