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Mann stützt sich den Kopf in die Hände

Trigeminusneuralgie

Bei Gesichtsschmerzen, die blitzartig auftreten, kurz andauern und immer wieder kommen, handelt es sich meist um eine Trigeminusneuralgie. Medikamentöse Therapie oder operative Eingriffe können Patienten von ihrem Leid befreien. 

Der Trigeminusnerv verdankt seinen Namen (Trigeminus bedeutet Drilling) seinem außergewöhnlichen Verlauf. Er hat die Form eines Astes, der sich auf drei Zweige verteilt. Dieser große Gesichtsnerv hat seinen Ursprung im Gehirn. Vom Hirnstamm an der Schädelbasis ausgehend, bildet er, kurz bevor er den Schädel verlässt, an jeder Kopfseite einen Nervenknoten, das Ganglion Gasseri. Dort teilt er sich in drei Hauptäste: den Stirn/Augenast, den Oberkiefer- und den Unterkieferast. Jeder dieser Äste zieht sich in sein jeweiliges Versorgungsgebiet (Augen/Stirn, Wangen/Oberkiefer, Unterkiefer/Kinn).

Der Trigeminusnerv steuert die Bildung von Speichel und Nasensekret, Bewegungen der Kaumuskulatur und er leitet Sinneseindrücke wie Berührungen oder Schmerzreize des Gesichtes und des Mundes an die Gehirnzentrale. 

Heller, scharfer Schmerz 

Bei einer Trigeminusneuralgie kommt es zu plötzlich einschießenden, nur wenige Sekunden andauernden Schmerzen im Gesicht. Der Schmerz wird als hell, elektrisierend und scharf bezeichnet oder als Peitschenschlag, der scheinbar aus dem Nichts kommt und sofort wieder verschwindet. Leider taucht er binnen kurzer Zeit immer wieder auf, bis zu 100 Mal pro Stunde.

Die Neuralgie tritt vor allem Personen über 40 Jahren auf, bei Frauen etwas öfter als bei Männer. Am häufigsten ist der Bereich des Oberkiefers betroffen, seltener das Unterkiefer und der Augen/Stirnbereich. Typisch ist das einseitige Auftreten des Schmerzes. „Trigeminusschmerzen rufen starkes Leid hervor. Betroffene beschreiben ihn als den stärksten vorstellbaren Schmerz“, berichtet OA Dr. Markus Wimmer, Leiter der neurologischen Schmerzambulanz am AKH Linz. 

Leichter Druck genügt 

Jeder Druck im Gesichtsbereich kann eine Schmerzattacke auslösen. Jede sanfte Berührung, vom Scheitel bis zum Kinn, ob an der Hautoberfläche oder in der Mundhöhle, alles wird von den weit verzweigten Nervenfasern des Trigeminus registriert und kann Auslöser einer Schmerzattacke sein. Ebenso jede Mundbewegung wie Kauen und Sprechen oder auch Zähneputzen und selbst ein kalter Windhauch kann ausreichen. 

Ursachen 

Häufigste Ursache einer Trigeminusneuralgie ist eine Druckschädigung des Nervs. Sie kann aus einem Gefäß-Nerv-Konflikt mit einer benachbarten Arterie resultieren. Zu so einem Konflikt kann es kommen, wenn ein Blutgefäß einen abnormen Verlauf nimmt und den Trigeminusnerv bedrängt und einengt. „An der Druckstelle wird die Isolierung des Nervs beschädigt, wodurch in Folge die Reize falsch verarbeitet werden. Der irritierte Nerv sendet fälschlicherweise Fehlermeldungen aus einem in Wahrheit intakten Gebiet ans Gehirn. Wird der Nerv von einem Blutgefäß bedrängt, reicht bereits leichter Druck aus, um die extremen Schmerzimpulse der Trigeminusneuralgie auszulösen“, erklärt Wimmer. 

Andere mögliche Ursachen sind Entzündungen des Nervs oder (selten) eine sogenannte Raumforderung, das heißt, dass ein Tumor durch sein Wachstum den Nerv bedrängt. Für viele Patienten mit Trigeminusneuralgie lässt sich jedoch keine Ursache der Schmerzerkrankung finden. 

