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Inkontinenz behandeln lassen

Inkontinenz ist ein weit verbreitetes Problem, das jedoch gut behandelbar ist. Man sollte sich nicht genieren und sich von einem Arzt helfen lassen, damit man nicht an Lebensqualität einbüßt.

 

Unter Inkontinenz versteht man den unfreiwilligen Verlust von Harn oder Stuhl, sie können nicht bewusst zurückgehalten werden. Inkontinenz kann Menschen jeden Alters treffen, das Risiko steigt mit zunehmendem Alter, die meisten Betroffenen sind zwischen 50 und 70 Jahre alt. Am häufigsten ist der unfreiwillige Abgang von Urin, die sogenannte Harninkontinenz, aber auch Stuhlinkontinenz ist weit verbreitet (Schätzungen zufolge bis zu fünf Prozent der Bevölkerung). Ein Drittel aller Frauen ist zumindest einmal im Leben von Inkontinenz betroffen. Die Probleme beginnen oft mit der Schwangerschaft, der Geburt oder mit dem Wechsel, wenn der Östrogenspiegel sinkt.

Tabu bröckelt

Über Inkontinenz zu sprechen, fällt nicht leicht, es ist ein Thema, das mit Schamgefühlen einhergeht. „Für manche ist es sicher noch ein Tabuthema, im Grunde aber werden die Hemmungen, darüber zu sprechen, geringer. Vor allem jüngere Menschen gehen rascher zum Arzt, während manche betagte Person erst nach vielen Jahren den Weg in eine Ordination findet. Natürlich gibt es nach wie vor Menschen, die mit ihrem Problem leben und sich nicht helfen lassen. Diese leiden dann sehr darunter, gehen aus Angst vor ihrer Inkontinenz und vor allem aus Angst, dass andere diese bemerken könnten, kaum aus dem Haus und leben sozial isoliert“, sagt OA Dr. Franz Roithmeier, Facharzt am Beckenbodenzentrum des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern Linz.

Problem ansprechen

Jedem Menschen kann geholfen werden. „Wenn auch nicht jeder die völlige Heilung erwarten darf, so ist zumindest eine Linderung der Beschwerde durch Kontinenzhilfsmittel, zielgerichtete Therapie oder Medikamente möglich. Hilfe ist aber nur möglich, wenn man sich helfen lässt und dazu muss der Patient einem Arzt sein Problem mitteilen. Wenn man zuhause sitzt und wartet und hofft, dass das Problem sich von alleine löst, das bringt nichts. Man muss sich einfach trauen, das Problem beim Arzt anzusprechen, es ist ihr alltägliches Geschäft. Es gibt keinen Grund für Scham, das sind alles ganz natürliche Dinge“, appelliert Roithmeier an Betroffene.

Betroffene können sich an den Hausarzt oder an einen Facharzt wenden. Frauen suchen oft ihren Gynäkologen auf, da in vielen Fällen bereits ein Vertrauensverhältnis besteht. Für Männer mit Harninkontinenz sind Urologen zuständig. Anlaufstelle für beide Geschlechter sind auch Beckenbodenzentren in Krankenhäusern.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von Entzündungen, hormonellen Veränderungen, Medikamenten, Operationen oder der Schwächung der Beckenbodenmuskulatur. Die Beckenbodenschwäche ist eine Folge von starker Belastung bzw. Überlastung im Laufe des Lebens, bedingt durch Schwangerschaften, Geburten, Nikotinkonsum (Raucherhusten), Übergewicht, schweres/falsches Heben (z.B. Bäuerin, Arbeiterin). Zusätzlich darf als Faktor die genetische Prädisposition nicht unterschätzt werden.

Weitere Ursachen sind chronische Verstopfung oder chronische Diarrhoe (Durchfall). Auch Schlaganfall kann zu Stuhlinkontinenz führen, ebenso wie Diabetes mellitus, Parkinson und Multiple Sklerose, wenn die Nervenwahrnehmung am Darmausgang derart abgeschwächt ist, sodass der Patient den Stuhldrang nicht mehr bemerkt.

Problem Beckenboden

Als Beckenboden der Frau werden verschiedene Muskeln und Gewebe bezeichnet, die nach unten hin die Bauchhöhle begrenzen. Die Beckenorgane (Harnblase, Scheide, Gebärmutter, Enddarm) werden dadurch in der richtigen Position gehalten. Bei Inkontinenz funktioniert das fein abgestimmte System zwischen den Organen, deren Schließmuskeln und Beckenboden selbst nicht mehr richtig.

