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Frau fährt in der Stadt mit dem Fahrrad

Plädoyer fürs Fahrrad: Selbst Kurzstrecken-Radler verbessern ihre Herzgesundheit

Wer sich vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen will, muss dafür nicht stundenlang im Fitnessstudio schwitzen. Jeden Tag zur Arbeit zu radeln oder in der Freizeit ein paar Runden auf dem Drahtesel zu drehen, reicht dafür locker aus, berichtet die deutsche Ausgabe der Medizinplattform medscape.com. 

Das bestätigen nun zwei große Studien aus Skandinavien. Und das Beste daran: „Wie lange man radelt, spielt gar keine so große Rolle. Morgens 10 Minuten zur Arbeit, abends 10 Minuten zurück, das reicht schon aus – allerdings zügig sollte es sein“, kommentiert der Kardiologe und Sportmediziner Prof. Dr. Martin Halle die Studienergebnisse. Denn: „Den größten Effekt hat die Umstellung von Inaktivität auf Aktivität“, betont der Ärztliche Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin am Universitätsklinikum rechts der Isar der TU München.

Prof. Dr. Anders Grøntved, Sportepidemiologe an der Universität Süddänemark, und seine Kollegen analysierten die Daten von mehr als 20.000 schwedischen Männern und Frauen. Sie waren zu Studienbeginn Anfang 40 und wurden im Laufe einer 10-jährigen Nachbeobachtungszeit zweimal untersucht. Die Ergebnisse sind nun im Journal of the American Heart Association erschienen. 

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Kardiovaskulärer Schutz auch bei Spätstart 

Im Vergleich zu Studienteilnehmern, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Auto zur Arbeit fuhren (passives Pendeln), waren diejenigen, die regelmäßig zur Arbeit radelten (aktives Pendeln), zu Studienbeginn weniger häufig fettleibig, hatten seltener Bluthochdruck und zu hohe Cholesterinwerte und litten seltener an Prädiabetes oder Diabetes.

Nach 10 Jahren hatten auch die Studienteilnehmer, die zwischenzeitlich vom passiven auf das aktive Pendeln gewechselt waren, ein verbessertes Risikoprofil. Sie wiesen im Vergleich zu Nichtradlern seltener Fettleibigkeit, Diabetes, Hypertonie und erhöhtes Cholesterin auf.

Zusammengenommen hatten beide Gruppen – diejenigen, die von Anfang mit dem Rad gefahren waren, sowie diejenigen, die später noch damit angefangen hatten – nach 10 Jahren ein um 39 Prozent niedrigeres Risiko für Fettleibigkeit, ein um 11 Prozent niedrigeres Risiko für Bluthochdruck, ein um 20 Prozent niedrigeres Risiko für hohes Cholesterin und ein um 18 Prozent niedrigeres Risiko für Diabetes als diejenigen, die über den gesamten Studienzeitraum passiv gependelt waren.

Basierend auf diesen Ergebnissen schätzen die Wissenschaftler, dass Radeln zur Arbeit – sei es von Anfang oder von einem späteren Zeitpunkt an – eine signifikante Senkung der Fälle von Fettleibigkeit, Hypertonie, zu hohen Cholesterins und Diabetes herbeiführen kann. 

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Dänische Studie: Sieben Prozent der Herzinfarkte durch Radfahren vermeidbar 

Im Fachblatt Circulation berichtet die gleiche Arbeitsgruppe von der Abteilung für Sportwissenschaften und Klinische Biomechanik der Universität Süddänemark in Campusvej, diesmal unter der Leitung von Kim Blond, von einer ähnlichen Analyse mit rund 45.000 Dänen.

In dieser Analyse wurden neben dem herzschützenden Effekt des Radelns zur Arbeit allerdings auch die Auswirkungen des Radfahrens in der Freizeit untersucht. Die Studienteilnehmer wurden zu Studienbeginn und ein weiteres Mal nach 5 Jahren zu ihren Radfahr-Gewohnheiten befragt. Insgesamt lief die Nachbeobachtung über 20 Jahre.

Blond und ihre Kollegen berichten, dass diejenigen Studienteilnehmer, die jeden Tag zur Arbeit radelten oder in ihrer Freizeit regelmäßig mit dem Rad unterwegs waren, 11 beziehungsweise 18 Prozent weniger häufig an einer koronaren Herzkrankheit (KHK) erkrankten als die Nichtradler.

Insgesamt kam es während des 20-jährigen Beobachtungszeitraums zu 2.892 Herzinfarkten. Die Wissenschaftler schätzen, dass mehr als 7 Prozent der Herzinfarkte hätten vermieden werden können, wenn die Betroffenen von Anfang an regelmäßig Rad gefahren wären oder irgendwann mit dem Radfahren begonnen hätten. „Anders als in vielen anderen epidemiologischen Studien wurden die Radfahr-Gewohnheiten in dieser Arbeit zweimal abgefragt“, lobt Halle. „So ist ganz wunderbar zu sehen, dass es nie zu spät ist, um aktiv zu werden.“

Eine tägliche Mindestdauer oder -entfernung war nicht notwendig, um durch das Radeln das kardiovaskuläre Risiko zu senken. Wer häufiger oder über größere Entfernungen mit dem Rad unterwegs war, konnte sein Risiko nur noch ein wenig mehr senken. 

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„Das wichtigste ist, überhaupt einmal anzufangen“ 

„Diese Beobachtung deckt sich mit dem, was man auch in anderen Studien schon gesehen hat“, sagt Halle. „Der Haupteffekt kommt durch den Wechsel von Inaktivität auf Bewegung zustande, danach findet kaum noch eine Steigerung des kardiovaskulären Schutzes statt. Das ist eine wichtige Botschaft, die Ärzte ihren bislang inaktiven Patienten vermitteln können: Das wichtigste ist, überhaupt einmal anzufangen. Damit lässt sich im Hinblick auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit schon fast der maximale Nutzen erzielen.“

Laut der Analyse von Blond und ihren Kollegen vermittelte schon so wenig wie eine halbe Stunde Radfahren pro Woche einen gewissen Schutz vor KHK. Doch auch wenn so gut wie kein Schwelleneffekt zu beobachten gewesen sei, die Intensität der Aktivität spiele doch eine gewisse Rolle, betont Halle. „In der Studie mit den dänischen Teilnehmern machte es durchaus einen Unterschied, ob sie das Fahrrad als Transportmittel zur Arbeit benutzten oder in der Freizeit. Die Freizeitaktivität war doch noch etwas effektiver als das Radeln zur Arbeit. Um einen besonders substanziellen Effekt zu erzielen, sollte die Aktivität intensiv genug sein, um etwas ins Schwitzen zu kommen“, rät der Münchner Sportkardiologe.

 

Der gesamte Artikel wurde am 4. November 2016 auf Medscape Deutschland veröffentlicht und ist (nach kostenloser Registrierung) in voller Länge hier abrufbar.

 

Mag. Christian Boukal / medscapemedizin.de

Dezember 2016


Foto: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020