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Stich ins Kreuz

Kreuzstich vor einer OperationDie Periduralanästhesie bietet eine Reihe von Vorteilen. Die rückenmarksnahen Anästhesieverfahren - allgemein als Kreuzstich bekannt - kommen immer öfter nicht nur während einer Operation zum Einsatz, sondern werden auch danach in der Schmerzbehandlung eingesetzt. Ihre Vorteile können sie ganz besonders bei Kindern und alten Menschen ausspielen.

Das Prinzip des Kreuzstichs ist recht klar und erklärt sich schon aus dem Namen. Mit einer Nadel wird — unter lokaler Betäubung — zwischen zwei Wirbeln rund vier bis fünf Zentimeter in den Wirbelkanal eingedrungen. Mit dorthin eingespritzten Schmerz- und Betäubungsmitteln werden die zum Rückenmark führenden Nerven für eine begrenzte Zeit ausgeschaltet — und damit in einer bestimmten Körperregion alle Schmerzempfindungen. Während der Patient bei vollem Bewusstsein ist, kann an der stillgelegten Stelle operiert werden.

Ganz so einfach ist die Sache in der Realität natürlich nicht. Je nach Fall kommt die Periduralanästhesie (PDA) oder die Spinalanästhesie zum Einsatz. Bei Ersterer wird das Mittel in den Raum injiziert, der um das von einer harten Haut geschützte Rückenmark liegt. Wird diese „Dura mater“ genannte Haut mit einer dünneren Nadel durchstochen und werden die Lokalanästhetika direkt in die Nervenflüssigkeit eingeleitet, spricht man von Spinalanästhesie. Univ.-Prof. Dr. Michael Zimpfer, der Leiter der Abteilung für Allgemeine Anästhesie und Intensivmedizin an der Universität Wien: „Die Spinalanästhesie hat den Vorteil, dass sie sehr rasch wirkt. Für eine längere Wirksamkeit ist das Verfahren derzeit allerdings noch nicht vollständig ausgereift.“


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1 Rückenmarksnerven
2 harte Rückenmarkshaut („Dura mater“)
3 Periduralraum
4 tastbare Dornfortsätze
5 Wirbelkörper
6 Bandscheibe


Der „Kreuzstich“ hat sich vor allem bei größeren orthopädischen, urologischen und gynäkologischen Operationen bewährt. In Kombination mit einer Vollnarkose wird er aber auch bei großen Eingriffen im Brustraum angewandt. 

Kombination mit Vollnarkose

In den meisten Fällen wird es sich bei einem „Kreuzstich“ somit um eine Periduralanästhesie, auch Epiduralanästhesie genannt, handeln. Eingesetzt werden kann sie prinzipiell für alle Eingriffe „vom Nabel abwärts“. Wobei diese Regel nicht ausnahmslos gilt, so Professor Michael Zimpfer: „Es gibt für die Periduralanästhesie auch neuere Möglichkeiten im Brustraum, sowohl allein als auch in Kombination mit einer Vollnarkose. Zum Beispiel bei Serienrippenbrüchen oder bei Herzoperationen gibt es gute Ergebnisse.“ Ein in den Periduralraum gelegter Katheter kann auch nach der Operation für eine moderne Schmerzbehandlung genutzt werden, indem wohldosiert Schmerzmittel eingeleitet werden. Vor allem in der postoperativen Schmerzbehandlung von Kindern tritt diese Methode immer mehr in den Vordergrund. Michael Zimpfer: „Damit kommen wir unserem Ziel sehr nahe, dass Eingriffe weitestgehend schmerzfrei durchgeführt werden sollen.“

Die Vorteile der Periduralanästhesie liegen auf der Hand: Die Anästhetika werden nur lokal eingesetzt und kommen nur in sehr geringem Ausmaß in den Blutkreislauf. Die Patienten können selbst atmen und brauchen somit nicht zusätzlich beatmet werden — und sie können nach der Operation schon sehr viel früher wieder essen und trinken als nach einer Vollnarkose. Zudem entfällt das Narkose-Risiko POCD, eine geistige Verwirrtheit, die im Anschluss an eine Vollnarkose vor allem ältere Patienten befallen kann.

Natürlich ist auch die Periduralanästhesie nicht frei von Risiken und Nebenwirkungen. So kann es etwa zu Kreislaufproblemen kommen, die jedoch vom Anästhesisten beherrschbar sind. Je nach dem Einsatzort der Periduralanästhesie können auch Nerven betäubt werden, die für die Blase zuständig sind. Das kann zu einer vorübergehenden Störung der Entleerungsfunktion führen und einen Katheter notwendig machen. Manchmal werden beim Einstechen in den Periduralraum Blutgefäße verletzt, was allerdings nur im Fall einer herabgesetzten Gerinnung zu Problemen führen könnte. Deshalb wird die Blutgerinnung vor dem Eingriff untersucht und es müssen gerinnungshemmende Medikamente abgesetzt werden. Nervenfasern werden nur sehr selten verletzt, weil sie im Wirbelkanal eher seitlich verlaufen und die Hohlnadel normalerweise in der Mitte eingestochen wird. In seltenen Fällen kann es zu Entzündungen kommen.

Gefürchtet ist der so genannte postspinale Kopfschmerz, der nicht immer vermieden werden kann. Wird nämlich bei einer Periduralanästhesie die relativ dicke Hohlnadel zu weit eingestochen, verletzt sie die „Dura mater“, durch das Loch tritt dann Nervenflüssigkeit aus. Das und die Irritation der Gehirnhaut verursachen lageabhängig, vor allem beim Stehen, einen unter Umständen sehr starken Kopfschmerz, der einige Tage anhalten kann. Prinzipiell ist diese Komplikation aber behandelbar.


Heinz Macher

Jänner 2008


Foto: shutterstock, deSign of Life, privat 

Kommentar:

Kommentarbild von Univ.-Prof. Dr. Michael Zimpfer zum Printartikel „Der Kreuzstich leistet nicht nur bei vielen Operationen wertvolle Dienste. Immer mehr wird er auch in der modernen Schmerztherapie eingesetzt – zum Beispiel verstärkt bei der schmerzfreien Behandlung von Kindern.“Univ.-Prof. Dr. Michael Zimpfer
Leiter der Abteilung für Allgemeine Anästhesie und Intensivmedizin, Universität Wien www.zimpfer.at

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020