Harninkontinenz bei Männern

Männer sind hauptsächlich von einer überaktiven Blase und Dranginkontinenz betroffen (hier tritt ganz plötzlich Harndrang auf, der so stark ist, dass es die Betroffenen zum Teil nicht mehr rechtzeitig auf die Toilette schaffen). Harninkontinenz tritt meist infolge einer neurologischen Erkrankung, einer Blasenentzündung, einer Blasen- und Harnröhrenverengung oder aufgrund von Harnsteinen auf. Bei älteren Männern lassen eine erschwerte Blasenentleerung und Restharn auf eine mögliche gutartige Vergrößerung der Prostata schließen. Eine Prostatakrebsoperation birgt das Risiko, dass die Kontrolle über die Blasenfunktion verloren geht.

Therapie

Ziel aller Therapien ist es, die Patienten darin zu unterstützen, ihre Körperfunktionen wieder kontrollieren zu können und damit ihre Lebensqualität zu verbessern. Zur Behandlung stehen verschiedene Möglichkeiten zur Auswahl:

  • Beratung: Probleme im Zusammenhang mit Inkontinenz und zusammenhängenden Themen (z.B. Sexualität) können mit Experten besprochen werden.
  • Beckenbodentraining: Dabei wird (z.B. mit Biofeedback) erlernt, seine Beckenbodenmuskulatur zu kräftigen.
  • Blasentraining, Hilfsmittel-Schulung.
  • Medikamentöse Behandlung: Z.B. können Medikamente bei Durchfall Stuhl dicker machen (dies kann auch durch eine ballaststoffreiche Ernährung gelingen).
  • Sakrale Nervenstimulation: Dabei baut der Chirurg Elektroden ein, die den Schließmuskel stimulieren.
  • Künstlicher Schließmuskel: Kann bei Stuhl- oder Harninkontinenz implantiert werden. Mit einer Fernbedienung kann der Patient diese Elektroden selbst steuern, wenn ein Toilettengang ansteht.
  • Bei der reinen Belastungsharninkontinenz wird seit 20 Jahren sehr erfolgreich ein Bändchen unter die Harnröhre der Frau implantiert, das verhindert, dass bei Belastung Harn abgeht. Bei anderen Harninkontinenzformen kann die lokale Botoxanwendung Hilfe bringen.
  • Im Falle von Stuhlinkontinenz kann in ausgewählten Fällen ein Schließmuskelschaden operativ korrigiert werden.
  • In besonders schweren Fällen kann auch ein künstlicher Darmausgang eine Verbesserung bringen.

All diese Eingriffe sind komplexe Operationen, die nur von Spezialisten nach Ausschöpfen der nicht-operativen Behandlungsmethoden in einem spezialisierten Beckenbodenzentrum durchgeführt werden sollten.

Hohe Erfolgsraten

„Den meisten Patienten können wir helfen, ihr Problem in den Griff zu bekommen oder wir können dieses ganz lösen. Zumeist ist eine konservative Therapie ausreichend. Langfristig lassen sich Beckenboden und Schließmuskel mit konsequentem Beckenbodentraining unter physiotherapeutischer Anleitung gut trainieren und Patienten bekommen ein gutes Gespür für ihren Körper. Manchmal werden – meist vorübergehend – Medikamente eingesetzt, manchmal hilft eine Operation. Die Entscheidung welcher Weg gegangen wird, muss gemeinsam mit dem Patienten aufgrund seines Leidensdruckes und individuellen Behandlungsziels getroffen werden“, sagt Roithmeier. Wichtig ist es auch, dass der Patient lernt, wie er im täglichen Leben positiv auf sein Problem einwirken kann, z.B. indem er lernt, wie der Toilettengang richtig vor sich geht (z.B. nicht pressen), oder dass er ausreichend trinkt und auf seine Ernährung achtet. „All das können die Patienten bei uns im Beckendodenzentrum lernen“, sagt der Facharzt.

Hilfsmittel

Es gibt für die verschiedenen Arten und Ausprägungen von Inkontinenz unterschiedliche Kontinenz-Hilfsmittel. Die Palette reicht von saugstarke Einlagen, Windelhosen und Tampons für Harn- und Stuhlinkontinenz. Neben z.B. dem Kondom-Urinal für Männer gibt es für beide Geschlechter eine Vielzahl von weiteren Hilfsmitteln, die den Alltag wesentlich erleichtern können.

Selbsthilfemaßnahmen

  • Beckenbodenmuskulatur zuhause trainieren
  • Übergewicht reduzieren
  • Nicht rauchen
  • Richtig Heben
  • Bewegung und Sport
  • Gesunde Ernährung bei Stuhlinkontinenz: Blähende Speisen, Alkohol und Kaffee möglichst vermeiden
  • Regelmäßig zur Toilette gehen

 

Kontakte

Beckenbodenzentrum Linz im KH der Barmherzigen Schwestern : www.becken-boden.at

Beratung gibt es auch bei der Medizinischen Kontinenzgesellschaft: www.inkontinenz.at

 

Dr. Thomas Hartl

April 2015


Foto: shutterstock

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020