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Frau liegt im Bett mit Fiebermesser

Kinderkrankheiten bei Erwachsenen: Kein Kinderspiel

So manche der sogenannten Kinderkrankheiten treten jetzt wieder verstärkt auf. Sie sind zwar zurückgedrängt worden, aber nicht ausgerottet. Und sie sind vielfach zu Erwachsenenkrankheiten geworden – mit oft schwerwiegenden Folgen. 

Schon der Sammelname „Kinderkrankheiten“ ist irreführend. Diese Infektionskrankheiten – wie Masern, Mumps oder Keuchhusten – „sind nicht kinderspezifisch, sondern so häufig, dass Kinder in der Regel ihre ersten Opfer sind“, so Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer, Leiter der Kinder- und Jugendabteilung am Uni-Klinikum in St. Pölten.  

Auch er hat eine wachsende Impfmüdigkeit festgestellt. Denn der Rückgang der Erkrankungs- und Todesfälle nach früheren erfolgreichen Impfkampagnen hat dazu geführt, „dass die Risiken durch die Erkrankung in der Öffentlichkeit nicht mehr deutlich genug wahrgenommen werden und sich das Hauptaugenmerk auf die Impfnebenwirkungen verschiebt“, heißt es in einem Leitfaden des Gesundheitsministeriums. 

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Impf-Skeptiker

Zwiauer hat im Rahmen einer Erhebung unter rund 700 Eltern festgestellt, dass Migranten beziehungsweise ehemalige Migranten eine sichtbar höhere Bereitschaft zu Impfungen zeigen als Inländer. Seine Analyse: „Diese Eltern kennen noch viel eher die Probleme aus den Gesundheitssystemen ihrer Herkunftsländer und stufen den Wert von vorbeugenden Impfungen entsprechend hoch ein.“ Die größten Impf-Skeptiker sind nach Zwiauers Erfahrungen in den mittel-gebildeten Schichten zu finden, während die Bildungsoberschicht und weniger gut gebildete Eltern den Wert von Impfungen mehr schätzen. Eine der Hauptursachen für die Impf-Skepsis: Es handelt sich um eine Präventionsmaßnahme, deren Nutzen nicht unmittelbar sichtbar wird, weil er ja in einer Verhinderung der Erkrankung besteht. 

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Mehr Masernfälle

Dabei ist der Nutzen von Impfungen durch Daten eindeutig belegt. So ist etwa die Zahl der Sterbefälle von Kindern nach einer Masern-Erkrankung laut Weltgesundheitsorganisation WHO von rund 870.000 im Jahr 1990 auf 118.000 im Jahr 2008 gesunken. Primar Zwiauer bleibt beim Beispiel Masern. Sie schienen schon eliminiert, sind aber jetzt wieder zurück: „Wer nicht geimpft ist, entkommt ihnen nicht“, sagt er. Allein zwischen Jänner und April 2015 wurden in Österreich 147 Masernfälle gemeldet, mehr als im gesamten Jahr 2014 mit 117 Fällen. Sieben der neun Bundesländer waren betroffen – alle außer Vorarlberg und Burgenland. Die meisten Fälle wurden aus Niederösterreich und Oberösterreich gemeldet. 

„Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit“, informiert das Gesundheitsministerium via Internet, „sondern eine hochansteckende virale Infektionskrankheit, gekennzeichnet durch Fieber, Entzündung der oberen Atemwege und einen typischen Ausschlag.“ Und mit oft schwerwiegenden Folgen: In 20 Prozent der Fälle gehen die Masern einher mit Komplikationen, wie etwa einer Mittelohrentzündung, Bronchitis oder Lungenentzündung. Wenn Erwachsene sich mit Masern anstecken, dann bekommt etwa jeder 500. eine gefährliche Gehirnentzündung. 

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Nicht behandelbar

Dazu muss man auch wissen, „dass Masern nicht behandelbar sind“, sagt Zwiauer. „Es gibt kein Antibiotikum dagegen, wohl aber die Masern-Impfung – in Kombination mit der Impfung gegen Mumps und Röteln, die noch dazu gratis angeboten wird.“ Zwiauer nimmt auch dem Thema Nebenwirkungen viel Wind aus den Segeln: „Wir haben heute moderne Impfstoffe, die wesentlich nebenwirkungsärmer sind als zu früheren Zeiten.“ Viele Nebenwirkungen seien „als positives Signal zu sehen, dass sich der Körper mit dem Virus auseinandersetzt, es bekämpft“. Ein großer Vorteil ist auch, dass heute mit einigen Impfungen ein breites Spektrum an „Kinderkrankheiten“ abgedeckt und ausgeschaltet werden kann. Neben der MMR-Impfung (mit Dauerwirkung) gibt es die Vierfach-Impfung gegen Tetanus, Kinderlähmung, Keuchhusten und Diphtherie, die laut Impfplan in Abständen von zehn Jahren aufgefrischt werden sollte. Bei der MMR-Impfung (Mumps/Masern/Röteln) ist lediglich eine zweite Impfung als Sicherheitsnetz erforderlich, weil im ersten Anlauf in einigen Fällen (Impflücke) nicht gleich der erwünschte Schutzeffekt erzielt wird. Dieser Schutz ist insbesondere für Frauen mit Kinderwunsch wichtig, denn vor allem Mumps und Röteln können dem ungeborenen Kind schwere Schäden zufügen und sogar zu Fehlgeburten führen. Männern wiederum droht bei Mumps eine Hodenentzündung und Unfruchtbarkeit. 

Obwohl die klassischen Kinderkrankheiten und ihre Komplikationen seltener geworden sind, bestehen aufgrund der Verschiebung in Richtung Erwachsenenalter neue Gefahren, betont auch Dorothea Matysiak-Klose vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin: „Junge Erwachsene gefährden im Krankheitsfall ihre Kinder, wenn diese als Säuglinge noch keinen Impfschutz haben.“ Das sei vor allem bei Windpocken und Keuchhusten gefährlich. 

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Keuchhusten

Frau hustet bei ArztDer Keuchhusten gilt als die häufigste Kinderkrankheit bei Erwachsenen und wird außerdem oft als hartnäckige Bronchitis verkannt. Vor dieser Erkrankung bietet weder eine Erkrankung im Kindesalter noch eine Impfung lang anhaltenden Schutz – nur etwa sieben bis zehn Jahre. Zwiauer: „Die Krankheit ist bei älteren Menschen sehr unangenehm – ganz besonders gefährlich ist sie aber für Säuglinge in den ersten vier Lebensmonaten, in denen noch keine Impfung möglich ist.“ Daher sei es besonders wichtig, dass Eltern oder Großeltern diese Krankheit nicht auf den Nachwuchs übertragen.

 

Mag. Robert Zauchinger

Februar 2016

 

Foto: shutterstock, privat

 

Kommentarbild Kinderkrankheiten Prof. ZwiauerKommentar

„Mit einer Impfung schützt man nicht nur sich selber, sondern auch andere – ganz speziell auch die Kinder oder Enkelkinder.“

Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer

Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Universitätsklinikum St. Pölten

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020