DRUCKEN

Inkontinenz: Ein stilles Leiden

Inkontinenz - Ein stilles LeidenEs gibt viele Betroffene, doch die wenigsten wagen es, darüber zu sprechen. Die Rede ist von der Harninkontinenz oder Blasenschwäche – eine Erkrankung, die mit vielen Tabus behaftet ist. Welche Personen hauptsächlich davon betroffen sind und was man selbst gegen die Beschwerden tun kann, erklärt Universitätsprofessor Dr. Helmut Madersbacher, Leiter der neuro-urologischen Ambulanz am Landeskrankenhaus Innsbruck.

 

„Betroffene sollen darüber reden und nicht darunter leiden.“ Damit will Madersbacher auf die starke Tabuisierung der Harnkontinenz aufmerksam machen. Immerhin sind knapp eine Million Österreicher davon betroffen. Jede fünfte Frau und jeder zehnte Mann erkranken im Laufe ihres Lebens an Harninkontinenz. Im mittleren Lebensalter leiden vor allem Frauen unter der Erkrankung, was einerseits auf die Geburten und eine Beckenbodenschwäche und anderseits auch auf die Menopause zurückgeführt werden kann. Grundsätzlich gilt jedoch: „Je älter, desto häufiger erkrankt man an Harninkontinenz“, so Madersbacher.

 

 

Tabuisierung des Themas

Betroffene Personen suchen zumeist erst relativ spät einen Arzt auf, weil sie Angst haben, über ihr Problem zu sprechen. Nicht selten leiden sie mehrere Jahre unter der Blasenschwäche, bis sie sich an einen Spezialisten wenden. Damit erweisen sie sich jedoch nichts Gutes. „Je früher mit der Behandlung begonnen wird, desto besser sind die Erfolgsaussichten“, sagt Madersbacher und appelliert zum frühen Aufsuchen eines Spezialisten. Viele Patienten wagen sich nicht mehr aus dem Haus, weil die Aussicht, eine Stunde lang nicht auf die Toilette gehen zu können, unvorstellbar ist. In Extremfällen kann das zu großer Einsamkeit und sogar zu Depressionen führen.

 

Formen der Inkontinenz

„Es gibt zwei hauptsächliche Formen der Harninkontinenz: Eine Schließmuskelschwäche und eine Funktionsstörung der Harnblase“, erklärt Madersbacher. Bei der Belastungsinkontinenz beziehungsweise Schließmuskelschwäche kommt es zum unfreiwilligen Urinverlust beim Husten, Nießen oder Lachen, ohne dass man jedoch einen Harndrang verspürt. Die zweite große Form ist die überaktive Blase, bei der die Betroffenen einen überdurchschnittlich großen Harndrang sowohl am Tag als auch in der Nacht verspüren. „Der Harndrang kann so stark sein, dass man vor dem Aufsuchen der Toilette bereits einige Tropfen verliert“, erklärt der Mediziner. Daneben gibt es noch eine weitere Form der Inkontinenz, die sogenannte Überlaufinkontinenz, unter der vor allem ältere Menschen leiden. Bei dieser Form kann die übervolle Blase nicht mehr richtig entleert werden.

 

Risikofaktoren

Zu den Risikogruppen zählen Personen, die rauchen oder übergewichtig sind. Daneben spielt auch die Ernährung eine entscheidende Rolle. Denn wer chronisch verstopft ist, hat ebenfalls ein höheres Risiko an Harninkontinenz zu erkranken, da das ständige Pressen dem Beckenboden schadet. Zudem reagieren einige Menschen besonders empfindlich auf Kaffee, Tee oder Kohlensäure. „Einige Betroffene trinken zu wenig beziehungsweise auch zu viel.“ Wesentlich ist hier, dass man 1,5 bis zwei Liter pro Tag ausscheidet.

 

Behandlungsmöglichkeiten

Die häufige Annahme, dass eine Blasenschwäche im zunehmenden Alter unvermeidlich ist und man nichts dagegen unternehmen kann, ist falsch. Zur Behandlung einer Belastungsinkontinenz empfiehlt Madersbacher gezielte Beckenbodengymnastik, um die schwache Muskulatur wieder zu stärken. „Dies sollte jedoch unbedingt unter Anleitung und Kontrolle eines Physiotherapeuten geschehen. Dann sind die Erfolge sehr gut.“ Bei 70 Prozent der Betroffenen führt regelmäßiges Training zu einem Abklingen oder einer deutlichen Besserung der Beschwerden. Zudem besteht die Möglichkeit eines minimalinvasiven operativen Eingriffs, bei dem ein Kunststoffband unter die Harnröhre gelegt wird. Wie bei jeder Operation können auch dabei Komplikationen auftreten, weshalb Madersbacher Beckenbodentraining einem Eingriff vorzieht.

 

„Bei der Dranginkontinenz empfiehlt sich eine Verhaltenstherapie beziehungsweise ein Toilettentraining“, so Madersbacher. Ziel des Toilettentrainings ist, den optimalen Zeitpunkt der Blasenentleerung zu ermitteln. Die Blase soll also trainiert und in weiterer Folge wieder kontrolliert werden können. Betroffene lernen dabei, den richtigen Moment zu finden, um auf die Toilette zu gehen, bevor der Harndrang einsetzt. Zudem können bestimmte Medikamente eingesetzt werden, die die überaktive Blase entspannen. „Eine Operation wird hier meist nur bei jungen Menschen durchgeführt, die sehr darunter leiden.“

 

Maßnahmen zur Selbsthilfe

Der Mediziner empfiehlt, dass Betroffene möglichst aktiv bleiben und Übergewicht vermeiden. Gerade Frauen können durch rechtzeitige Beckenbodengymnastik eine mögliche Schwäche vorbeugen. Darüber hinaus rät der Leiter der neuro-urologischen Ambulanz: „Achten Sie auf die drei ‚L‘: lachen, lieben, laufen.“ Vorsicht ist jedoch ebenfalls geboten, denn bei der „Selbstversorgung“ werden häufig Fehler mit billigen Einlagen, Stofflappen oder Schwämmen gemacht. Dadurch steigt jedoch das Risiko, Entzündungen zu bekommen. Medizinische Einlagen sind daher dringend zu empfehlen.

 

Nähere Informationen zu der Erkrankung bzw. zu den einzelnen Beratungsstellen erhalten Sie auf der Internetseite der Medizinischen Kontingenzgesellschaft Österreich (MKO) unter www.inkontinenz.at.

 

Mag. Birgit Koxeder

November 2008


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020