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Leistenbruch: Operation beugt Komplikationen vor

Frau hält den Hände auf die LeisteLeistenbrüche sind in der Regel harmlos, sie werden aber zumeist operiert, um eine Ausweitung des Bruches und daraus folgende Komplikationen zu verhindern. Neue Techniken bergen eine extrem niedrige Komplikationsrate.

Rund 40.000 Österreicher werden jährlich an den Leisten operiert. Bei einem sogenannten Leistenbruch (Leistenhernie) bricht kein Knochen, sondern es wird Gewebe durchstoßen. Auf die Leistenregion wird ständig Druck ausgeübt - durch husten, niesen und körperliche Tätigkeiten drücken die Bauchorgane auf den Leistenbereich. Normalerweise hält das Bindegewebe der Leistenregion diesem Druck stand, denn sie ist mit Muskeln und Sehnen durchzogen. Gibt sie dem Druck nach, dann können Bereiche der Bauchwand durchbrechen und in der Leiste einen sogenannter Bruchsack bilden. Dieser kann dann Teile des Darms oder andere Eingeweide enthalten.


Äußerlich bildet sich eine Ausstülpung, die als Vorwölbung oder „Beule“ tastbar und sogar sichtbar wird. Weitere Symptome sind ziehende Schmerzen im Stehen oder bei körperlicher Belastung in der Leistengegend, bei fortgeschrittenem Bruch auch Übelkeit.Leistenbrüche liegen in der Regel einseitig vor, sie können aber auch beidseitig auftreten. Brüche können schon bei Säuglingen auftreten, in der Mehrheit der Fälle treten sie jedoch ab einem Alter von 35 Jahren bis hin ins hohe Seniorenalter auf. „Tritt ein Leistenbruch schon in der Kindheit auf, ist ein neuerlicher Bruch in den ersten 10 bis 15 Jahren nach dem ersten Bruch nicht auszuschließen, in noch späteren Jahren ist eine Wiederholung sehr selten“, erklärt Primar Univ.-Prof. Dr. Klaus Emmanuel, Leiter der chirurgischen Abteilung der Barmherzigen Schwestern in Linz.


Auch Sportlern, vor allem Fußballern, ist diese Problematik nicht unbekannt. Man spricht hier häufig von „Sportlerbruch“, auch wenn man nicht immer weiß, welches Problem genau vorliegt: Schmerzen in der Leiste können auf vielerlei Verletzungen hindeuten. „Sieht man sich die Sache genauer an, liegt zwar in der Regel ein Leistenbruch vor, insgesamt tritt er bei Sportlern aber nicht häufiger, sondern nur früher auf als beim Rest der Bevölkerung“, sagt Emmanuel. 


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Ursachen 

In den meisten Fällen ist eine Bindegewebsschwäche verantwortlich. Sie kann angeboren sein oder sich im Laufe der Jahre entwickeln. Männer sind wesentlich häufiger betroffen als Frauen. Der Grund dafür liegt in der Hodenwanderung während der Embryonalzeit. Die Hoden befinden sich zunächst im Bauchraum des männlichen Embryos und durchwandern die Bauchdecke in Richtung Hodensack. Dabei hinterlassen sie eine Sollbruchstelle, also eine geschwächte Stelle, die im Laufe der Zeit durchbrechen kann.„Entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass man sich einen Leistenbruch zumeist durch Heben schwerer Gegenstände zuzieht, ist das tatsächlich nicht der Fall. Man merkt den Bruch jedoch häufig dann, wenn man schwere Gegenstände hebt“, klärt der Primar auf. Ein Durchbruch in der Leiste geschieht also nicht schnell oder ruckartig, wie man es bei einem Bruch durch Heben vermuten würde, sondern er geht sehr langsam vor sich. Im Laufe der Zeit dehnt sich die Öffnung des Leistenkanals auf etwa drei Zentimeter Durchmesser, wobei Teile des Darms in die Leistenregion durchschlüpfen können. 


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Operationstechniken weiterentwickelt 

„Die Geschichte operativer Behandlungsmethoden von Leistenbrüchen ist lang. Bereits aus dem 16. Jahrhundert sind Berichte von Bruchschneidern bekannt, deren Erfolge allerdings bescheiden gewesen sein dürften, viele sind daran gestorben“, sagt Emmanuel. In den letzen Jahrzehnten wurden Brüche meist zusammengenäht, die genähten Brüche brachen jedoch häufig wieder auf. Die früher häufig verwendeten Bruchbänder empfehlen Ärzte heute nicht mehr. Ein Band wurde dabei außen um die Leistenregion gespannt, um den Bruchinhalt in den Leistenkanal zurück zu drücken. Der Leistenbruch wurde damit aber nicht behoben und die Bauchwand langfristig geschwächt.


