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Laborantin mit Glasschalen

Antibiotika: Wunderwaffe oder Fluch

Antibiotika sind – noch – eine Wunderwaffe im Kampf gegen Krankheiten. Das Medikament, das Bakterien zerstört und dadurch Leben rettet, verdient allerdings einen verantwortungsvollen Umgang.

 

Durch leichtfertiges Verschreiben und Einnehmen werden immer mehr Keime immun gegen den Bakterienkiller. Das lebensrettende Medikament verliert seine Wirksamkeit. Wodurch manche Krankheiten wieder zur tickenden Zeitbombe werden können und Antibiotika zum Fluch.

 

Das Wort „Antibiotikum“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „gegen das Leben“. An den Kragen geht es  aber nur Bakterien. Wobei dies nur relativ ist, denn Bakterien können mitunter lebensgefährlich sein. Erst durch die Entdeckung von Penicillin und die folgende Entwicklung immer ausgefeilterer Antibiotika hat sich die Bekämpfung vieler Krankheiten fast zum Kinderspiel entwickelt. Allerdings zum gefährlichen Kinderspiel – genau genommen!

 

Gefährliche Entwicklung

Die Geister scheiden sich, was Antibiotika betrifft, schon lange. Auf der einen Seite werken Ärzte, die mit dem Verschreiben der Wunderwaffe gegen Bakterien sehr freizügig umgehen, und Patienten, für die es schon bei einer simplen Erkältung ein Antibiotikum sein darf. Auf der anderen Seite erheben Mediziner den Zeigefinger, für die der Umgang mit Penicillin & Co ein sehr ernster ist, und Patienten, die sich so lange wie möglich gegen die Einnahme eines Antibiotikums sträuben. Und trotz aller Warnungen und Forschungen und Entwicklungen werden immer mehr Keime gegen antibiotische Wirkstoffe resistent. Eine gefährliche Entwicklung. Resistent bedeutet, dass Bakterien unempfindlich werden gegen Antibiotika und damit die Wirkstoffe des Antibiotikums nicht mehr in der Lage sind, die Bakterien zu zerstören.

 

Ein Antibiotikum, so der dringende Appell von Wissenschaftlern, sollte man nur einnehmen, wenn es unbedingt notwendig ist. Also so selten wie möglich, aber so oft wie nötig. Allerdings klaffen die Vorstellungen von möglich und nötig weit auseinander. Nicht notwendig sind antibiotische Medikamente grundsätzlich bei Erkältungen mit leichtem Husten, Schnupfen oder Halsschmerzen, bei leichten Durchfallerkrankungen und Grippe sowie allen anderen Viruserkrankungen. Denn Antibiotika wirken nur gegen Bakterien und nicht gegen Viren und Pilze. Nicht ohne Antibiotika geht es deshalb bei einer durch Bakterien ausgelösten Lungenentzündung, bei Nierenbeckenentzündung, bakteriellen Entzündungen der Herzklappen oder Krankheiten wie Rotlauf. Lebensrettend im Einsatz sind antibiotische Medikamente auch bei vielen Operationen, um den Patienten vor bakteriellen Infektionen während oder nach einer Operation zu schützen.

 

Einfache Proben

Grundsätzlich sollte vor jeder Antibiotika-Gabe überprüft werden, ob die Bakterien, gegen die das Antibiotikum wirken soll, auch tatsächlich im Körper des betroffenen Patienten nachgewiesen werden können. Eine einfache Maßnahme dazu ist die Entnahme von Proben aus dem Harn, Stuhl oder der Schleimhaut. Nährlösungen erleichtern den Bakterien die Vermehrung. Anschließend werden diesen Kulturen verschiedene Antibiotika zugeführt und es lässt sich recht einfach feststellen, welches Antibiotikum die beste Wirksamkeit entfaltet. Alle antibiotischen Medikamente sind verschreibungspflichtig. Das heißt, dass der Mediziner die Verantwortung dafür trägt, welche Medikamente er verordnet. Vor Selbstmedikation bei Antibiotika ist eindringlich zu warnen, denn die Bakterienkiller wirken nur, wenn sie in der richtigen Dosis und lange genug eingenommen werden. Es reicht schon aus, dass nur ein Teil der krankheitsverursachenden Bakterien überlebt, um eine erneute Vermehrung zu riskieren oder eine Resistenzentwicklung bei zu kurzfristiger Einnahme. Denn genau darin liegt die größte Gefahr der leider häufig immer noch unverantwortlichen und wahllosen Verordnung und Einnahme von Antibiotika: Bakterien, die nicht durch ein Antibiotikum zerstört wurden, können sich nämlich so verändern, dass sie gegen die eingesetzten Wirkstoffe immun werden.

