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Alte Frau liegt im Krankenbett

Altersmedizin fordert Spitäler

Die Altersmedizin ist eine der großen Herausforderung im Gesundheitswesen. Aus der Alterspyramide wird in den nächsten 20 Jahren ein Alterspilz, sprich die Überalterung nimmt zu. Senioren leiden häufig unter mehreren chronischen Erkrankungen und auch Akuterkrankungen verlaufen oft anders als bei jungen Patienten. Stationen für Akutgeriatrie sind in Spitälern auf die Bedürfnisse und den speziellen Bedarf Älterer ausgerichtet. Ein interdisziplinäres, multiprofessionelles Team versucht die Autonomie und Mobilität der Patienten zu erhalten. 

Mehr als die Hälfte der Spitalsaufenthalte geht zu Lasten der über 60-jährigen. Aktuelle Prognosen besagen, dass im Jahr 2030 in Österreich fast jeder Dritte 60 Jahre oder älter sein wird. Mehr Lebensjahre heißt nicht automatisch auch mehr gesunde Jahre zu haben. Aktuelle Zahlen der OECD Health Data zeigen, dass Österreicher im Schnitt 59, 4 Jahre gesund bleiben. Das sind im Schnitt um 1,3 Jahre weniger gesunde Jahre als die Bürger anderer EU-Länder erleben. Bei der derzeitigen Lebenserwartung bedeutet das für die Österreicherinnen und Österreicher rund 20 Jahre, in denen sie sich mit verschiedenen Krankheiten herumschlagen, die die Lebensqualität trüben.

Komplexe altersspezifische Krankheitsbilder erfordern gebündelte Kompetenz und fächer- wie berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit in Spitälern. Schwerpunkte in der Betreuung des alten Patienten sind neben der Akuterkrankung oft zusätzlich mentale Abbauprozesse wie Demenzen oder Delir und Einschränkungen der Mobilität durch Gelenksabnützung, Osteoporose, Gangstörungen und Schwindel. 

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Ausbildung zum Geriater 

Seit Juni 2011 ist es in Österreich für Ärzte möglich, die Ausbildung zum Additivfach Geriatrie zu erwerben. In vielen Spitalsabteilungen fehlt es noch an geriatrischem Fachwissen, die fachärztliche Behandlung fokussiert sich meist auf eine Erkrankung oder die Ursache der stationären Aufnahme und geht auf die Begleiterkrankungen wie etwa Osteoporose oder Depression des Älteren wenig ein. Auch Remobilisation und Rehabilitation stehen nicht im Vordergrund. Mittlerweile haben einige Krankenhäuser in Oberösterreich auch Stationen für Akutgeriatrie eingerichtet, am Kepler Universitätsklinikum in Linz ist ein Zentrum für Altersmedizin mit fächerübergreifender Behandlung installiert und mit dem internistischen Sonderkrankenhaus Sierning der Barmherzigen Schwestern mit Schwerpunkt Akutgeriatrie hat OÖ ein in dieser Form einzigartiges Setting.

Viele Patienten, die in eine Akutgeriatrie aufgenommen werden, haben prinzipiell das Potential, wieder nach Hause zurückzukehren. Die Aufnahme erfolgt zum Beispiel über die Notfallambulanz des Spitals. Für Hausärzte besteht auch die Möglichkeit einer Vorstellung nach telefonischem Aviso. Ein Teil der Patienten wird aus dem eigenen Haus von anderen Stationen – zum Beispiel nach Stürzen – zur Remobilisation übernommen. 

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Akuterkrankungen verlaufen atypisch 

Akute Erkrankungen sind bei Patienten über 65 Jahren oft atypisch, das heißt klassische Krankheitssymptome wie etwa Fieber bei einer Lungenentzündung oder starker Druck in der Brust beim Herzinfarkt fehlen und andere Anzeichen treten in den Vordergrund. Der alte Patient kommt meist nicht mit einem isoliert zu betrachtenden Krankheitsbild ins Spital, sondern hat eine Reihe zusätzlicher Beschwerden und chronische Erkrankungen. „Dass solche Patienten mulitmorbide sind, das heißt mindestens drei Erkrankungen gleichzeitig haben, ist keine Seltenheit“, sagt Prim. Dr. Michael Berger, ärztlicher Leiter des Sonderkrankenhauses Sierning.

