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Zwei Männer mit Ohrenschützer bei der Arbeit

Unbehandelte Schwerhörigkeit macht einsam

Mit 70 Jahren können nur mehr rund 60 Prozent der Bevölkerung uneingeschränkt hören. Hörstörungen gehören zu den häufigsten sensorischen Defiziten des Menschen. Unbehandelt kann etwa eine Altersschwerhörigkeit in die Isolation führen. Die moderne Medizin hilft mit Hörgeräten, Hörimplantaten und Hörtraining die Kommunikationsfähigkeit und somit das Teilhaben am Sozialleben zu erhalten bzw. wieder zu ermöglichen. 

Die Störungen können das Außen-, Mittel- und Innenohr betreffen. „Durch die Erweiterung der Diagnosetools in den letzten Jahren ist es gelungen die Orte der Schädigung sehr genau zu differenzieren. Vor allem für Kinder ist der Zeitpunkt der Diagnosestellung von entscheidender Bedeutung um ihnen eine optimale Hör-Sprachentwicklung zu ermöglichen“, sagt Primar Dr. Thomas Keintzel, Leiter der Abteilung für Hals-Nasen- und Ohrenerkrankungen im Klinikum Wels-Grieskirchen.

Hören ist ein Prozess aus Sinneswahrnehmung und zentraler Hörverarbeitung, die im Alter abnimmt. Das Sprachverstehen ist eine Hirnleistung und das Ohr ihr Vermittler. Klangwellen rollen an die Ohrmuschel heran und bringen das Trommelfell zum Schwingen, das Hammer, Amboss und Steigbügel bewegt. Diese drei Gehörknöchelchen pressen Flüssigkeit im Innenohr gegen Membranen, die Haarzellen stimulieren, welche die mechanische Energie der Schallwellen in elektrische Energie umwandeln. Diese Impulse werden über den Hörnerv zu den Hörzentren im Gehirn weitergeleitet. 

Freizeitlärm nimmt zu 

Der Freizeitlärm hat sich in den letzten zwanzig Jahren verdreifacht, während die Lärmbelastung am Arbeitsplatz abnimmt. Laut Keintzel hat man heute im Alltag viele Möglichkeiten sein Gehör nachhaltig zu schädigen. Als besonders gefährlich erachtet er die Verwendung von Einsteck-Kopfhörern zum Beispiel für MP3-Player. Generell gilt: Je höher der Lärmpegel ist, desto kürzer darf die Zeit der Beschallung sein. Für Hörstörungen sind Schallspitzen über 90 Dezibel (dB) und eine Dauerbeschallung über 85 Dezibel relevant. Jugendliche sollten sich Schalldruckpegeln von 100 dB höchstens eine Stunde pro Woche aussetzen. Eine britische Studie zeigte, dass junge Leute ihren MP3 Player im Schnitt auf 92 dB aufdrehen, um Umgebungsgeräusche wie U-Bahn oder Bus zu übertönen. „Eine stundenlange, etwa 110 dB laute Beschallung mit MP3-Player, erzeugt nachweisbare Hörstörungen“, sagt der HNO-Primar.

Ein vierstündiger Diskobesuch mit rund 110 dB lauter Musik entspricht zum Beispiel einer 40 Stundenwoche bei ungeschützter Lärmarbeit. Ab 60 dB spricht man von Lärmstress, der Schlaf, Herz-Kreislauf und Immunsystem beeinträchtigen kann. 

Beispiele für alltäglichen Lärm 

10 dB: Mücke, Computerrauschen

30 dB: Atemgeräusche

50 dB: Unterhaltung bei Zimmerlautstärke

80 dB: Motorrad

90 dB: Gewitter, Rasenmäher

130 dB: Düsenflugzeug

160 dB: Airbagentfaltung in unmittelbarer Nähe

170 dB: Ohrfeige am Ohr, Silvesterkracher in Ohrnähe 

Zur Prävention von Hörschäden sollte man Spitzenschallpegel vermeiden, Gehörschutz bei Lärmexposition tragen und die die Expositionszeit reduzieren. 

Ursachen für Schwerhörigkeit 

Die technische Weiterentwicklung sowohl konventioneller Hörhilfen als auch von elektronischen Hörimplantaten haben für Patienten neue Versorgungsindikationen eröffnet, die vor einigen Jahren noch nicht entsprechend therapierbar gewesen sind. Bei der sogenannten Altersschwerhörigkeit spielen neben dem Alterungsprozess auch Stoffwechselstörungen und genetische Faktoren eine Rolle. 