 

Tickende Zeitbombe

Wer jetzt glaubt, dass das nichts ausmacht, weil es ja eine riesige Palette verschiedener Antibiotika gibt, der irrt. Durch Einnahmefehler sind weltweit viele Bakterien entstanden, die gegen mehrere Antibiotika resistent sind, was vor allem Krankenhäuser vor ein großes Problem stellt. Durch die Entwicklung von sogenannten multiresistenten Bakterien kann die Suche nach einem wirksamen Medikament zur tickenden Zeitbombe werden.

 

Mag. Conny Wernitznig

November 2016

 

Foto: mauritius; privat

  

Interview

 

„Mehr Hygiene statt neuer Antibiotika“

Univ.-Prof. DDr. Wolfgang Graninger warnt vor unangebrachter Angst vor den lebensrettenden Medikamenten einerseits und vor sinnlosem und unüberlegtem Einsatz von Antibiotika andererseits. FORUM Gesundheit sprach mit dem Infektiologen, emeritierten Hochschullehrer an der Medizinischen Universität Wien und Leiter der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin am AKH Wien.

 

Antibiotika-Resistenzen sind sogar auf der Tagesordnung der Konferenz der sieben wichtigsten Industrienationen der westlichen Welt zu finden. Warum das?

Wir haben ein großes Problem mit den Antibiotika-Resistenzen. Und das hängt damit zusammen, dass im Studium die Behandlung von Infektionen nicht vorkommt und Ärzte oft stark anfahren mit irgendwelchen Antibiotika. Das Resultat sind langfristig gefährliche Resistenzen.

 

Sagen Sie damit, dass die Ärzte-Ausbildung optimiert werden soll?

In diesem Bereich ja. In Österreich sind zwar die Voraussetzungen nicht schlecht, weil im Gegensatz zu vielen anderen Ländern laufend Fortbildungsveranstaltungen stattfinden. Würden die Mediziner um die Problematik der Gefahr der Antibiotika-Resistenzen aber noch besser Bescheid wissen, gäbe es das Problem nicht, dass jährlich weltweit mittlerweile 700.000 Menschen an Infektionen mit resistenten Bakterien sterben.

 

Was passiert in Österreich, um auf diese Problematik zu reagieren?

Es gibt in jedem Spital einen so genannten Antibiotika-Beauftragten und diverse Organisationen wie die Österreichische Gesellschaft für Infektionen und Tropenkrankheiten oder die Österreichische Gesellschaft für Chemotherapie.

Infektionen sind ein großes Thema in Krankenhäusern. Auch bei den Patienten ist die Angst vor Infektionen groß und es werden Antibiotika vielfach präventiv eingesetzt. Treiber für die Entstehung von Resistenzen auf den Intensivstationen sind in erster Linie in der Anästhesie zu finden und nicht in der Chirurgie . Das heißt, dass durch die präventive Gabe von Antibiotika die Wirkung auf gefährliche Bakterien nachlässt. Viel wichtiger als Antibiotika wie wild einzusetzen, sind die Hygiene im Krankenhaus, das Händewaschen und die Isolation des Erkrankten. Man braucht viele Einzelzimmer. Bei der Errichtung eines Spitals gehören Isolationseinheiten mit eingeplant. Wir brauchen nicht neue Antibiotika, sondern mehr Hygiene und mehr Isolation.

 

Lassen Sie die Kritik gelten, dass die meisten Ärzte dem Drängen der Patienten nachgeben und viel zu schnell Antibiotika verschreiben?

Ja, das ist der Fall. Der Arzt muss in der Lage sein, nicht gleich bei jeder Kleinigkeit eine „Bombe“ zu verabreichen. Österreich ist hier zum Glück gemeinsam mit den Niederlanden, Dänemark und Skandinavien gut aufgestellt.

  

Kommentarbild von Univ.-Prof. DDr. Wolfgang Graninger zum IFG-Artikel "Antibiotika: Wunderwaffe oder Fluch", Ausgabe 5/2015Univ.-Prof. DDr. Wolfgang Graninger

Leiter der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin, AKH Wien

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020