Dazu kommt auch häufig, dass der Patient unter einer kognitiven Einschränkung leidet, unter- oder mangelernährt ist und eine psychische Erkrankung wie eine Altersdepression vorliegt. Die meisten nehmen auch mehrere Medikamente täglich ein, die zu Wechselwirkungen führen können. Laut Studien nehmen Personen ab dem 75. Lebensjahr im Schnitt 7,5 Medikamente zur Behandlung ihrer Leiden ein. „Der Arzt auf der Akutgeriatrie durchforstet die meist umfangreiche Medikamentenliste im Hinblick auf Nutzen, Verträglichkeit und mögliche unerwünschte Wirkungen. Polypharmazie, sprich mehr als fünf Tabletten täglich, kann zusätzliche Symptome wie etwa Schwindel oder Verwirrtheit hervorrufen“, erklärt Berger. 

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Interdisziplinäres Behandlungsteam 

Instabilität, Immobilität, Inkontinenz und intellektueller Abbau sind Schlagworte, die für viele alte Patienten gelten. Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs haben ihre Häufigkeitsgipfel im höheren Lebensalter. Grauer Star, Diabetes, Arthrose, Osteoporose, Parkinson, Bluthochdruck und die Depression sind häufige Begleiterscheinungen, auf die das Behandlungsteam Rücksicht nehmen muss. Vom ersten Tag des Aufenthaltes wird versucht Funktionsverluste zu verhindern und das Rehabilitationspotential zu fördern.

Ziele der umfassenden Begleitung auf diesen Spezialabteilungen:

  • Behandlung der Akuterkrankung
  • Wiederherstellung beziehungsweise Erhaltung der Fähigkeit zur weitgehend selbständigen Lebensführung
  • Verhinderung weiterer Funktionsverluste
  • Erhöhung der Lebensqualität
  • Reintegration des Patienten in das eigene, gewohnte Umfeld

 

Ein speziell geschultes interdisziplinäres Team aus Ärzten, Pflegepersonal, Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Ernährungsberaterin, Psychologen und der Überleitungspflege begleiten betagte Patienten während des Aufenthalts. Mittels eines geriatrischen Assessments (=umfangreiche Bestandsaufnahme), in dem die Experten funktionelle, kognitive, bio-psychosoziale und medizinische Beurteilung der Gesamtlage abgeben, wird ein individueller Therapieplan erstellt. Der Schwerpunkt liegt auf der Erlangung bzw. Erhaltung der Alltagsfähigkeiten und der größtmöglichen Autonomie. Dazu bedarf es oft rehabilitativer Maßnahmen über einen längeren Zeitraum. Auch die Einschätzung der benötigten Hilfsmittel sowie ob stundenweise Pflege oder soziale Dienste notwendig sind, wenn der Patient wieder zu Hause ist, wird in Kooperation mit den Angehörigen und Therapeuten getätigt und organisiert. 

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Lebensqualität und Autonomie erhalten 

Bei solcher individuell abgestimmter Betreuung und Behandlung unter Beachtung der sozialen, medizinischen, funktionellen, psychischen, kognitiven und sozialen Aspekte eines alten Akutpatienten zeigt die Erfahrung, dass die Behandlungsergebnisse deutlich besser ausfallen. Somit kann eine rasche Wiederaufnahme ins Spital meist vermieden werden und durch die Verhinderung von Funktionsverlusten, Pflegebedürftigkeit und vorzeitiger Pflegeheimaufnahme verbessert sich die Lebensqualität dieser Menschen deutlich.

 

Mag. Christine Radmayr

September 2016


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 16. September 2016