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Rückenschmerzen: Ischias und Hexenschuss

Frau mit RückenschmerzenIschialgie heißt der ins Bein ausstrahlende Schmerz – ausgehend vom Ischiasnerv, wenn ein Bandscheibenvorfall ihn bedrängt, einklemmt, reizt, zur Entzündung führt. Kreuzschmerzen alias Lumbago oder Hexenschuss beschränken sich dagegen eher auf die Wirbelsäule und sind meist Folge von Veränderungen an den Wirbeln selbst. Ischialgie und Rückenschmerzen kommen durchaus im Tandem vor und mindern jedenfalls die Lebensqualität massiv.


Der Ischiasnerv ist eigentlich ein ganzes Nervenbündel. Er entspringt einem Geflecht aus vielen Nervenwurzeln, die den Rückenmarkskanal über kleine Öffnungen in den letzten vier Lenden- und ersten drei Kreuzbeinwirbeln verlassen. Von dort zieht der stellenweise fingerdicke Ischiasnerv durch das Becken zum Gesäß und zur Oberschenkelrückseite und verzweigt sich in Richtung Kniekehle und Sprunggelenk. Er ist der kräftigste und längste Nerv des Körpers.


Vom Ischiasnerv ausgehende Schmerzen, Muskelschwächen und Empfindungsstörungen sind je nach betroffener Region bestimmten Wirbelsäulensegmenten zuzuordnen. So kann etwa ein Bandscheibenvorfall im vierten Lendenwirbel Schmerzen im vorderen Oberschenkel verursachen. Typisch für den Ischiasschmerz ist, dass er durch Dehnung zum Beispiel bei Hüftbeugung, durch Husten oder Niesen schlimmer wird. Im Lendenwirbel- und Kreuzbeinbereich liegen auch jene zum Ischiasnerv gehörenden Nervenwurzeln, die die Blasen- und Darmfunktion steuern. Wenn sie unter Druck geraten, können Blasen- oder Stuhlentleerungsstörungen eintreten, weiß der Neurochirurg Dr. Alfred Olschowski von der Landes- Nervenklinik Wagner-Jauregg, Linz. Als Piriformis-Syndrom wird die Reizung des Ischiasnervs durch einen birnenförmigen Muskel am Gesäß bezeichnet. Der Muskeldruck löst einen von der Hüfte ausgehenden Ischiasschmerz aus, der sich ähnlich anfühlt wie ein Bandscheibenvorfall.


Verschleiß an den Bandscheiben, degenerative Veränderungen an den Wirbeln selber – sie sind wahrscheinlich der Grund für die sogenannten Spondylophyten. Das sind Knochenzacken am Wirbel, mit denen der Körper Abnutzungen vergeblich reparieren will. Mit zunehmender Größe gehen die Spondylophyten mit schmerzhaften Bewegungseinschränkungen einher und tragen auch bei zu einer Verengung des Wirbelkanals, einer sogenannten Wirbelkanalstenose.


Ein Kribbeln im Bein und Schmerzen beim Gehen oder Stehen, Schmerzausstrahlung in beide Beine bei Belastung, eine verkürzte Gehstrecke – so äußert sich diese Wirbelkanal- oder Spinalstenose. Die Durchgangsöffnung für die Nervenfasern, die aus dem Rückenmark münden, verengt sich mit zunehmendem Alter durch vergrößerte Knochenanteile und verdicktes Bindegewebe. Durch die Einengung des Wirbelkanals kommt es zu einer Bedrängung der Nervenfasern und zu den typischen Symptomen.


Die Spondylolisthese ist eine Instabilität im Bereich eines sogenannten Bewegungssegments. Zwei benachbarte Wirbel verschieben sich gegeneinander. Dieses sogenannte Wirbelgleiten kann durch ein fehlgebildetes Wirbelgelenk von Geburt an bestehen oder durch Abnutzung im Laufe des Lebens auftreten. Durch die so entstehende Einengung des Wirbelkanals wird Druck auf die Nervenwurzeln ausgeübt.


Einer der häufigsten Schmerzzustände ist das Facettensyndrom, ein ebenfalls bewegungsabhängiger Rückenschmerz, bedingt durch zunehmenden Verschleiß an den Wirbelgelenken, die schmerzhaft auf Druck reagieren.


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Gleich zum Arzt

Ein wahres Kreuz ist es auch mit dem Iliosakralgelenk. Dieses durch Knorpelfasern und Bänder sehr straff gehaltene Gelenk überträgt das gesamte Gewicht des Rumpfes auf das Becken. Reizungen und Entzündungen im Iliosakralgelenk infolge von Alter, Fehlbelastungen oder hormonellen Veränderungen können zu Kreuzschmerzen führen, die auch ins Bein ausstrahlen.