Keine Zahnschmerzen 

Häufig wird die Trigeminusneuralgie mit Zahnschmerzen verwechselt. „So kann es vorkommen, dass Betroffene zum Zahnarzt gehen oder dort einen oder mehrere Zähne verlieren und sich dennoch keine Besserung einstellt, ganz einfach, weil es sich um Nervenschmerzen im Bereich der Kieferäste handelt und um kein Zahn- oder Kieferproblem“, so Wimmer. Er appelliert daher, bei hellen, scharfen Schmerzen im Kieferbereich auch an die Möglichkeit einer Trigeminusneuralgie zu denken. 

Angst vor dem nächsten Anfall 

Häufig entwickeln Betroffene starke Ängste vor den jederzeit drohenden überfallsartigen Schmerzattacken. Da die Schmerzen durch Gegebenheiten, die jeder Mensch tausendfach pro Tag erlebt, ausgelöst werden können (Sprechen, Essen, sich im Gesicht berühren usw.) ist es Betroffenen oft nicht mehr möglich, ohne Angst zu essen, zu sprechen, sich die Zähne zu putzen und vieles mehr. 

Behandlung 

Man sollte mit einer Behandlung nicht zu lange warten, sonst droht die Erkrankung chronisch zu werden und sie wird mit der Zeit immer schwieriger zu therapieren. 

Keine normalen Schmerzmittel 

Normale Schmerzmittel sind bei Nervenschmerzen in der Regel wirkungslos. Die Behandlung der Trigeminusneuralgie erfolgt mit Antieptileptika. Dabei handelt es sich um Medikamente, die zur Behandlung von Epilepsie entwickelt wurden. „Sie unterdrücken die Impulsübertragung auf die Außenhaut der Nervenzelle und wirken praktisch wie ein chemischer Schalldämpfer. Diese Mittel wirken also direkt auf die Nerven ein, beruhigen sie und führen zu einer Verminderung der Nervenaktivität. Bei der Mehrzahl der Patient wirken sie recht gut“, sagt Wimmer.  

Operationsmethoden 

Bringt eine medikamentöse Therapie keine ausreichende Schmerzlinderung, rät Wimmer zu einer möglichst raschen Operation, um einem Chronischwerden des Schmerzes zuvorzukommen. Mehrere Operationsverfahren sind (je nach dem Zustand des Patienten) möglich:

  • Operation nach Jannetta: Hier wird ein kleines Teflon- oder Muskelstück zwischen den Nerv und das bedrängende Blutgefäß gelegt um den Nerv zu schützen. Dieser Eingriff erfolgt meist mikrochirurgisch durch ein kleines Loch am hinteren Teil des Kopfes. „Da es sich um eine Operation am Kopf handelt, besteht natürlich ein bestimmtes Risiko, benachbarte Nerven und Blutgefäße zu verletzen. Ist der Patient ansonsten gesund und will man das Übel an der Wurzel packen, ist diese Methode die erste Wahl. Dieser Eingriff hat eine sehr gute Ansprechrate“, sagt der Neurologe. Spricht die Jannetta-Methode nicht an oder erscheint sie als zu riskant, kommen andere Methoden in Betracht.
  • Druckbehandlung des Trigeminusnerven mit einem Ballon: Ein kleiner Ballon, der zum Nervenknoten vorgeschoben und aufgeblasen wird, soll mechanisch durch Druck oder chemisch die Schmerzzellen außer Gefecht setzen.
  • Das Gamma- Knife: Es handelt sich um eine radiochirurgische Methode. Der Trigeminus wird bei geschlossenem Schädel an seinem Ursprung im Hirnstamm bestrahlt.
  • Radiofrequenzablation: Es erfolgt dabei ein Eingriff direkt am Ganglion Gasseri, dem Nervenknotenpunkt des Trigeminus. Eine Radiofrequenzsonde zerstört Schmerzfasern direkt im Knotenpunkt.


Alle Eingriffe sind gut erprobt, jedoch (wie alle operativen Eingriffe) mit unterschiedlichen Risiken verbunden (z.B. Taubheit im Gesicht). „Wie verzeichnen eine hohe Erfolgsrate, sie liegt bei 80 bis 90 Prozent. Diese Patienten können mit einer deutlichen Schmerzlinderung rechnen“, sagt Wimmer. Die meisten Patienten dürfen mit dauerhaftem Erfolg rechnen. Rund 20 Prozent der Patienten erleiden jedoch ein Rezidiv, also eine Wiederkehr der Schmerzerkrankung auch nach erfolgreicher medikamentöser/operativer Behandlung.

 

Dr. Thomas Hartl

Juli 2015


Foto: shutterstock

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020