Mit Weiterentwicklung der Technik entstanden spezielle Netze, die ins Gewebe eingenäht wurden, um ein Wiederaufbrechen zu verhindern. Der Nachteil: Weil häufig auch Nerven mit eingenäht wurden, traten häufig chronische Schmerzen auf. Die Methode mit dem Netz wurde nun weiterentwickelt, statt das Netz festzunähen, wurden leichtere Kunststoffnetze entwickelt, die mittels körpereigenem Gewebekleber eingeklebt werden. Der Vorteil: Kleine Narben und keine bleibenden Schmerzen. „Klammern und Nähte haben in modernen Operationssälen weitgehend ausgedient. Es gibt auch eine weitere neue Technik: Statt eines Klebers haftet sich dabei das Netz mittels winziger Häkchen, vergleichbar einem Klettverschluss, an das Gewebe“, erklärt der Chirurg.


Während man in den USA mit Operationen zurückhaltender ist, werden in Europa fast alle Leistenbrüche operiert. „Ein Leistenbruch ist meist ungefährlich und eine Operation in vielen Fällen nicht zwingend nötig. Dennoch ist eine Operation in der Regel sinnvoll, weil sich Brüche ohne Behandlung vergrößern und dadurch das Risiko steigt, dass Darmschlingen abrutschen, sich einklemmen und abgequetscht werden. Diese Komplikation schmerzt nicht nur, sondern sie ist ein echter Notfall, der sofort operiert werden muss“, sagt Emmanuel. 


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Operationsmethoden 

Je nach Art und Umfang des Leistenbruchs stehen verschiedene Methoden einer Operation zur Verfügung. Entweder wird offen operiert (das heißt mit einem großen Schnitt) oder „durch das Schlüsselloch“. Immer hat die Operation das Ziel, den Leistenbruch zu verschließen.


Lichtenstein-Technik: Sie ist die offene Standardmethode bei einem einseitigen Bruch und bei einem ersten Bruch und ebenso bei einem größeren Bruch. Der Chirurg stabilisiert den Bruch mit einem speziellen Kunststoffnetz, das von außen eingebracht wird. Er legt es über die Bruchstelle und vernäht das Netz. Eine Vollnarkose ist nicht unbedingt nötig, eine örtliche Betäubung reicht aus. Das Risiko für einen erneuten Bruch ist gering. Ein möglicher Nachteil: Da das Kunststoffnetz als Fremdmaterial im Körper bleibt, sind Unverträglichkeitsreaktionen möglich. „Es kommt jedoch sehr selten vor, dass der Körper auf die modernen Netze empfindlich reagiert“, sagt der Chirurg.


Minimal-invasive Methoden: Wenn ein wiederholter oder ein beidseitiger Bruch vorliegt sowie auf Wunsch des Patienten, wird die Schlüssellochmethode angewandt. Minimal-invasiv bedeutet, dass nur winzige Schnitte gesetzt werden. Der Chirurg führt über die kleinen Bauchschnitte ein Endoskop (Schlauchgerät mit eingebauter Minikamera) und die nötigen Instrumente ein und schiebt sie bis zum Leistenbruch vor. Das Kunststoffnetz wird dabei von innen eingebracht, um das Bruchloch zu verschließen. „Die Schlüssellochmethode ist nicht die bessere und schonendere Operationsmethode, sie ist dem offenen Schnitt gleichwertig. Es gilt im Einzelfall gemeinsam mit dem Patienten abzustimmen, welche Methode angewandt wird“, erklärt Emmanuel. Bei der Schlüssellochmethode wird unter Vollnarkose operiert. Bei einer offenen Operation kann unter örtlicher Betäubung operiert werden. „Ich empfehle aber in den meisten Fällen eine Vollnarkose“, erklärt Primar Emmanuel. Kinder werden in der Regel ambulant operiert. Ein Klinikaufenthalt bei Kindern ist nur bei einem komplizierten Bruch angebracht, etwa wenn ein Teil des Darms bereits verrutscht und eingeklemmt ist. Erwachsene werden dagegen zumeist stationär, also im Rahmen eines Klinikaufenthaltes operiert. 


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Heilungsdauer 

Leistenbruchoperationen bergen eine extrem niedrige Komplikationsrate. Die Dauer der Heilung nach einer Operation hängt von Alter, Vorerkrankungen, Art des Leistenbruchs und Art des Eingriffs ab. Die Wunde auf der Haut heilt zwar schnell ab, aber die innere Wunde benötigt einige Wochen bis sie abgeheilt ist. Operierte müssen sich daher die ersten Wochen nach der Operation körperlich schonen. Leichte körperliche Tätigkeiten wie Schwimmen, Joggen, Laufen und Radfahren dürfen frühesten nach zwei Wochen begonnen werden, schwere körperliche Tätigkeiten sollten bis zu acht Wochen unterlassen werden. 


Dr. Thomas Hartl

September 2014


Foto: shutterstock

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020