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Mann sitzt beim Arzt auf dem Untersuchungsbett

Lustkiller Schmerz – ein unterschätztes Tabu

Menschen mit dauerhaften Schmerzen haben weniger Sex als andere. Bei chronischen Schmerzen sinken sowohl die Lust wie auch die Zufriedenheit mit der Sexualität. 

Sexuelle Funktionsstörungen und sexuelle Unlust treten bei Schmerzpatienten deutlich häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Mehr als die Hälfte der chronischen Schmerzpatienten leidet darunter, dass Schmerzen ihr Sexualleben entscheidend verschlechtert haben, haben mehrere Studien übereinstimmend gezeigt.

Für das unbefriedigende Sexualleben gibt es eine Reihe von Gründen, die sich oft gegenseitig aufschaukeln und verstärken: Der primäre Grund ist, dass Schmerzen an sich die Lust vertreiben und das sexuelle Verlangen sinken lassen. Wer im Augenblick an Schmerzen leidet, dem steht kaum der Sinn nach Zärtlichkeiten. Zudem können Medikamente der Lust abträglich sein und auch die durch die Schmerzen verursachten psychischen Probleme wirken sich negativ aus.

Auch die Ausübung des Geschlechtsaktes kann Schmerzen auslösen, vor allem bei Menschen mit Problemen am Bewegungsapparat. „Hat jemand Rückenschmerzen, dann vergeht ihm meist die Lust am Sex sehr schnell. 80 Prozent der Patienten mit chronischen Rückenschmerzen klagen über konkrete sexuelle Probleme. Doch in vielen Fällen kann man etwas dagegen tun. Oft reichen schon einfache Maßnahmen, wie das Vermeiden bestimmter Körperstellungen oder schlicht ein Polster an der richtigen Stelle, damit das Liebesleben wieder besser funktioniert“, sagt Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, Primar der Anästhesiologie und Intensivmedizin am Klinikum Klagenfurt. 

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Angst vor Schmerzen 

Chronische Schmerzpatienten entwickeln häufig Angst vor ihren Schmerzen und vor den möglichen Schmerzauslösern. Sie reagieren darauf, indem sie schmerzauslösende Situationen vermeiden. Ist der körperliche Geschlechtsakt ein solcher Auslöser, so verzichten viele auf den Sex. 

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Psychische Probleme 

Dass körperliche Schmerzen ein Lustkiller sind, ist klar. Dazu kommen aber auch noch eine Reihe psychischer Probleme: Das Körperbewusstsein verschlechtert sich, Schamgefühle tauchen auf, viele tendieren dazu, sich zurückzuziehen, weil man sich nicht mehr vollwertig, begehrens- und liebenswert fühlt.

Chronische Schmerzpatienten entwickeln häufig Angststörungen und Depressionen. Zu deren Behandlung werden häufig Antidepressiva verschrieben, die wiederum die Lust am Sex deutlich mindern können. Das sexuelle Verlangen und auch die Lust auf Zärtlichkeiten sinken dadurch immer weiter. 

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Sex gegen Schmerzen 

Sex kann zwar bei manchen Menschen zu Schmerzen führen, Sex kann aber auch zur Schmerzlinderung beitragen. Bei sexueller Erregung wird das Hormon Oxytocin freigesetzt, das das Schmerzempfinden verringert. Auch die Ausschüttung der „Glückshormone“ Endorphin und Dopamin wirkt schmerzlindernd. Erwiesen ist auch, dass Männer und Frauen nach dem Orgasmus ihre Schmerzen deutlich weniger stark spüren.

„Ein Teil der Patienten kann diese Tatsache für sich nützen und sich durch Sexualität für kurze Zeit aus der Schmerzwelt stehlen. Das betrifft aber nur diejenigen, die überhaupt noch die Kraft dazu haben und bei denen die Schmerzen nicht allzu groß sind. Diese können Sex als Ablenkung vom Schmerz noch praktizieren. Viele können das freilich nicht mehr, entweder, weil sie schon zu schwach sind oder an sexuellen Funktionsstörungen leiden oder keinerlei Lust mehr empfinden“, sagt Likar. 