Morgensteifigkeit und Startschwierigkeiten nach längerem Sitzen oder Liegen sind immer ein Hinweis auf degenerative Vorgänge. Dr. Olschowski rät zu einer frühen Therapie, um Entzündungen im Körper zu bekämpfen, Verschleißprozesse zu verlangsamen und vor allem den Schmerz zu lindern. Ischiassymptome wie eine Beinschwäche oder ein Taubheitsgefühl im Vorfußbereich sind sofort abzuklären, um Lähmungserscheinungen zuvorzukommen. Probleme bei der Blasen- und Stuhlkontrolle sind Anlass für einen sofortigen Arztbesuch. Neben der Computer- und Magnetresonsanztherapie ist auch das Elektromyelogramm – kurz EMG – ein wichtiges Instrument zur Funktionsprüfung der Nervenbahnen in den Extremitäten. Bei Verdacht auf infektiöse Ursachen ist nicht nur ein Bluttest sinnvoll, sondern auch eine Untersuchung der Rückenmarksflüssigkeit.


Graphik eines Skeletts mit Text

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Mikrochirurgie

Leichte Massagen, Unterwassertherapien, Haltungstraining, alles, was die Rückenmuskeln stärkt und entspannt, Strom und Ultraschall gehören zum breiten Spektrum der physikalischen Therapie. Die meisten Patienten empfinden Wärmeanwendungen als wohltuender als Kälte. Streckbehandlungen gegen den Bandscheibenvorfall sind für die sowieso strapazierten Nervenwurzeln ungünstig – sie könnten schlimmstenfalls zur Lähmung führen, warnt der Linzer Neurochirurg. Bettruhe darf nur eine kurzfristige Entlastung sein – längeres Liegen behindert den Genesungsprozess. Entzündungshemmende, schmerzstillende Medikamente sind zunächst meist der größte Trumpf, zum Einnehmen, in Salbenform – oder als Infiltrationen. Dabei werden unter CT-geführter Kontrolle ein Schmerzmittel und eine geringe Dosis Cortison bei örtlicher Betäubung direkt in die Schmerzquelle eingespritzt. Wenn selbst eine Wiederholung keinen Erfolg bringt, steht die Operation zur Diskussion. Jeder neurochirurgische Eingriff an der Wirbelsäule ist ein Leistungsbeweis der Mikrochirurgie. Er wird möglichst schonend, also minimalinvasiv mit nur kleinen Hautschnitten, durchgeführt. Bei Bandscheibenvorfällen wird meist nur jener Bandscheibenteil entfernt, der in den Wirbelkanal drückt. Instabile Wirbel werden stabilisiert und miteinander verschraubt, verengte Wirbelkanäle erweitert, störende Knochenstrukturen entfernt, Platzhalter und Versteifungen aus Kunststoff oder Titan eingesetzt – je nach Bedarf. 80 Prozent der Patienten sind mit dem Operationsergebnis hochzufrieden, berichtet OA Dr. Olschowski. Laut Statistik gleichen sich die Beschwerdebilder zwar mit oder ohne Eingriff nach zehn Jahren an – die erfolgreiche Operation kann demnach aber immerhin zehn Jahre Schmerzen ersparen.  


Übergewicht ist ebenso rückenfeindlich wie Bewegungsmangel, Haltungsfehler beim Sitzen, Stehen und Gehen sowie falsches Bücken mit rundem Rücken und körperferner Last. Nicht jeder Sport ist gesund. Die vornübergebeugte Rennradhaltung oder die heftigen Stöße beim hippen Freestylesport Skicross sind beispielsweise Gift für den Bewegungsapparat, während etwa Rückenschwimmen die Wirbelsäule entlastet und die Rückenmuskeln stärkt. 


Klaus Stecher

Oktober 2014


Foto: shutterstock, privat


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Kommentar

Kommentarbild von Dr. Alfred Olschowski zum Printartikel „Das Risiko bei einer Bandscheibenoperation ist gering – etwa vergleichbar mit dem einer Blinddarmentfernung. Wenn sich durch eine konservative Therapie eine Erleichterung ergibt, wird man mit einem chirurgischen Eingriff auf jeden Fall zuwarten.“
Dr. Alfred Olschowski
interimistischer Leiter der Abteilung für Neurochirurgie, Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg, Linz


Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020