Bei der Schwerhörigkeit unterscheidet man allgemein zwischen:

Mittelohrschwerhörigkeit: Sie kann zum Beispiel die Folge von einer Mittelohrentzündung, eines Mittelohrergusses oder einer Osteosklerose (Versteifung der Gehörknöchelchen) sein. Operationen etwa zur Rekonstruktion der Gehörknöchelchen oder das Einsetzen eines Röhrchens, um die Flüssigkeit vom Erguss abfließen zu lassen, können Abhilfe schaffen.

Innenohrschwerhörigkeit: Ein Hörsturz kann eine plötzliche Innenohrschwerhörigkeit hervorrufen. Er soll binnen 48 Stunden behandelt werden, etwa durch die Kurzzeitgabe von Cortison. Neben der Abnützung und Funktionsunfähigkeit der Sinnenhärchen im Alter sind auch Knalltrauma, dauerhafte Lärmbelastung oder eine Infektion mit Borreliose Ursachen für eine Innenohrschwerhörigkeit. 

Arten von Hörhilfen 

Sprachaudiogramm und Hörtests geben Aufschluss über das Hörvermögen. Viele Hörbeeinträchtigte können mit Hörgeräten gut versorgt werden. Man unterscheidet zwischen technischen Hörhilfen wie etwa Hinter-dem-Ohr-Geräte, Im-Ohr-Geräte, Hörbrillen und implantierbaren Hörhilfen. Bei der Altersschwerhörigkeit sollen beide Ohren mit einem Gerät versorgt werden, das der Hör-Akustiker anpasst. Im Schnitt dauert es zwei bis drei Monate, bis man sich an das Gerät gewohnt hat. Danach kann der Träger ungehindert von den Vorteilen profitieren:

  • Er hat kaum Einbußen in der Kommunikation
  • Die Isolation kann vermieden werden
  • Die Lebensqualität steigt
  • Geistige Leistungsfähigkeit und Sozialleben können aufrecht erhalten werden

„Außerdem belegen aktuelle Studien den Zusammenhang zwischen Hörverlust und beschleunigtem Abbau von Gedächtnisleistung.  Hochgradig Schwerhörige haben ein fünffach erhöhtes Risiko für eine Demenzerkrankung“, erklärt Keintzel. Ohne adäquate Behandlung steigt aber auch das Risiko für eine Depression.

Kunstohr hilft Tauben 

Ist die Versorgung mit diesen technischen Geräten nicht effektiv durchführbar, gibt es implantierbare Hörgeräte. Je nach Ursache setzt man Mittelohr-, Innenohr-, Knochenleitungs- und Hirnstammimplantate ein.

Knochenleitungsimplantate kommen zum Beispiel bei einseitiger Taubheit oder Schallleitungsschwerhörigkeit zum Einsatz. Das so genannte Kunstohr, das Cochlea Implantat, ein Innenohrimplantat, ersetzt das ganze Sinnesorgan. Es wandelt die Schallwelle direkt in elektrische Energie um, die durch eine Elektrode in der Hörschnecke an den Hörnerv weitergeleitet wird. Das Kunstohr  kann bei ein- und beidseitiger Taubheit, bei Teilertaubung mit Resthörigkeit und hochgradiger Innenohrschwerhörigkeit eingesetzt werden. Dank technischer Verbesserungen ist das Kunstohr heute individuell auf die Hörstörung abstimmbar. 

Kognitives Hörtraining bedeutsam für den Erfolg 

Doch Technik alleine macht das Hören nicht wieder möglich, es braucht den Lernprozess eines logopädischen kognitiven Hörtrainings. Dieser Teil der Behandlung darf nicht vernachlässigt werden. Der Implantierte lernt dabei zentrale Hörvorgänge im Gehirn wieder zu aktivieren. Geräuscherkennung, selektives Hören, das Wortverstehen und Kommunikationstraining sind Inhalt des Übens.

Um für einen schwerhörigen Patienten ein optimales Behandlungsergebnis zu erzielen ist je nach Alter und Störung die Betreuung durch ein interdisziplinäres Team aus HNO-Arzt, Logopäden, Audiotherapeuten, Hörakustiker, Psychologen, Implanttechniker u.a. mittlerweile Standard.

 

Mag. Christine Radmayr

November 2016


Foto: shutterstock



Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020