DRUCKEN

Prostata: Nach dem Eingriff

Portrait eines MannesVerfeinerte Methoden mindern OP-Folgen. Die Diagnose Prostata-Karzinom ist für jeden Mann ein Schock. Die Heilungschancen sind zwar hoch, doch die Angst vor den Folgeerscheinungen – Inkontinenz und Impotenz – bleibt. Durch verfeinerte Operationsmethoden und Behandlungsmöglichkeiten haben sich die negativen Auswirkungen deutlich reduziert.

 

Das Prostata-Karzinom ist die häufigste Krebserkrankung bei Männern und hat sich in den vergangenen 20 Jahren aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung mehr als verdoppelt. Jeder sechste Mann ab 50 erkrankt laut Statistik, aber nur jeder 33. Patient stirbt an dieser Krankheit. Die Zahl der Männer, die jedes Jahr bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommen, ist höher. Die Aussichten auf Heilung sind also sehr hoch. Die am häufigsten durchgeführte Behandlungsform ist die radikale Prostatektomie, also die komplette Entfernung der Vorsteherdrüse mittels chirurgischen Eingriffs. Dafür stehen drei Techniken zur Verfügung: über den Damm, über den Unterbauch oder laparoskopisch, also mittels Knopflochchirurgie. Welche Methode gewählt wird, hängt in erster Linie vom Fortschritt der Erkrankung und vom Wunsch des Patienten ab.

 

Die Standard-Operation sei die Entfernung der erkrankten Prostata durch einen Schnitt am Unterbauch über dem Schambein, erklärt Primar Dr. Klaus Jeschke, Vorstand der Abteilung für Urologie und Andrologie am Klinikum Klagenfurt. Diese Variante habe auch den Vorteil, dass allenfalls betroffene Beckenlymphknoten ebenfalls entfernt werden können. Das sei bei der Operation über den Damm nicht möglich, ebenso wenig bei einem laparoskopischen Eingriff. Primar Klaus Jaschke operiert auf Wunsch des Patienten – sofern es von der Diagnose her möglich ist – auch mittels Knopflochchirurgie und war einer der Vorreiter auf diesem Gebiet. „Der Eingriff ist schonender, man ist danach schneller fit“, meint er. Das Ergebnis sei jedoch das Gleiche wie bei der offenen OP. Daher werde die herkömmliche laparoskopische Methode in Zukunft kaum mehr angewandt werden, glaubt der Chirurg. Das Neueste im Bereich minimalinvasiver radikaler Prostatektomie sei heute die Arbeit mit dem da-Vinci-Computer, dessen Instrumente an den Sonden wie Handgelenke bewegt werden können. Über dieses computerassistierte und roboterunterstützte Operationssystem verfügen derzeit nur wenige Spitäler in Österreich.

 

Auch hier gilt für Primar Klaus Jeschke: Der Eingriff sei schonender, ob das Ergebnis hinsichtlich Heilung und Folgeerscheinungen besser sei, könne schwer beurteilt werden. Denn Vergleiche seien kaum möglich, weil jeder Fall individuell sei und ein und dieselbe Operation an ein und derselben Person ja nicht zweimal gemacht werden könne.

 

Erfahrung und Routine

Wesentlich aus Sicht des Arztes ist in jedem Fall die Erfahrung und Routine des Operateurs. Denn nicht nur vom Ausmaß des Karzinoms, sondern auch vom Geschick des Arztes hänge das Ausmaß der Folgeerscheinungen ab, die von den Patienten gefürchtet werden. Das sind Inkontinenz und Erektionsstörungen bis hin zur Impotenz.

 

„Wir wollen den Patienten nichts vormachen. Jede Prostataoperation hat Auswirkungen auf Kontinenz und Potenz“, sagt Urologe Jeschke. Aber gerade hinsichtlich dieser Problemfelder habe es aufgrund verfeinerter Operationsmethoden in den vergangenen Jahren massive Verbesserungen gegeben. Speziell das Problem der Inkontinenz habe weitgehend seinen Schrecken verloren.

 

Wobei es für ihn keineswegs Inkontinenz ist, wenn jemand beim Husten oder Niesen ein paar Tropfen Harn verliert. Als inkontinent müsse sich seiner Meinung nach jemand betrachten, der auf Dauer Vorlagen brauche. Und das betreffe nur einen sehr geringen Anteil der Operierten, meint Klaus Jeschke. Er schätzt den Anteil der Prostatapatienten hier auf höchstens fünf Prozent. Verschiedene Studien sprechen zwar davon, dass jeder Zweite drei Monate nach dem Eingriff den Harn nicht halten kann und fünf Jahre danach immerhin noch 28 von 100 Patienten Probleme haben. Primar Jeschke bezeichnet diese Zahlen als deutlich zu hoch gegriffen. Mindestens die Hälfte der Patienten seiner Abteilung verlassen das Krankenhaus am achten – nach laparaskopischen Eingriffen am siebenten – Tag nach der Operation bereits ohne Vorlage. Zu Beginn seiner Karriere sind die Patienten drei Wochen im Spital gelegen und oft noch mit Katheter nach Hause entlassen worden, schildert er den Fortschritt auf diesem Gebiet.