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Medikamente vermindern Libido 

Viele Schmerzmedikamente, vor allem Opioide, greifen massiv in den Hormonhaushalt ein und mindern die Libido. Das gilt auch für Antidepressiva, die in der Schmerztherapie niedrig dosiert eingesetzt werden. Opiate, Antidepressiva und andere Schmerzmittel können auch zu sexuellen Funktionsstörungen, wie zum Beispiel Potenzstörungen führen. „Vor allem bei den häufig verschriebenen Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, den sogenannten SSRI, sind sexuelle Dysfunktionen recht häufig auftretende Nebenwirkungen“, so Likar. 

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Mit Arzt sprechen 

Vermutet man hinter der verminderten Lust Nebenwirkungen eines Medikaments, sollte man versuchen, die Dosis besser anzupassen oder ein anderes Medikament einzusetzen. Oft ist auch ein bestehender Medikamentenmix nicht ideal und verbesserungsbedürftig. „Meist lassen sich die Probleme lösen, man muss jedoch verschiedene Medikamente ausprobieren. Auch hier gilt: Sprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt und versuchen Sie nicht auf eigene Faust alternative Medikamente zu finden“, so der Schmerzspezialist.

Man sollte bei verminderter Lust oder bei Funktionsstörungen mit seinem Arzt offen darüber reden. „Wie Umfragen unter Rückenschmerz-Patienten zeigen, ist der Wunsch dazu bei fast allen vorhanden und die Mehrheit erwartet sich von den Ärzten Ratschläge zur Vermeidung von Schmerzen beim Sex“, so Likar. Die momentane Realität jedoch sieht anders aus: Über Sexualität wird im Rahmen von Erkrankungen kaum gesprochen.

Auch die Ärzte sind aufgefordert, dieses Thema unter vier Augen aktiv anzusprechen und die Initiative in die Hand zu nehmen, um sexuelle Probleme ebenfalls in die Schmerzbehandlung miteinzubeziehen. „Ansonsten sinkt die Motivation der Betroffenen, die Medikamente weiterhin einzunehmen und es kann passieren, dass die Patienten die Therapie einfach abbrechen“, sagt der Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin. 

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Offenheit in Partnerschaft 

Schmerzpatienten brauchen meist viel Zuneigung, um mit ihren Qualen zurechtzukommen. In der Realität aber verlieren sie die Zuneigung ihrer Partner und anderer enger Bezugspersonen im Laufe der Zeit, denn auch für die Umgebung ist der Schmerz eines Menschen auf die Dauer schwer zu verkraften. Viele chronisch kranke Menschen erleben es, dass sich ihre Partner von ihnen abwenden und sie verlassen.

Die Probleme von chronischen Schmerzpatienten mit ihrer Sexualität sind noch weitgehend ein Tabuthema. Kaum jemand spricht darüber, ein jeder Betroffene macht das mit sich selbst aus. „Dauerhafte Schmerzen haben Einfluss auf Partnerschaften, viele Beziehungen zerbrechen an ihnen. Weder wissen die Patienten selbst ausreichend über das Thema Bescheid, noch sind ihre Partner aufgeklärt, warum Schmerzpatienten oft keine Lust verspüren oder es mit der Sexualität nicht mehr klappt. Ich kann jedem Schmerzpatienten nur raten, die Dinge mit ihren Partnern klar und deutlich zu besprechen“, plädiert der Schmerzmediziner für einen offeneren Umgang mit der Sexualität. 

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Buchtipp

Rudolf Likar/Erwin Riess (Hrsg.)

Unerhörte Lust - Zur Sexualität behinderter und kranker Menschen

Otto Müller Verlag

 

Dr. Thomas Hartl

Oktober 2016


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 05. Oktober 2016