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Äteres Paar fährt mit dem Fahrrad

Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Auch Senioren profitieren von Bewegung

Während die Bedeutung körperlicher Aktivität in der Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Menschen im arbeitsfähigen Alter allgemein bekannt ist, weiß man noch wenig über die Auswirkungen regelmäßiger Bewegung bei älteren Menschen. Studien belegen: Auch und gerade Senioren profitieren von körperlicher Aktivität. 

Alle Altersgruppen profitieren von körperlicher Aktivität. In den 70er Jahren wurde erstmals wissenschaftlich belegt, dass bei Menschen mit viel Bewegung die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit sinkt. Seitdem wurde diese Erkenntnis durch viele Studien belegt, präzisiert und detailliert dargelegt. Heute ist klar, dass auch Senioren signifikant von Bewegung profitieren. 

Studien belegen Gewinn für Senioren 

Dies zeigt auch eine neuere Studie aus Finnland (National FINRISK Study). Bei dieser Studie an Personen zwischen 65 und 74 Jahren fiel die Auswertung der über zwölf Jahre laufenden Untersuchung noch deutlicher aus als bei vorherigen Studien. Sie kommt zum Ergebnis, dass moderate körperliche Aktivität bei Menschen über 65 Jahren die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit um mehr als 50 Prozent verringert und die Risiken eines akuten Ereignisses (Herzinfarkt) um mehr als 30 Prozent.

„Ob sich die Daten der finnischen Studie auf alle Senioren anwenden lassen, ist allerdings nicht sicher, da an der Studie nur 2.500 Personen teilgenommen haben und vor allem haben nur herzgesunde Probanden teilgenommen. Ob die Ergebnisse also für bereits Herzkranke ebenfalls gelten, weiß man nicht“, sagt Dr. Martin Hofstadler, Oberarzt im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz.

Die ESC Guidelines (Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie - ECS) für Herzprävention gehen von einer Risikoreduzierung von 20 bis 30 Prozent aus, jedoch werden hier alle Altersgruppen in einen Topf geworfen. 

Moderates Training 

Die Leitlinie der ECS rät für die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu moderatem Training. Darunter fällt zum Beispiel flottes Gehen, langsames Joggen, Wandern, langsames Radfahren, Gartenarbeit, Golf spielen, Tanzen, Wasseraerobic. Empfohlen werden zumindest 5 mal 30 Minuten pro Woche (Die finnische Studie empfiehlt vier Stunden moderates Training pro Woche). Eine Steigerung der Dauer senkt das Risiko weiter, allerdings gibt es Grenzen. „Das Ausmaß der Aktivitäten muss dem individuellen Gesundheitszustand angepasst werden. Man sollte auch nicht übertreiben und keinen falschen Ehrgeiz entwickeln. Sich oft und ausdauernd zu bewegen ist empfehlenswert, aber niemand braucht einen Marathon zu laufen“, sagt Hofstadler. 

Bewegung schützt auf vielfältige Weise 

Warum auch Senioren von Bewegung profitieren, ist leicht erklärt: Bewegung wirkt sich auf vielfältige Weise direkt und indirekt auf die Herzgesundheit aus: Sie stärkt den Herzmuskel und senkt den Ruhepuls, wodurch das Herz entlastet wird. Zudem erweitert sie die Blutgefäße, wodurch das Herz zusätzlich entlastet wird. Weiter sehr wichtig: Bewegung aktiviert und stärkt die Skelettmuskulatur. Die Muskeln können dadurch Sauerstoff besser aufnehmen und Nährstoffe besser verarbeiten und ersparen dem Herzen viel Arbeit.

Menschen mit regelmäßiger körperlicher Aktivität senken zudem ihren Blutdruck, verringern den Cholesterinspiegel, regen Stoffwechsel, Verdauung, Entgiftung und die Sauerstoffversorgung im Herz und den anderen Organen an. Alle diese Effekte wirken sich auf die körperliche Gesundheit im Ganzen aus und senken auch das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Weitere bewegungsbedingte Vorteile: Aktivität reduziert Entzündungsprozesse, stärkt das Immunsystem, steigert die Nährstoffversorgung in den Gelenken (Bänder und Sehnen werden „geschmiert“), senkt das Risiko an Demenz, Osteoporose und an Krebs zu erkranken, verbessert die Stimmung und reduziert das Depressionsrisiko und vieles mehr.