 

Gezieltes Training

Wer seinen Heilungsprozess beschleunigen möchte, kann dies mit gezielter Physiotherapie in Form eines Beckenbodentrainings tun. Das ist kein schwieriges Unterfangen, sondern beschränkt sich auf Anspannen und Loslassen der einzelnen Muskelgruppen, wie Schließ-, Gesäß- und Oberschenkelmuskulatur. Das kann jederzeit und überall, auch schon im Krankenbett durchgeführt werden. Das Anspannen der Muskeln empfiehlt sich in weiterer Folge auch in „brenzligen Situationen“, wie dem Heben schwerer Gegenstände oder beim Husten.

 

Durch die Übungen wird auch die Durchblutung im Lendenbereich gesteigert, was darüber hinaus positive Auswirkungen auf die Potenz haben soll. Und dieses Thema ist der zweite und schwierigere Teil der Nachwehen. „Die Potenz leidet mehr“, sagt Primar Jeschke. Die Prostata sei von Nervengeflecht umgeben. Optisch seien hier aber keine Nerven auszumachen, die der Chirurg beim Eingriff bewusst umgehen könne. Daher versucht man, wenn es das Tumorstadium erlaubt, so viel wie möglich von diesem Bindegewebe zu erhalten. Ein erfahrener Chirurg werde das Gewebe auch möglichst schonend behandeln, es also nicht dehnen, erklärt er. Die Erektionsfähigkeit verbessere sich nach dem Eingriff langsamer als die Kontinenz, dafür seien auch nach einem längeren Zeitraum Besserungen noch möglich, erklärt der Arzt.

 

Strahlentherapie

Aber auch hier gibt es Hilfe, und zwar in Form der Schwellkörper-Rehabilitation. Dabei nimmt der Patient regelmäßig gefäßerweiternde Medikamente – das bekannteste ist Viagra – ein, die zu Erektionen führen sollen. Auf diese Weise werde die glatte Muskulatur des Schwellkörpers ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Studien zeigen, dass sich dadurch eine deutliche Verbesserung der Potenz nach einem Prostataeingriff erreichen lässt.

 

Graphik von mauritius von der Prostata (Vorstherdrüse)

 

Text zum Bild:

Die Prostata, die in Größe und Form mit einer Kastanie vergleichbar ist, liegt unterhalb der Harnblase und umfängt den Anfangsteil der Harnröhre (Urethra) bis zum Beckenboden. Sie besteht aus etwa 30 bis 50 Einzeldrüsen, Bindegewebe und kleinen Muskelfasern. Die Sekretbildung ist die Hauptaufgabe der Prostata. Die Drüsen produzieren eine milchige Flüssigkeit, welche die Beweglichkeit der Spermien sicherstellt. Bei einer krankhaften Vergrößerung der Prostata kann es zu Problemen beim Wasserlassen kommen. Die Harnröhre wird in diesem Fall von der Prostata eingeengt.

  


Neben dem chirurgischen Eingriff haben Betroffene auch die Möglichkeit der Strahlentherapie. Die Auswirkungen auf Kontinenz und Potenz seien bei dieser Behandlungsform in der ersten Zeit geringer und würden sich erst mit fortschreitender Dauer der Behandlung verstärken. Die Strahlentherapie werde eher nur für ältere Patienten empfohlen, denn Langzeitstudien zeigen, dass die Prognose, sprich die Heilungsrate, nach 15 Jahren etwas schlechter sei als durch den chirurgischen Eingriff, erklärt Dr. Klaus Jeschke.

 

Das Prostata-Karzinom ist in den meisten Fällen ein langsam wachsender Krebs. Daher wird seit einigen Jahren auch das System des „active surveillance“, des „aktiven Überwachens“, praktiziert. Ist die Prostata in einem nur sehr geringen Ausmaß befallen und das Karzinom nicht aggressiv, kann sich der Patient in Absprache mit dem Arzt dazu entscheiden, die Entwicklung seiner Krankheit zu beobachten. Das geschieht durch regelmäßige Untersuchungen und eine jährliche Biopsie, also die Entnahme einer Gewebeprobe. Ist eine Verschlechterung erkennbar, kann man sich noch immer für eine Operation entscheiden. Primar Jeschke: „Damit werden aber nicht alle umgehen können. Denn die Unsicherheit bedeutet auch psychischen Druck.“

 

Monika Unegg

Jänner 2015

 

Foto: Mauritius, shutterstock, privat

  

Kommentar

Kommentarbild von Dr. Klaus Jeschke zum Printartikel „Die Methoden zur Behandlung des Prostata-Karzinoms haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verfeinert. Das erhöht nicht nur die Heilungsrate, sondern mindert auch die Folgeerscheinungen.“
Dr. Klaus Jeschke
Vorstand der Abteilung für Urologie und Andrologie am Klinikum Klagenfurt

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020