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Bub hilft beim Abtrocknen des Geschirrs

Erziehen heißt handeln

Allen Sonntagsreden und Bemühungen zum Trotz: Frauen erledigen großteils noch immer die unbezahlte Familienarbeit. Woran liegt es und wie kann man Männer in die Verantwortung nehmen?

 

Generell bin ich bei Formulierungen wie ,die Frauen’ und ,die Männer’ sehr vorsichtig“, sagt Dr. Susanne Dermutz, pensionierte Professorin an der Universität Klagenfurt. Es gebe sehr wohl eine breite Palette des Handelns und Verhaltens bei beiden Geschlechtern, großteils finde sich in den Köpfen aber noch immer das alte bürgerliche Ideal: Frauen sind für die Kindererziehung zuständig, Männer fürs Einkommen. So belegt die Statistik, dass die Frauen im Zuge von Familiengründungen die Erwerbsarbeit reduzieren und die Männer mehr Überstunden machen. Darüber hinaus zeigt eine neue Untersuchung, dass in Österreich im OECD-Vergleich besonders viele junge Mütter nicht mehr in den Vollzeitjob zurückkehren.

 

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Alte Leitbilder

„Früher endete das Märchen damit, dass das Mädchen den Prinzen kriegt, heute endet es mit dem ersten Kind“, meint Susanne Dermutz, die Mutter zweier erwachsener Töchter ist. Frauen wie Männer tappen in diese Falle. Letztere fühlen sich dadurch vielfach überfordert und die Frauen verlieren oft ihre Existenzgrundlage und schlittern in die Abhängigkeit.

 

„Diese alten Leitbilder müssen wir hinterfragen und aufbrechen, auf mehreren Ebenen“, verlangt Dr. Dermutz. Auf der privaten Ebene: „Erziehung ist ein durch Zeitdruck geprägtes Handeln, da wird reagiert und nicht lang überlegt“, meint sie. Da teilen die Mütter rasch einmal die Tochter zu Hausarbeiten ein und nicht den Sohn. Doch Kinder orientieren sich am Handeln, sagt die Wissenschaftlerin und fordert: „Das eigene Handeln reflektieren und nicht große Sprüche klopfen.“ So kann die Mama stundenlange feministische Vorträge halten. Wenn sie sich und ihre eigene Karriere nicht wichtig nimmt und den Papa und Sohn von vorn bis hinten bedient, wird’s nichts nutzen.

 

Aber auch die Väter sind hier gefragt. „Denn Buben identifizieren sich mit dem Vater und das ist auch richtig so“, sagt Dermutz. Doch den Buben fehlen häufig die Leitfiguren in der Familie, im Kindergarten, in der Volksschule. Nirgends erleben sie einfühlsame, zuwendungsfähige Männer, an denen sie sich orientieren könnten. Auf der gesellschaftlichen Ebene: „Solange die Arbeit mit Kindern Frauenarbeit ist, abwertend beurteilt wird, unterbezahlt und mit wenig Aufstiegschancen verbunden ist, wird sich nichts ändern“, sagt Dr. Dermutz. Beispiel Kindergärtnerin: Was tun die schon? Ein bisschen mit Kindern spielen, laute die allgemeine Meinung, die keineswegs der Realität entspreche.

 

Auf der Bildungsebene: Diese Leitbilder und das Aufbrechen derselben müssen selbstverständlicher Inhalt des Unterrichts sein. Das sei angesichts der steigenden Zahl an Migranten, die meist völlig andere Wertvorstellungen mitbringen, besonders wichtig, meint Dr. Dermutz. Und sie vermisst auf allen Ebenen das notwendige Engagement. „Die Frauenpolitik lässt im Moment komplett aus“, bedauert sie.

 

Monika Unegg

Juni 2016

 

Foto: shutterstock, privat

 

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Kommentar

Kommentarbild von Dr. Susanne Dermutz zum IFG-Printartikel "Erziehen heißt handeln", Ausgabe 4/2015„Kinder orientieren sich am konkreten Handeln. Dessen sollten sich Mütter wie Väter in der Erziehung bewusst sein.“

Dr. Susanne Dermutz

Erziehungswissenschaftlerin mit Schwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung, Klagenfurt

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020