Auch auf zellulärer Ebene ist eine Erklärung für den Vorteil von Bewegung möglich: Das Alter ist der Hauptrisikofaktor für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Moderate und regelmäßige Ausdauerbewegung bremst den Alterungsprozess der Zellen und erhöht dadurch den Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aktivität schützt die Erbinformation in den Zellen und bremst die Zellteilung, was die Alterung verlangsamt. 

Aktivität nach einer Herzerkrankung 

Gesunde Menschen können sich durch regelmäßige Ausdauerbewegung vor Herzerkrankungen schützen. Körperliche Bewegung wirkt sich aber auch für Menschen aus, die bereits an einer Herzerkrankung leiden oder eine solche überstanden haben. „Bevor man mit einer körperlichen Aktivität beginnt, sollte man aber unbedingt mit seinem behandelnden Arzt das Vorhaben besprechen und die möglicherweise bestehenden Risikofaktoren wie zum Beispiel Bluthochdruck abklären“, sagt Hofstadler.

Moderates Training unter ärztlicher Anleitung wirkt auch für Menschen nach einem überstandenen Ereignis wie einem Herzinfarkt positiv. „Idealerweise erlernt man die Möglichkeiten von Bewegung in einer Reha-Maßnahme. Hier wird man wieder an ein bewegtes Leben herangeführt, erlangt körperliche Sicherheit zurück und verliert die Angst, sich zu bewegen“, so der Mediziner.  

Bewegung bei Herzschwäche 

Bei den über 65jährigen ist die Herzinsuffizienz (Herzschwäche) häufigste Ursache für eine stationäre Aufnahme in Spitälern. Experten gehen davon aus, dass bis zu 300.000 Österreicher davon betroffen sind. Eine große Studie mit mehr als 21.000 Teilnehmern hat ergeben, dass bereits mit ein bis drei Trainingseinheiten pro Monat das Risiko, innerhalb der nächsten 25 Jahre an Herzinsuffizienz zu erkranken, um 23 Prozent gesenkt werden kann. Bei fünf bis sieben Einheiten pro Woche sinkt demnach das Risiko sogar um 36 Prozent.

„Neben einer ausreichenden medikamentösen Behandlung und engmaschiger Kontrollen, ist es auch wichtig, diese Patienten wieder in angemessene, kontrollierte Bewegung zu bringen. Bewegung ist zur Vermeidung und Behandlung wesentlicher Risikofaktoren für Herzinsuffizienz ein wichtiger Faktor“, sagt Hofstadler. 

Herzangst: Vertrauen in den Körper finden 

Viele Patienten mit oder nach einer Herzerkrankung oder nach einem Ereignis wie einem Herzinfarkt entwickeln eine sogenannte Herzangst, das heißt, sie hören übervorsichtig auf jeden Herzschlag und fürchten sich davor, ihren Köper wieder zu belasten. Wie man heute weiß, ist Schonung nur in den seltensten Fällen besser als körperliche Aktivität. Auch bei Herzangst empfiehlt sich eine Heranführung an körperliche Bewegung unter ärztlicher Anleitung. Mit der Zeit gewinnen die meisten Patienten wieder Vertrauen in sich und ihren Körper. 

Freude an der Bewegung 

Tatsache ist, dass sich die überwiegende Mehrheit der Erwachsenen und auch der Senioren nur unzureichend bewegt. Die Appelle, körperlich aktiv zu werden, gehen meistens ins Leere. Hofstadler: „Lebensstiländerungen sollte man weniger als Pflichtübung präsentieren, sondern die Freude an der Bewegung in den Vordergrund stellen. Senioren lassen sich in Gruppen eher zu Aktivitäten motivieren als alleine. In Gemeinschaft bereitet Bewegung meist mehr Freude. Möglichkeiten gibt es viele, wie zum Beispiel Tanzen, gemeinsam wandern, walken oder Gymnastik treiben.“

 

Dr. Thomas Hartl

November 2016


Foto: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020