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Blutdruck-Apps: Qualitätsstandards und Datenschutz – Mangelware!

Sie finden sich auf jedem Smartphone und bieten mehr als nur Spiele: Viele Apps wollen die Gesundheit verbessern – damit werben die Herausgeber, hält die deutsche Ausgabe der Medizinplattform medscape.com fest. Health-Apps zählen etwa die Schritte des Anwenders und sollen so zu mehr Bewegung motivieren. Oder sie zählen die aufgenommenen Kalorien, um bei einer Gewichtsreduktion zu unterstützen. Andere Apps erinnern die Nutzer an die Einnahme ihrer Tabletten. Doch wo liegt der tatsächliche Wert der Health-Apps, echter medizinischer Nutzen, oder doch eher nette Fitness-Gadgets, fragt medscape deutsche Experten. 

„Wir gehen von etwa 100.000 Gesundheits-Apps aus“, sagt Dr. Egbert Schulz, Mitglied der Kommission Telemedizin und E-Health der Deutschen Hochdruckliga (DHL) gegenüber der Medizinplattform. Mehr als 60.000 davon haben Fitness und allgemeine Gesundheit zum Inhalt, schätzt er. Dagegen wenden sich ungefähr 38.000 tatsächlich dem Bereich Medizin zu. Einige dieser Apps wollen Leistungen für Menschen mit hohem Blutdruck bieten. Doch davon ist Schulz nicht überzeugt: „Wir sehen die Gefahr, dass der Patient im Bereich Bluthochdruck von diesen Apps automatisierte Ratschläge erhält“, kritisiert der Internist und Nierenspezialist vom Nephrologischen Zentrum Göttingen, „und dann selber in die Therapie eingreift, oder sich entweder in Sicherheit wiegt oder verunsichert wird durch diese automatisierten Bewertungen des Blutdrucks.“ 

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Bluthochdrucktherapie: Dosierung ist Arztsache 

In manchen Bereichen der Medizin könne eine automatische Bewertung sinnvoll sein, etwa für Diabetiker, die gelernt haben, das Insulin entsprechend dem gemessenen Blutzuckerwert zu dosieren. Doch bei der Bluthochdruck-Therapie seien solche Entscheidungen des Patienten über die Dosierung seiner Medikamente nicht denkbar. Ein weiterer Kritikpunkt: Die Qualität medizinischer Apps ist kaum geprüft. Die umfangreiche CHARISMHA-Studie „Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps“, die im April 2016 vom deutschen Gesundheitsministerium veröffentlicht wurde, hat gezeigt: Die derzeit vorhandenen Orientierungshilfen für Herausgeber von Gesundheits-Apps decken nicht den gesamten Bereich ab.

Der deutsche Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe forderte anlässlich der Vorstellung der Studie in einer Pressemitteilung im April 2016: „Nötig sind klare Qualitäts- und Sicherheitsstandards für Patienten, medizinisches Personal und App-Hersteller.“ Konkreter sind da die Forderungen der Deutschen Hochdruckliga. Nach Meinung des DHL-Vorstandsvorsitzenden Prof. Dr. Martin Hausberg sollten Apps, die über die Smartphone-Kamera oder Smart-Watches zum Blutdruckmessen eingesetzt werden können, wie Medizinprodukte behandelt werden. „Diese Geräte müssten als Medizinprodukte der Klasse I deklariert sein“, erklärte er anlässlich des Welt-Hypertonie-Tages 2016 in Berlin. „Sie sind es aber derzeit nicht und dürften nicht angeboten werden.“ Daher fordert die DHL, dass Apps zum Blutdruckmessen aus den App-Stores entfernt werden.

Auch Schulz hält nicht viel von Apps, die den Blutdruck messen: „Die funktionieren alle nicht“, stellt er fest. „Patienten brauchen, um den Blutdruck zu messen, ein validiertes, zertifiziertes Blutdruckmessgerät.“ Deswegen begrüße er es, dass die EU derzeit daran arbeite, die Bestimmungen zu verschärfen. 

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Datenschutz muss beachtet werden 

Etwas positiver bewerten Hausberg und Schulz Apps, die die gemessenen Blutdruckdaten speichern. Solche Apps könnten dem Patienten helfen, meint Hausberg, unter einer Bedingung: „Falls auf den Datenschutz geachtet wird.“ Das sei aber nicht immer der Fall, berichtet Schulz. Eine Studie des unabhängigen Dienstleisters ePrivacy habe 2015 gezeigt, dass bei mehr als der Hälfte (52 Prozent) der getesteten 140 medizinischen Apps Gesundheitsdaten der User ermittelt werden konnten, bei drei Viertel konnten die gesendeten Daten manipuliert werden und mehr als die Hälfte (57 Prozent) der Apps boten keine Datenschutzerklärung. Sein Fazit: „Wir verlangen zum jetzigen Zeitpunkt auf jeden Fall, dass jede App automatisiert den Benutzer auf das Datenschutzrisiko hinweist“, fordert Schulz. „Damit man diese Apps auch in einen medizinischen Behandlungsprozess einfügen kann, wäre es wünschenswert, dass hier der Datenschutz auf jeden Fall gewährleistet ist.“ Wenn diese Bedingung erfüllt sei, könnten solche Apps sehr hilfreich sein, indem sie die Werte des Patienten direkt an den Arzt weiterleiten. 

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Das Projekt EUSTAR 

Ein derartiges Konzept wird derzeit in Deutschland vom Göttinger Forschungsinstitut BRAVE für das europäische Telemedizin Register EUSTAR erstellt. Spezialisierte Fachärzte begleiten das Projekt, das von der DHL unterstützt wird. Die Idee: Eine flächendeckende telemedizinische Anwendung im Bereich Bluthochdruck. Das Blutdruckmessgerät übermittelt die gemessenen Daten in anonymisierter Form, nur mit einer Nummer versehen, an die Arztpraxis. Erst durch die Praxissoftware werden die Daten wieder entschlüsselt und die Blutdruckwerte werden mit den anderen Patientendaten verknüpft. 

Dass die Daten direkt von der Praxissoftware erkannt und entschlüsselt werden, habe einen entscheidenden Vorteil, erklärt Schulz: „Ansonsten wird es kein Arzt tun. Das wäre für den täglichen Ablauf viel zu kompliziert, wenn man sich für jeden Patienten auf einer weiteren Homepage einloggen müsste.“ Anfang 2017 soll das Register starten, zunächst an sechs Kernzentren. Im Laufe der folgenden 18 Monate soll das Projekt in immer mehr Zentren in Europa eingeführt werden 

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Vorteile für Patient und Arzt 

Wenn die automatische Datenübertragung in die Arztpraxis funktioniert, dann profitieren Arzt und Patient, erwartet Schulz: „Weil dann die Verweildauer der Patienten in der Praxis kürzer und das Arzt-Patienten-Gespräch kürzer, aber inhaltsvoller ist.“ Und das Wichtigste: „Das Vertrauen in den Arzt nimmt dennoch wesentlich zu, auch wenn man sich kürzer sieht“, ist sich Schulz sicher. 

Der gesamte Artikel wurde am 19. Mai 2016 auf Medscape Deutschland veröffentlicht und ist (nach kostenloser Registrierung) in voller Länge hier abrufbar.

 

Mag. Christian Boukal / medscapemedizin.de

Juni 2016


Foto: shutterstock



Zuletzt aktualisiert am 01. Juni 2016